Aus dem Hörsaal vor den Bildschirm

Münsters Studenten müssen sich in diesem Semester umstellen. Wegen der Corona-Krise bleiben die Hochschulen geschlossen. Seminare sind ins Wohnzimmer verlegt. Den Studienalltag bestimmen Online-Vorlesungen und virtuelle Gruppentreffen.

„Irgendwie cool, aber auch ein bisschen Glückssache“, beschreibt die Münsteraner Studentin Laura ihre derzeitige Studiensituation. Die Corona-Krise erfordert eine Umstrukturierung des Lehrbetriebs an den Hochschulen in Münster – eine Herausforderung in vielerlei Hinsicht. Die Hörsäle und Seminarräume bleiben auch nach Beginn der offiziellen Vorlesungszeit leer. Stattdessen läuft das Studium seit dem 20. April innerhalb der eigenen vier Wände und digital ab.

Damit das funktionieren kann, hat die Uni Münster Lizenzen des Online Meeting-Tools „Zoom“ erworben, berichtet Steffen Dennert vom Allgemeinen Studienausschuss (AStA). So sollen Corona-Maßnahmen von den Studierenden eingehalten, das Studium aber trotzdem fortgesetzt werden können. Die Studierenden sind froh über diese Möglichkeit. So müssen sie ihr Studium nicht unterbrechen und ein Null-Semester ohne Veranstaltungen und die Erbringung von Leistungen einlegen. Über Live-Videos können sie die Veranstaltungen der Dozierenden digital von zuhause aus verfolgen.

Während der Corona-Krise findet das Studium im Wohnzimmer statt.

Münsters Studierende sind von der neuen Studienform insgesamt positiv überrascht und empfinden sie besser als gedacht. Mit einem Kaffee auf dem Sofa zu sitzen und sich dabei die Vorlesungen anzuhören sei eine bequeme Art des Lernens – allerdings nur dann, wenn die Technik funktioniert.

Die Live-Veranstaltungen finden zu offiziell vorgegebenen Zeiten statt. Wenn alles funktioniert, dann mit einer guten Bild- und Tonqualität, so der Tenor der Studenten. Die Betonung dabei liege allerdings auf „wenn“, denn die Live-Veranstaltungen laufen nicht immer ganz ohne Probleme. Schlechte Internetverbindungen oder eine Überlastung der Server wirken sich öfters auf die Qualität der Übertragung aus. Manchmal breche auch die gesamte Verbindung ab oder sei gar nicht erst möglich. Teilweise seien die Dozierenden auch mit der Technik nicht genügend vertraut und würden sich mit der technischen Umsetzung ihrer Lehrveranstaltungen schwer tun.

Die Aufzeichnungen von Veranstaltungen und das anschließende Hochladen dieser für einen Online-Zugriff empfinden Studierende daher als besonders wichtig: „Oft braucht man die Aufzeichnungen, um wirklich alles mitzubekommen“, teilen Studierende ihre Erfahrungen.

Allerdings hat die Umgewöhnung an die digitale Lehrsituation auch positive Seiten, klingt es aus dem Munde vieler Studierenden.Technische Probleme beziehungsweise die neue digitale Lehrsituation allgemein würden das Studieren zwischenzeitlich sehr amüsant machen. Häufig würden lustige Situationen entstehen, weil Studierende vergessen, das eigene Mikro auszustellen oder dass sie von Dozierenden und Kommilitonen gesehen werden: „Man vergisst zwischendurch gerne mal, dass man ja irgendwie doch nicht alleine, sondern virtuell im Hörsaal oder Seminarraum ist“, berichtet ein Lehramts-Student lachend. „Da passiert dann schon mal die eine oder andere Panne.“

Die technische Umsetzung ist herausfordernd und für viele ein großer Kritikpunkt an der aktuellen Situation. Trotzdem bringt die Digitalisierung der Lehrinhalte für Studierende einen positiven Wandel mit sich. Die digitale Verfügbarkeit von Lehrmaterialien sei ein großer und längst überfälliger Schritt, der zum Beispiel für die Nachbearbeitung von Inhalten vorteilhaft ist. Viele Dozierende hätten das vor der Corona-Krise nur unzureichend ermöglicht. Außerdem betonen Studierende die gewonnene zeitliche Flexibilität durch Aufzeichnungen der Inhalte. Von vielen wird die Unabhängigkeit von den festen Veranstaltungszeiten sehr geschätzt: „Man kann sich zum Beispiel morgens beim Frühstück schon eine Vorlesung anschauen und danach ersteinmal etwas anderes machen, je nachdem wie es passt.“ Studien- und Freizeit könne sich selbst eingeteilt werden und das sei eine tolle Sache.

Das sehen allerdings nicht alle so. Einige Studierende geben an, dass sie die feste Alltagsstruktur, die sie durch die festen Vorlesungszeiten vor der Corona-Krise hatten, vermissen: „Man schiebt dann doch vieles mal nach hinten und muss sich wirklich dazu zwingen, sich die Zeit zu nehmen, um die Vorlesungen konzentriert anzuschauen.“ Die digitale Studienform und ihre flexiblen Gestaltungsmöglichkeiten fordern viel Selbstdisziplin.

Sehr ungewohnt sei auch die digitale Organisation von interaktiven Seminaren in kleineren Gruppen oder Gruppentreffen der Studierenden für gemeinsame Arbeiten. An interaktive Lehrformen über den Bildschirm müsse man sich gewöhnen. Gerade das Präsentieren von Ergebnissen in Form von Referaten vor einem virtuellen Publikum sei ein komisches Gefühl und auch die Interaktionen innerhalb der präsentierenden Gruppe eine Herausforderung. Spontane Absprachen und Reaktionen über den Bildschirm zu erfassen sei deutlich schwieriger als direkt vor Ort.

Münsters Studierende sehen die aktuelle Studiensituation in der Corona-Krise als insgesamt mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Die meisten wünschen sich, dass ihr Studium möglichst bald wieder „normal“ weitergeht. Das Studieren von zuhause aus sei zwar entspannt und hätte viele Vorteile, sei aber nicht das Gleiche.

Gerade das Zusammentreffen bei Lehrveranstaltungen und das gemeinsame Lernen sei doch etwas, was die Studienzeit ausmache – und das fehle in dieser Zeit sehr. Aber auch wenn viele sich eine baldige Normalisierung der Umstände herbeisehen – der AStA und Studierende in Münster hoffen doch auch auf einen positiven Wandel des Studierens. Sie wünschen sich, dass auch über die Corona-Zeit hinaus die neuen digitalen Möglichkeiten aufrechterhalten werden. Wenn Aufzeichnungen und Online-Zugriffe Teil des Studiums bleiben, dann würde Corona in dieser Hinsicht auch positive Spuren an den Hochschulen hinterlassen.



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