Lesen lernen

Mit dem Lesen ist es wie mit dem Schreiben oder Malen: Man kennt die schnöde Darstellungsform und bildet sich deshalb gleich ein, das Handwerk selbst zu beherrschen.

Vielleicht haben Sie sich auch schon einmal dabei erwischt, etwas zu lesen, um am Ende des Satzes festzustellen, dass man eigentlich nichts begriffen hat. Frustriert über sich selbst, ziemt man sich gleich an, einen zweiten Versuch zu starten, um auch an dessen Ende oft feststellen zu müssen, dass es mit dem Verständnis des Gelesenen nicht weit her ist.

 

Was wir negieren ist, dass die Sprache des Alltags nach anderen Regeln als die der Schrift funktioniert. Viel präziser sind in der Schriftsprache die Kompositionen aus Wörtern, die sich am Ende im Gehirn des Lesers zu einem sinnvollen Satz ergänzen sollen. Aber warum verstehe ich das, was man mir sagt meist sofort und das was ich lese oft nicht?

 

Des Rätsels Lösung liegt in der Geschichte des Wortes. Und diese Historie eines jeden Begriffes, ist in jedem Geist eine andere. Folglich müssen auch bei verschiedenen Menschen verschiedene Allegorien sensibilisiert sein. Ein Beispiel: Sie, maybe ein Japaner auf Besuch in Münster, sitzen vielleicht grad im Bus und lesen die Zeitung oder schauen auf ihr Smartphone. Plötzlich rempelt sie einer von hinten an und bittet Sie, Ihren Arsch mal zu bewegen. Ihnen ist der Ausdruck vielleicht nur als vulgäres Synonym für den Popo bekannt, dass es auch im Kontext des Satzes und der Situation so viel heißt wie: Mach mal Platz, ich will auch sitzen, kommt Ihnen nicht in den Sinn. Ähnlich ist es bei den Worten. Viele, wie die Namen von Gegenständen, Taten und Zuständen haben einen festen Begriff in unseren Gehirnkategorien. Zu oft haben wir dieses oder jenes Wort allzu oft in verschiedenen Kontexten unseres Lebens vernommen und plötzlich liegt ein Buch c´von Hillary Putnam vor Ihrer Nase und benutzt exakt das Wort, das Sie immer mit vulgärem Geschlechtsverkehr assoziieren in seiner eigentlichen Funktion als Name der Namen für Geschlechter: „the maskulin Sex“. Kein Wunder, dass sie irritiert sind.

 

Beim nächsten mal sind Sie schlauer, denken Sie sich und lesen das interessante Stück Papier erneut, bis Sie irgendwann die Proposition des Autors inhaliert und kultiviert haben.

 

Warum aber nicht gleich die Worte wie einen Eimer voll Wasser in den See des Geistes gießen. Den ganzen Text ohne jedes Verständnis einfach einmal ´runter lesen und den Steinen des Inhaltes Zeit zum sinken geben, um Tags darauf, vielleicht noch mit anderem Input die Sache neu zu betrachten, wenn Sie jetzt weiter lesen, werden sie eh müde, weil es viel zu anstrengend ist einen Text zu lesen, bei dem man auf so vielen Ebenen Neues entdecken und verstehen muss.

 

Warum die anspruchsvollen Texte nicht wie einen anspruchsvollen oder Lieblingsfilm immer und immer wieder sehen und bei jeder Betrachtung neue Facetten des Textes erkennen?

 

Diese Betrachtungsweise erklärt auch, warum Linguisten von´m Autoren und vom Text sprechen, denn der Text emanzipiert sich vom Autor direkt nachdem er ihn fertiggestellt hat. Direkt im Anschluss wird das Produkt seiner eigenen Arbeit selbst für ihn eine Ansammlung von Worten und Sätzen, die mit jeder Erfahrung einen neuen Sinn bekommt, Ihren wandelt oder einfach nur in ihren Prioritäten differiert.

 

Der Vorteil  bei Kindern, denen vorgelesen wurde liegt darin, dass sich dieser Prozess der Abstraktion und Konzentration von Inhalt im Laufe des Lebens ganz von selbst einstellt. Durch das wiederholte Hören von Geschriebenem, versteht das Kind die Mechanik und Möglichkeiten hinter der sonderbaren Art der Erzählung und differenziert sie zukünftig geistig im Kopf. Das Kind  wird zukünftig die Erwartung an das jeweilig Wahrzunehmende ändern und sich folglich bei geschriebenen Texten meist mit einer anderen Aufmerksamkeit an die Freude des Lesens begeben. Für das Kind ist nur neu, dass die sonst gehörten Worte jetzt geschrieben sind. Für den geneigten RTL2 - Zuseher sind die Worte, die Intensität und dass sie geschrieben sind eine totale Überforderung, die das Gehirn nur ermüden kann. GZSZ ist Nicht Faust und vor allem will Faust auch nicht f´die Alltagssprache rezipieren, sondern den Inhalt von Konversation pointiert darstellen und das im jeweilig situativen und charakterlichen Kontext. Wie würde wer was wann sagen?

 

Von Metaebenen wie Metrum etc. mal ganz abgesehen, dessen spezielle Nutzungen in sich schon eine Provokation inne haben können. Ähnlich wie bei der Wiedergabe alter Legenden schon das Wissen über die Originalgeschichte viel über den Umstand verrät, warum die gleiche Geschichte jetzt so dargestellt wird.

 

Machen sie das Werkzeug Ihres Alltags zu Zauberstäben Ihrer Phantasie. Ein „Hammer“ kann so viel mehr als nur Nägel in die Wand schlagen. Und dieses Wissen, macht aus einem schnöden Satz eine persönliche Geschichte. Denn was Ihr Hammer kann, kann eben nur ihr Hammer und sonst kein anderer, wer weiß, was sie schon alles mit diesem Werkzeug angestellt haben...

 

Apropos Werkzeug: Ja, Lesen ist manchmal Arbeit, denn Lesen spricht uns nicht von der „sapere aude“ Verantwortung frei, aber wer einmal entdeckt hat, dass das Buch in seiner Hand, von welchem Autor auch immer, im jeweiligen Geist zu einer uniquen und ganz persönlichen Geschichte reift, wird auf diese  reisen in den eigenen Geist, in dem nichts unmöglich ist, nie wieder missen wollen


Bild (auch Titelbild): Adi Muenstermann

 

 Fotos: Adi Muenstermann

 


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