GRAFFITIFIZIERUNG

Was Fledermäuse mit Gentrifizierung zutun haben. Zumindest im Kreuzviertel. Hust ...

Gleich zu Beginn der Heerdestraße, neben der Doppelgarage gegenüber des Lehrerparkplatzes mit seiner Tiefgarage für Lehrer und angehende Lehrer und Lehrerinnen und angehende Lehrerinnen, wohnte mein Leben lang - in einem Souterrain mit Aussicht auf die Wurzeln eines Brombeerstrauches, eines Wacholderstammes und massig Efeus - dort; am Anfang der Straße, wohnte mein Freund Danniboy ... bei dem es immer dunkel war. Wir kannten uns von der Dampfwalze her! Ich übernahm das Steuer, während er zusah, dass ich auch ja nicht aus der Spur falle. Auf dem Spielplatz mit seiner Spielzeugdampfwalze wurde mir mein Nachbar zum Bruder und er hatte nicht viel, nicht wie ich, der immer zu viel hatte. Sein Großvater hatte es durch seine Tätigkeit als Anwalt - für die städtische Verwaltung oder so was Ähnliches - zu einem recht ansehnlichen Vermögen gebracht. Einen beträchtlichen Anteil seiner Penunzen steckte er in jenes Haus, in dessen Fundament ich ebenfalls einen beträchtlichen Anteil meiner Kindheit, Jugend und fast jedes Wochenende bis in das Jahr zweitausendachtzehn steckte. Man denkt sich so „nichts wird sich verändern“, oder auch „alles ist immerzu nur jetzt“, und dann stehst du vor den Bildern an der Ecke der Heerdestraße, und du vergisst Gegenwart. Auch mit achtzig werde ich uns noch als Kinder dort sehen, einer kleiner als der andere.

Dannis Mutter war alleinerziehend, und um ihr ein wenig mit dem kleinen unter die Arme zu greifen, konnten sie bis auf weitere Nebenkosten bei Großvater unterkommen. Ich hatte viel davon!

Wir hörten Snoop und Dre auf einer Aiwa-Anlage, wir lernten Kickflips vor dem blauen Zaun in seinem dichten RAL-5012, lichtblau. Wir hatten unsere ersten Freundinnen und zeigten ihnen, wie cool wir waren. Wir begruben zuerst seine Mutter, dann seinen Großvater und darauf seinen Vater.

Sein Großvater hatte ein extremes Sammelbedürfnis von allerlei lustigem Kram, wie es nur Menschen ihr Eigen nennen dürfen, die bereits alles gesehen haben. Ab einem gewissen Alter scheint es, als würde man ganz von allein dazu getrieben worden sein, hinter die Wirklichkeit zu blicken, um dem Wahren auf der Schliche zu sein, und anscheint verbirgt sich das Wahre gerne hinter einem singenden Karpfen, der auf Knopfdruck auch alles nachspricht was du ihm sagst, oder unterhaltsamen Postkarten mit lustigen Sprüchen, einem Leuchtturm mit Bewegungsmelder, einer Schraube, dem Gesang der Vögel in der Dämmerung, einer Fernbedienung, die mit Pflastern zusammengehalten wurde.

Einmal da gingen wir zusammen die Treppen hoch: Ich, Danni und Großvater, bewaffnet mit einem Besen und einem Baseballschläger gingen sie mutig voran. Seit geraumer Zeit kamen seltsame Geräusche die Leitungen herunter gekrochen. Eine vertrackte Mischung aus dem Knarren zu alter Rohre und dem rhythmisch tierischen und definitiv biologischen Klacken Tausender kleiner Nägel. Zuerst dachte man an den alleinstehenden Herrn im Zweiten, aber das war nur eine Vermutung, bis eines Abends die Rohre zu zittern begannen und wir eine Heidenangst bekamen.Firlefantz, mit „t“, so hieß der Hund des Opas (ernsthaft!), kam mit seinen trüben Augen gar nicht mehr klar und er lief verängstigt mit dem Kopf gegen die Wand, als würde er versuchen, sich von einem Schmerz im Mandelkern zu befreien. Wir gingen also hoch. Die beiden gingen vor und wir fühlten uns wie Ninjas. Die Ausziehtreppe machte Klänge wie eine Ziehharmonika aus der Vorhölle und wir zuckten leicht auf. Konzentrieren uns, und Danni sah von oben auf mich herab, durch alle Sprossen herab, um sicher zu gehen, dass ich auch nicht kneife.

Wir stehen nun im Dreieck zueinander gewandt auf diesem Dachboden, als Opa die Taschenlampe auf sein Gesicht richtet und sich die Lage langsam entspannte. „Wir sollten trotzdem das Fenster auf lassen, hier wurde schon seit Jahrzehnten nicht mehr gelüftet, Jung*spunds. Hier ist aber echt nichts. Keine Sorge, ist nur ein wenig dunkel“, Opa so. Als er das alte Fenster öffnete, welches man nur mit einer Stützstange wie eine Motorhaube aufrichten konnte, war es, als würde der Schatten von der Decke fallen. Tausende Fledermäuse bahnten sich wie aufgeschreckt, verschlungen in einem jämmerlich klingenden Geächze sogen sie sich, wie ein schreiender Schwarm in die Dämmerung hinein, drängten sich, durch das kleine Fenster, um bis in die Spitze der Kreuzkirche hinein, im Halbdunkel zu verschwimmen. Das Nennenswerte war die Tatsache, dass sich nicht einer von uns auch nur einen Hauch bewegte. Wie angewurzelt in der eigenen Verwurzlung eines Hauses verheddert, überließen wir uns dem Vertrauen, welches ein Heim einen bieten kann, weißt du.

