Guy Ritchies "Gentlemen"

Der Kritik Erster Theil: Die Zwei

Claudia Schiffer streicht sich eine Strähne aus ihrem Gesicht. Ihr Mann kaut genüsslich an einem Stück Kobe Rind. Sie essen zu Abend in ihrem Elisabethanischem Palast in Suffolk. "Schatz, du weißt, dass diese Art von Film eigentlich wie gemacht für Guy ist." Gesteht ihr Ehemann, Matthew Vaughn, ein. "Aber er ist so besessen von seinem neuen Projekt, 'Revolver'." Ihr Gast räuspert sich: "Siehst du es nicht auch schon vor dir, Matthew? Szene für Szene?" Ihr Mann nickt. J.J. hatte einen wunden Punkt erwischt. Sie wusste was zu tun war. Langsam stellt sie das Glas Sauvignon auf den Tisch. Sie hält den Arm ihres Ehemanns fest, der sofort innehält und aufhört, an dem Stück Rind zu schneiden. Sie schaut ihm tief in die Augen. "Nun, warum führst du nicht einfach Regie?".

So, oder so ähnlich hat sie wohl ausgesehen, die Entstehungsgeschichte von Layer Cake. Der Film, der 2004 herauskam, würde aus Daniel Craig James Bond machen, Tom Hardy der Welt vorstellen und der Kickstarter für so manch weitere Karriere sein. Doch vor allem sollte er Matthew Vaughn zum Regisseur machen. Hatte er zuvor Ritchies Meisterwerke Bube, Dame, König, Gras und Snatch produziert, begann nun sein Aufstieg unmittelbar hinter der Kamera. Während zeitgleich Ritchies erfolgversprechende Karriere ebenso eine Wendung erfahren würde. 

Ritchies Revolver, also das Projekt, was ihn dazu trieb J.J. Connollys Buch links liegen zu lassen, wurde ein eigenwilliges Werk. Man könnte sagen, es floppte, doch das Hauptproblem ist, dass diesen Film niemand versteht. Am Ende lässt Ritchie gar von Psychologen erklären, dass man selber sein größter Feind sei. Und so wurde auch Guy zum größten Feinde Guys.

Der Scheideweg stellte "Swept Away" mit seiner Ex-Frau Madonna in der Hauptrolle dar. Er und Vaughn, der treue Produzent, mussten beide unter Schockstarre stehen, nach dieser Katastrophe. Beide waren wohl dem Duft des Geldes gefolgt. Ritchie musste sich aber eingestehen, sich mit Revolver verrannt zu haben und Layer Cake schlug ein wie eine Bombe. Der Schüler bezwingt den Meister.  

Guy versucht es noch einmal, diesmal mit "Rock'n'Rolla". Vaughn hatte abermals mit "Der Sternenwanderer" (2007) vorgelegt. Ein klasse Film mit absoluter Starbesetzung. Und Guys Neuer? Verworren, komplex und viele Narrative. Es bleibt ein Geheimtipp. Aber Guy bleibt seiner Spur treu und auch Hollywood wird aufmerksam. Der große Durchbruch winkt und es folgt ein neuer Karriereabschnitt für Ritchie: Remakes.

Von jetzt an geht er auf Nummer sicher. Er hat die Story im Griff, aber die Charaktere, denen er neues Leben einhaucht, haben andere erfunden. Er kann so Robert Downey Jr. brilliant als Sherlock Holmes (2009) inszenieren. Jetzt hat er erneut die Wahl. Eine Fortsetzung von Rock'n'Rolla oder ein weiterer Sherlock Holmes? Vaughn hatte in der Zwischenzeit mit Kick-Ass (2010) den neuen, coolen Superheldenfilm passend zur Dekadenwende eingeführt. Im Folgejahr würde er sogar die Entstehungsgeschichte der X-Men verfilmen dürfen. Indessen setzt Ritchie auf Downing Jr. und "Spiel im Schatten" (2011) kann sich durchaus sehen lassen.

Guy scheint sich sicher auf seinen neu eingeschlagenen Wegen zu fühlen und dreht mit David Beckham sogar einen Werbefilm für H&M. Doch es ist die Ruhe vor dem Sturm. Vaughns Kingsman (2014) wird zum Publikumsliebling und sofortigem Kult Klassiker. Ritchie aber kann dem nur mit einem aus der Versenkung geholtem Hugh Grant gegensteuern. Mit "Codename U.N.C.L.E" (2015) erweckt eine alte Spionenserie und Grants Karriere zum Leben. Der Film trägt die übliche Ritchie DNA, aber eben auch fremdes Erbgut.

Und während Vaughn ambitioniert an The Golden Circle, einer Fortsetzung für seine Kingsman arbeitet, widmet sich Ritchie einer keltisch, angelsächsichen Legende zu: König Artus (2017). Der Film startet gut, verliert dann aber an Tempo.

Doch der Streifen wird aufgrund seines Titels und Machart zum Kinoerfolg. Ritchie ist ja schon längst zum Mainstream verkommen. Das merkt auch Disney, die sich Ritchie für ihre Remake-Tour sichert. Aladdin (2019) erscheint. Der Film hat wenig von der Magie des Zeichentricks und noch weniger von der Ritchies. Es scheint, als habe er schon lange seine drei Wünsche aufgebraucht. Ganz im Gegensatz zu Vaughn, der mit The King's Man (erscheint wohl 2020) seine Trilogie vollenden wird.  

So ist also seit dem Madonna Desaster klar: Ritchie schielt in Richtung Mainstream, Vaughn nach vorne. Wer im Rennen vorne liegt ist dabei ganz klar.


Lesen Sie in Theil 2 was The Gentlemen an dem Wettrennen der beiden ändert.

 


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