Rede von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier

zum Eröffnungskonzert des Mozartfestes Würzburg zum 100. Gründungsjubiläum am 28. Mai in Würzburg:

Ich weiß nicht, ob Sie schon einmal von der Weglassprobe gehört haben. Bei der Weglassprobe geht es ganz einfach um die Frage: Was würde uns fehlen, wenn es dieses oder jenes nicht gäbe, das so selbstverständlich da ist, mit dem wir uns selbstverständlich umgeben.

Fehlte uns also etwas, wenn es Mozart nicht gegeben hätte, wenn wir die „Zauberflöte“ nicht kennen würden, dieses immer wieder rätselhafte und immer wieder tief bewegende Loblied auf die Liebe und ihre weltverändernde Kraft?

Fehlte uns etwas, wenn wir die späten Sinfonien nicht kennen würden, die ganz aus ihrer Zeit sind und doch weit darüber hinausweisen; wenn wir die kleinen Stücke nicht hätten, die sich so tief in unser musikalisches Gedächtnis eingeschrieben haben, wie die „Kleine Nachtmusik“ oder das „Rondo Alla Turca“, die Kinder, die noch kaum Musik gehört haben, genauso unmittelbar ansprechen wie den Kenner?

Fehlte uns etwas, wenn wir das erschütternde Requiem nicht kennen würden, das die großen Fragen nach Leben und Tod, nach Gericht und Erlösung stellt und dann abbricht und uns vermittelt: Wir selber müssen immer neu eine Antwort auf diese Fragen finden.

Und fehlte uns etwas, wenn wir so kunstvolle Stücke nicht hätten wie das Finale aus dem zweiten Akt der „Hochzeit des Figaro“, wo bis zu sieben menschliche Stimmen sich verwickeln, sich streiten, sich verbinden und lösen – und wo sich musikalisch innerhalb von zwanzig Minuten ein ganzes Drama menschlichen Zusammenlebens abspielt?

Vieles mehr und möglicherweise ganz anderes wird manchen einfallen. Aber die Weglassprobe ergibt wohl in jedem Fall: Ohne Mozart und seine Musik würde unserem Selbstverständnis, unserem Weltverständnis und den Möglichkeiten, dafür einen Ausdruck zu finden, etwas Unersetzliches fehlen.

Nicht einmal 36 Jahre waren Wolfgang Amadeus Mozart geschenkt, um einen Kosmos an Musik zu erschaffen, der wohl jeden, der ihn neu betritt, sofort zutiefst einnimmt, und der uns, jedes Mal, wenn wir ihm begegnen, immer wieder neu überrascht und staunen macht – und dankbar.

Unter den vielen Veranstaltungen des diesjährigen Mozartfestes sticht eine Reihe heraus, die nicht Musik bietet, sondern pures Nachdenken. Die Vorträge dieser Reihe haben sich ein auf den ersten Blick eigenartiges Motto gegeben: „Wie viel Mozart braucht der Mensch?“ Unter diesem Motto beschäftigen sich einige herausragende Gelehrte mit der Frage, was das musikalische, ja das kulturelle Erbe Europas allgemein bedeutet – „zwischen Haushalts- und Wertedebatte“, wie es in der Ankündigung etwas provokant heißt.

Es ist, wie ich finde, sehr richtig und angemessen, dass gerade an diesem runden, hundertsten Geburtstag des Mozartfestes, nicht nur seine Musik gespielt und mit anderen, auch mit gegenwärtigen, modernen Kompositionen konfrontiert wird, sondern dass man sich auch die Frage stellt, wie denn die Klassiker vor ihrem schlimmsten Feind bewahrt werden können: einer unantastbaren Musealität.

Es gibt ja eine falsche vorgebliche Vertrautheit, die uns, gerade bei der Begegnung mit Klassikern, vor Überraschungen und damit vor neuen Fragen und der doch notwendigen Irritation des Gewohnten schützt. Und es gibt – noch immer – den Denkmalssockel, der vielen unnötige Scheu einflößt und ihnen so einen Zugang zu einer ganzen Welt verhindert.

Mozart, das haben sich bereits die Gründer des Würzburger Mozartfestes vor nunmehr hundert Jahren gedacht, ist kein Schönwetterkomponist, kein Komponist sozusagen nur für gute Zeiten. Mozart ist nicht als mögliche Steigerung eines sowie schon gelungenen und sinnvollen Lebens misszuverstehen. Kultur ist selten eindimensional. Kultur ist Vielfalt und Begegnung! Kultur hinterfragt, verstört, ist widerspenstig und überschreitet Grenzen. Wir brauchen das Gespräch der Gesellschaft über sich selbst in der Kultur. Wir brauchen es zu allen Zeiten.

Im Jahre 1921, dem Gründungsjahr des Mozartfestes, so könnte man leicht und auch nicht ganz zu Unrecht sagen, hatten die Menschen in Deutschland, und sicher auch in Würzburg, andere Sorgen: das tägliche Ringen der jungen Republik um ein wenig Stabilität, Arbeitslosigkeit, Geldentwertung. Aber diese „brodelnde Zeit“, wie es im diesjährigen Programmheft heißt, war auch eine Zeit des Aufbruchs, der Suche nach Orientierung, der Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten. Und auch der Suche danach, was im Vergangenen an neuen, unentdeckten Möglichkeiten steckt – eine Suche nach Trost, das gewiss, aber auch eine Suche nach Aufregung, nach Anregung, nach Inspiration für neue Wege.

Diesem Geist des Anfangs ist das Mozartfest, wenn ich es richtig sehe, in vieler Hinsicht treu geblieben. Hier haben die besten Interpretinnen und Interpreten immer neue Zugänge zu Mozart eröffnet – wofür die Öffnung von Spielstätten jenseits des klassischen Konzertsaales schon ein frühes Symbol war.

Wie viel Mozart braucht der Mensch? Dieser Frage nachzugehen, bedeutet also, der Frage nachzugehen, wie viel uns die Begegnung mit den Aufschwüngen großer Kunst bedeuten kann. Lenkt sie uns ab von den Problemen der Welt und unseres Lebens? Oder lenkt sie uns hin zu Idealen, zu Träumen, auch zu Irritationen? Beruhigt sie uns in einem falschen Bewusstsein von Harmonie oder bewegt sie uns und gibt sie neue Kraft?

„Zu Hilfe, zu Hilfe, sonst bin ich verloren“: Das sind die ersten gesungenen Worte in der „Zauberflöte“. Wir alle sind der Hilfe bedürftige Wesen; wir alle sind aber auch Wesen, die der tätigen Hilfe für andere fähig sind – das ist eine immer neu buchstabierte und komponierte Einsicht, nicht nur bei Mozart. Und deswegen muss die Frage „Wie viel Mozart braucht der Mensch?“ nicht als abstrakte, sozusagen zeitlose Frage gestellt werden, sondern verlangt in einer konkreten Gegenwart nach Antwort. Wie viel Mozart brauche ich? Brauchen wir?

Dieser Frage nähern wir uns am besten, indem wir uns wieder einmal intensiv seiner Musik aussetzen – heute Abend und beim ganzen Würzburger Mozartfest.

Gerade im Jubiläumsjahr wünsche ich mir und uns, dass Mozart uns wieder die Ohren öffne und die Herzen. Und manche Frage hat sich vielleicht dann auch schon erledigt.

Vielen Dank.

Bulletin 78-3



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