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Judenhass: Alter Wein in neuen Schläuchen

Das Buch hat 192 Seiten, kostet Euro 18,50 und ist im kurz & bündig Verlag in Frankfurt und Basel erschienen. Befolgt man zunächst Wolffsohns eigenen Rat und versucht unverkrampft die Dinge beim Namen zu nennen, stellt man fest, dass das Buch in seinem Kernversprechen scheitert. Eine Rezension.

Rezension von "Antisemitismus heute. Michael Wolffsohn im Gespräch"


Von wegen „SchnellLeser“

Umfangreicher als ein Zeitschriftenbeitrag und kürzer als ein gängiges Buch lautet die Verlagsdevise. Was dem ersten Anschein nach klar definiert erscheint, entpuppt sich bei Betrachtung des Inhalts als eine leere Phrase. Ein Interview kann durchaus länger sein als ein Zeitschriftenbeitrag, hier sind es immerhin 31 Seiten, aber die restlichen 156 wurden mit Lessings Nathan der Weise bestückt. Das heißt, das Buch ist schon mal länger als Nathan der Weise, und das Interview gibt es beim SRF als Audioformat kostenfrei im Netz. Von daher kann man bereits den Mehrwert, ja die bloße Existenz dieses Buches hinterfragen.


Die alte Platte, die an der Oberfläche kratzt

Vielleicht hilft uns ja der Inhalt weiter. Der Übergang vom Interview hin zu Lessing ist so erzwungen wie das Konzept des Buches, ja es stellt ihn sogar inhaltlich in Frage. Wolffsohn selber unterscheidet zwischen Zerrbildern, also negative Vorstellungen über Juden, und Idealbildern, also positive Ideale. Ja der Verlag verwendet für das folgende Zitat sogar eine ganze Seite: „Es gibt, um es ganz einfach zu formulieren, Zerrbilder, bezogen auf Juden, wie zum Beispiel die «Juden-Sau». Und es gibt ideale Bilder wie Nathan der Weise. Kein Idealbild und kein Zerrbild entspricht der Realität.“ Er sagt weiter: „Nathan der Weise ist ein Ideal. Ideale sind nie erreichbar. Was wir brauchen, ist die Realität, die Offenheit.“ Gen Ende des Interviews muss sich aber auch Wolffsohn fragen, ob er die Juden nicht etwas idealisiert, wenn er sie durch alle Epochen hinweg als Elite, die keine Bomben wirft, bezeichnet.

Der Verlag scheint hieraus aber verstanden zu haben: druck‘s noch einmal Sam. Dadurch, dass das Lessing Werk aber völlig unkommentiert präsentiert wird, es laut Wolffsohn selbst ein Idealbild widerspiegelt und nicht die Realität und es nirgendwo anders erwähnt – auch nicht im Radiointerview – ist diese Entscheidung nicht nachvollziehbar. Ja, der Verlag will uns doch die Antwort auf den „von muslimischen Einwanderern mitgebrachten Judenhass“ geben, den Ursprung auf „archaische Vorurteile“ erörtern. Das macht ja nicht einmal das Interview, was sich ungefähr ab der zweiten Hälfte nur mit Wolffsohns Vita beschäftigt. Schleierhaft ist doch genau deshalb, warum man diese Antworten auch in einem archaischen Werk aus dem Jahre 1779 zu finden gedenkt. Ganz zu schweigen, dass es auch dieses Werk, gerade wegen seines Alters, ebenso frei im Netz zu finden gibt. 

Dieses Drama stammt aus einer Zeit, wo es weder den Staat Israel, noch den Zionismus, keinen Theodor Herzl, Disraeli, weder Sykes noch Picot, Imperialismus, geschweige denn Jihadismus und muslimische Migration nach Europa gab. Selbst von den USA, die es ja seit 1776 gibt, kann man hier eigentlich noch nicht sprechen. Welche ‚neuen‘ Schlüsse soll man aus diesem Werk also ziehen? Dieser Ansatz, der ja von Wolffsohn selber abgelehnt wird, ist ein sehr pathetischer und kann gar nichts mit der Realität zu tun haben. Oder glauben Sie, dass es den Nahost-Konflikt noch gibt, weil keiner Lessings Buch gelesen hat? Nein, wer mit der Ringparabel daherkommt, der hat wenig Ahnung von dem Ausmaß der Streitigkeiten.

Die Verleger haben sich wohl an Wolffsohns Aussage „Da haben wir ja nun Gott sei Dank Dichter, Schriftstel­ler und Denker, die intensiver denken als Politiker, Journalis­ten und Professoren“ orientiert, aber er zitiert Goethes Faust und ordnet das Zitat ein. Dieser Leistung entzieht sich kurz & bündig gänzlich.

 

Der Monolith in der Brandung

Lessings Werk soll also für sich selbst sprechen. Das Drama passt aber inhaltlich gar nicht zum Interview, weil Nathan der Weise, da fiktiv, in romantisierter, idealisierter und sicher auch orientalistischer Harmonie endet. Wolffsohn und auch die Verleger haben es aber deutlich auf „die größte Gewaltgefahr“ abgesehen: Muslime. Da Wolffsohn die Begriffe Muslim und muslimischer Extremist in problematischer Weise vermischt, ist diese Zuspitzung meinerseits durchaus folgerichtig. Ihm und seiner Interviewerin Susanne Schmugge geht es explizit um den „jüdisch-christlichen Dialog“ und wenn sich Muslime mit dem Islam beschäftigen, muss Wolffsohn sofort einschränken: „nicht im fundamentalistischen Sinne.“ Seine Antwort auf den Ursprung des Judenhasses fällt ebenso kurz aus, und es geht sehr wenig über das vom Verlag suggerierte Thema. Er sieht den Grund des muslimischen Hasses auf einem importierten Nahostkonflikt. Mehr erfahren wir nicht.