„Schnell Jungens! Kommt schnell, seht euch dat an“ , als Opa uns wie ein Krake unter seine schwächer gewordenen Arme zog. Seine Speichen wurden uns zu einer sicheren Balustrade, während er versuchte, unsre kleinen Köpfe aus dem Guckloch zu stecken. Er machte uns diesen stillen Moment, erzeugte ihn als Geschenk, damit wir sehen durften, wie Aberhunderte organische Schatten von blanken Fledermausrücken, vor zu viel Licht, in das Mittelschiff der Kirche gegenüber getrieben wurden. Die Himmel waren rot: „Guckt mal Jungens. Die Engel backen Kuchen und deshalb haben sich die Flat*termänner hinterm Kirchturm versteckt, Jungens“. Er sagte, dass er so was noch nie erlebt habe und wir gingen zum Nordstern, wo er uns zwei Flat*termänner spendierte, einfach weil es für Kinderköpfe gut ist, beim Thema zu bleiben. Bis wir müde wurden, sprachen wir über unseren Mut und wer am mutigsten war und wie viel Angst ich hatte und wie wenig Danni. „Bestimmt sehen die gerade auf uns herunter und denken schon daran, wieder weiterzufliegen, Jungens. Die haben bestimmt richtigen Bammel vor uns, Jungens“.

Jahre später, nach der Beerdigung an einem Donnerstag, zu einer unsachgemäßen Zeit für einen solchen Zustand, saßen wir exakt am selben Tisch – hinten rechts in der Sitzbank, verborgen hinter den zwei Spielautomaten- und haben das Fell des Opas versoffen. Gerade an einem Donnerstag.

Immer donnerstags badete Danni seinen Opa, „Heute ist Oppas Badetag“, sagte Danni immer (sic.). Danni sagte „Alter, als die Oppa an diesen grünen Schlaufen heruntergelassen haben, keine Ahnung wie tief ... Drei, vier Meter oder so... Aber als dieser Elektromotor mit den Schlaufen Oppa runter gelassen hat, ne, da dachte ich nur so; das habe ich sonst immer mit meinen eigenen Händen gemacht. In die Badewanne rein. In die Badewanne raus. Ne. Es wäre besser gewesen, hätte ich ihn einfach ins Grab gelegt.“ „Is aber ein bisschen hoch, wa! Du würdest bestimmt vorher ausrutschen, und das auch noch auf einer Beerdigung? Na ja, ich weiß nicht alter!“. Wir mussten kurz lachen, und dann mussten wir kurz weinen, und dann mussten wir kurz zwei Kurze bestellen. Da Opa gut vorgesorgt hatte, hatten wir gut einen drin. Wir streiften über den Innenhof des Schillers und setzten uns auf die kniehohe Mauer vor den Garagen. Danni sah fertig aus und zum ersten Mal in meinem Leben fiel mir auf, dass vor den Augen ein ganzes Gesicht liegt. Doppelblick spielte, spiele an uns. Mit echten Kulleraugen sahen wir an der Außenwand des Hauses entlang. Da war es, ja genau da, genau da war es. Als sein Großvater zu uns sagte, dass er „so was wie mit de Fledermäuse noch nie gesehen hat“, wurde mir klar, was dieser alte Mann eigentlich sammelte. Es war nicht die Wahrheit hinter der Wirklichkeit, nicht die hinter dem Gegenstand liegende Anmut, nicht das Wort hinter dem Wort, sondern die Erinnerung an ein Leben, die durch sich selbst auf die Wahrheit verweist. Wenn Vergangenheit und Zukunft in der Gegenwart sind, dann ist da Anmut. Ein professioneller Sammler sammelt die Gegenwart, um sie aufzutürmen und gut sichtbar werden zu lassen. Er sammelt die Stille in der Zeit. Aus diesem Grund beauftragte Oppa, (sic.) Meiers und Meiers Malermeister damit, einige Fledermäuse über das eingefasste mitternachtsblau eines goldenen Rahmens fliegen zu lassen, indessen Mitte heraldisch die Kreuzkirche prangt, und zwar exakt aus der Perspektive des kleinen Gucklochs im Vierten, direkt vorne an der Außenwand solle er es machen. Und wie er es machte!

Wie wir nun auf der Mauer saßen und uns klar wurde, dass Danni nun endgültig ausziehen müsse, da alle übrigen Erbberechtigten zu weit auseinander                    wohnten (ebf. Sic.!) und das Haus bereits an ein Immobilienunternehmen verkauft wurde und Danni sich die Miete nie im Leben hätte leisten können, kauften wir uns noch ein, zwei Bier beim Rewe. Wir setzten uns wieder vor das Bild, welches mehr eine Erinnerungsstütze war als alles andere. „Zumindest bleibt das Bild“, schmunzelte es aus seiner linken Oberlippe hervor.

Das Haus wurde kernsaniert, der Zaun wurde umgestrichen, graublau. Der Vorgarten ist nun frei von Efeu, sieht echt hübsch aus. Das Bild wurde überstrichen.Weggewischte Krankheits*überträger nach Coronazeiten, nun ebenfalls grau. Danni zog nach Kinderhaus. Einzig die weiß verputzten zwei Fledermäuse aus Gipsstuck unterhalb des Balkons, auf dem mein ganzes Leben noch Opa mit seiner Zeitung sitzen wird, nur sie allein blieben noch übrig. Ich will hier niemanden durch zu viel Opapathos unter Druck setzten, aber Ihr, die ihr hier neu eingezogen seid (das war Pathos) soll gesagt sein: Herzlich willkommen und schön, dass es euch gibt und schön, dass ihr lebendig seid und dass ihr lebendig bleibt, immerdar. Macht euren Kindern neue Erinnerungen, mögen sie die Erinnerungen, die ihr ihnen gebt, ebenso berühren wie mich meine.



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