Provenienz-Ausstellung im LWL-Museum

Gestern lud das LWL-Museum zu einem Pressetermin für die Ausstellung „Eine Frage, der Herkunft. Geschichte(n) hinter den Bildern“ ein, die ab dem heutigen Freitag beginnt. Das Thema ist Provenienzforschung: Handelt es sich bei einigen der Bilder des Museums um NS-Raubkunst?

TH/ Es war ein Pressetermin, der schon mit der ersten Museumsführung der beginnenden Ausstellung gleichzusetzen war: Die Provenienzforscherin Eline van Dijk – Kuratorien der Ausstellung – führte in Begleitung der Co-Kuratorin Anna Luisa Walter die Reporter durch insgesamt vier Räume. In diesen waren jeweils Bilder ausgestellt, wegen deren Vergangenheit die vorherigen Eigentümer lange Zeit unklar waren oder gar noch unklar sind: NS-Kunstraub, Vererbungen und Tauschgeschäfte führten dazu. Um die nachträgliche Rekonstruktion der ehemaligen Besitzverhältnisse geht es bei der Provenienzforschung.

Provenienzforscherin Eline van Dijk. Foto: Wilfreid Gerharz, LWL-Museum für Kunst und Kultur

Provenienz ist die Klärung der Herkunftsgeschichte von Werken. Zwar steht bei den ausgestellten Fällen fest, von welchem Künstler das Werk erschaffen wurde, jedoch war oder ist nicht immer ganz klar, wann es in welcher Galerie ausgestellt war oder in wessen Besitz es sich befand. Höchste Priorität haben dabei in der Ausstellung Werke, für die untergegangen ist, wer sie zu Zeiten des zweiten Weltkrieges besessen hat. Schließlich kann es dabei um die Aufklärung von NS-Verbrechen gehen. Die Herkunft der Bilder kann in diesen Fällen laut van Dijrk aus zwei Gründen ungeklärt sein: Entweder wurden sie von den Nationalsozialisten beschlagnahmt oder der unbekannte jüdische Besitzer musste sie auf einer Flucht hektisch verkaufen oder gar zurücklassen. Van Dijk wies jedoch während der Führung daraufhin, dass Bilder aus der Zeit des zweiten Weltkrieges, bei denen die Provenienz zu klären war oder noch zu klären ist, nicht per se jüdische Besitzer haben müssen.

Seit 2018 erforscht van Dijk mit Unterstützung des „Deutschen Zentrums Kulturgutsverluste“ die Erwerbewege einer Bildersammlung des LWL-Museums, deren „Werdegang“ zu klären ist. Van Dijk erklärte vor der Fürhung die Ursache dieses Provenienz-Projekts: 2017 musste das LWL-Museum eine Truhe mit Bildern aus dem eigenen Bestand mühsam durchforsten, und zwar auf Anordnung von Rechtsanwälten. Die letzteren vertraten zum Beispiel Söhne von früheren Kunsthändlern – genauer gesagt Söhne, die sich als Erben von Bildern vermuteten, die ins LWL-Museum für Kunst und Kultur übergegangen sind, ohne dass die Frage nach der ursprünglichen Herkunft geklärt war. Einige Bilder wurden zuerst an die Erben zurückgegeben und ein paar Jahre danach vom LWL-Museum wieder aufgekauft, damit sie ausgestellt werden konnten. Die damit einhergehenden Provenienz-Arbeiten gaben den Anstoß, zugleich zu prüfen, ob sich unter den Bildern, deren Vorbesitzer unklar sind, auch Raubkunst aus der NS-Zeit befindet.

Die Ausstellung für den Pressetermin ging durch insgesamt vier Räume. Im ersten Raum wurde zur Einführung der Begriff „Provenienz“ konkreter veranschaulicht – und zwar anhand eines Zeitstrahles zu dem Bild „Romantische Landschaft“ (um 1820) des Malers Karl Blechen. Van Dijk erläuterte, wie der Zeitstrahl verschiedene Stadien der Besitzverhältnisse abbildet. Demnach kam das Bild zum Beispiel 1969 ins LWL-Museum, wurde 2005 an die legitimen Erben zurückgegeben und 2010 vom LWL-Museum zurückgekauft. Im Zeitstrahl wird ferner versucht, möglichst zu rekonstruieren, wann das Bild in welchem Museum ausgestellt wurde und wann es von welchen Kunsthändlern verkauft wurde.

Ein Reporter fragt nach dieser ersten Präsentation, wie diese Daten ermittelt werden. Van Dijk antwortet, das die Recherche immer mit dem Inventarbuch beginne, in dem vermerkt sei, wo das Bild wann gekauft wurde. Entscheidenden Aufschluss darüber gibt auch die Rückseite des Bildes, auf der sich die Siegel der Händler befinden. Auf dieser Basis wiederum suchte van Dijk nach Korrespondenzbriefen zwischen damaligen Käufern und Kunsthändlern. Auch versuche sie ab und an, die heutigen Nachkommen zu erreichen.

Dies exemplifizierte van Dijk im zweiten Raum anhand des Bildes „Frau mit verbundenem Kopf“ (1920) von Karl Schmidt-Rottluff (1887-1976). Dort war vom besagten Werk auch die Rückseite speziell ausgestellt, so dass die Siegel begutachtet werden konnten.

Das Bild "Frau mit verbundenem Kopf" von Karl Schmidt-Rotluff (Tobias Hachmann)

Im dritten Raum wurde das Gelernte anhand des Bildes „Königsberger Marzipantorte“ (1924) des Malers Lovis Corinth (siehe Bannerbild) vertieft. Um einen klaren Fall von NS-Raubgut mit tragischem Hintergrund handelt es sich beim im vierten Raum ausgestellten Bild „Getreideernte“ (1874) von Max Liebermann: Paul Stern – der mutmaßliche Voreigentümer des Bildes - wurde vom NS-Regime aus rassistischen Gründen verfolgt und beging 1942 im Barackenlager Selbstmord.  Das Bild "Getreideernte" von Max Liebermann (Tobias Hachmann)

Tobias Hachmann

Bannerbild: Das Gemälde "Getreideernte" (1874) von Max Liebermann (Foto: LWL/ Sabine Ahlbrand-Dornseif)


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