Nicht schon wieder die Hufeisentheorie

Nicht nur ist die mangelnde Differenzierung zwischen Muslimen und Extremisten problematisch. Wolffsohn sieht von den drei Gruppen als Feinde der jüdischen Gemeinschaft: Rechtsextreme, Linksextreme und Islamisten. Diese Trennung alleine ist schon schwierig, weil sie einerseits rechts und links als zwei gleiche extreme Pole darstellt, was sie nicht sind, da Linksextremismus eher die offene Gesellschaft schützt. Um Sascha Lobo zu zitieren: „Das Gegenteil von rechtsextrem ist nicht linksextrem, sondern demokratisch.“ Dem nicht genug, können Muslime durchaus rechts- und linksextrem sein – und Juden übrigens auch –, das heißt dieses Dreigespann, was nicht einmal klar definiert wird, wird der Komplexität der Sache nicht gerecht. Diese drei Kategorien können daher eigentlich nur von einem weißen Menschen kommen, die von ihrer Identität auf das andere, das Fremde schließen. 


Der Wolf und das Schaf

Zuletzt sei noch auf die Studie eingegangen, aus der Wolffsohn seine These, die schon vorher feststand, aufstellt: die Studie der Europäischen Menschenrechtsagentur von Ende 2018. Wolffsohn gibt im Interview vor, sich auf sie zu beziehen, bei näherer Recherche kann man dies aber nur oberflächlich bestätigen. Ja, die befragten Juden Europas haben Angst vor mündlichen Beleidigungen von „extremen Muslimen“. Jedoch nicht wie Wolffsohn angibt 40%, sondern 30% der Befragten und auch nicht am Meisten, denn ein Prozent fürchtet sich mehr vor einer Person, die sie nicht kennen und zuordnen können. Da Wolffsohn ja diese Kategorien als alleinstehend ansieht, bleibt von ihm unerwähnt, dass die befragten Juden ihre Antworten kombiniert haben. 33% der radikalen Muslime waren nämlich zugleich entweder linksextrem oder rechtsextrem (13%).

41% aller Befragten gaben außerdem an, dass der Arabisch-Israelische Konflikt einen großen Einfluss auf ihr Sicherheitsgefühl ausübt. Dieser Konflikt, den ja auch Wolffsohn als Ursache nennt, ist real, während der Konflikt zwischen rechtsextremen Weißen und den Juden fantastisch ist. Wolffsohn hat ebenso kein Interesse zu erwähnen, dass der angeblich „importierte“ Judenhass im großen Ausmaß lediglich reimportiert ist, da die Nationalsozialisten die muslimische Welt mit Antisemitismus nur so überflutet haben. Im Gegenteil: Wolffsohn scheint zu argumentieren, dass sich die Rechten heute bei den Muslimen etwas abschauen.   

Wir dürfen auch nicht vergessen, dass ‘Muslim‘ nichts über die Ethnie eines Täters aussagt. Besonders in Frankreich, wo den Juden sehr viel Hass entgegenströmt, sind die meisten Muslime schwarz. In einigen Ländern sahen die Juden nämlich ebenso ein Wachstum an Rassismus. Es hasst also, wer gehasst wird. 72% fürchten deshalb auch einen Anstieg an Intoleranz gegenüber Muslimen in Europa. Eine jüdische Frau aus Ungarn gab an, dass ihre Regierung nicht nur nicht gegen Antisemitismus vorgeht, sondern ihn fördert, auf eine amüsante Weise zusammen mit anti-muslimischen Vorurteilen. Und wenn man Wolffsohns eigener Logik folgt, würde auch Kritik an den Eliten als Antisemitismus durchgehen, nein, hier muss man differenzierter argumentieren, als das im Interview getan wurde.         


Wer ist denn nun blind?

Der Vogel wird aber sozusagen abgeschossen, als man den Hörern und bald den Lesern erklären will, dass Muslime gefährlicher seien als Rechtsextreme. Diese Aussage ist durch den Anschlag in Hanau und die Affenlaute im Fußball wirklich nicht gut gealtert. Das unser „schwacher Staat“ genau den rechten Terror und Alltagsrassismus unterschätzt hat, wie ja auch Schmugge eingangs vermutet, zeigt sich jüngst bei der Aushebung von rechten Terrorzellen, die mehrere Anschläge planten und so einen Bürgerkrieg provozieren wollten. Genau dieser Terror wird doch eher überschätzt und Muslime sichtlich ausgegrenzt, weil sie in den meisten Teilen Europas aus den verschiedensten Gründen eben immer noch nicht dazugehören.

Dementsprechend ist das Framing, die Prämisse und der Inhalt des Buches, was sich „Antisemitismus heute“ nennt, unzulässig, um die beschworenen Zeitfragen zu beantworten. So muss das Urteil lauten, dass sowohl das Buch, als auch der Judenhass alten Wein in neuen Schläuchen versucht auszuschenken. 

 

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