Rede vom Bundespräsidenten

Dr. Frank-Walter Steinmeier beim Festakt zum 450-jährigen Gründungsjubiläum der Herzog August Bibliothek am 5. April 2022 in Wolfenbüttel:

Bulletin 46-1

„Codex Guelferbytanus 105 Novissimus in Folio“: Was sich für Uneingeweihte, also auch für mich, wie eine geheimnisvolle Formel anhört, vielleicht wie ein Zauberspruch oder ein Fluch aus der Welt der Harry-Potter-Romane, ist nichts weiter als eine gewöhnliche bibliografische Signatur aus dem Bestand der Herzog August Bibliothek.

Man sieht dieser Signatur nicht an, was sich darunter verbirgt. Hier bezeichnet diese nüchterne Chiffre nicht weniger als ein Weltwunder, ja, im Grunde eine ganze Welt. Es ist das Evangeliar Heinrichs des Löwen und Mathildes von England, also das kostbarste Stück, das diese nun 450 Jahre alte wunderbare Bibliothek aufbewahrt.

Das ist schon eines der ersten Prinzipien einer ordentlichen Bibliothek: Jedes Buch, jede Handschrift, jedes Inventarium bekommt eine Signatur, ist somit auf- und wiederfindbar – ein öffentlich zugängliches Stück Wissen.

Bibliotheken sind das zugängliche Wissen der Welt. Zugänglich, das bedeutet: Der Bestand ist nicht nur, wie im hierarchisch-labyrinthischen System der Klosterbibliothek im „Namen der Rose“, dem allwissenden Bibliothekar bekannt. Und die Bücher sind auch nicht nur, wie in vordemokratischen, feudalen Zeiten, einer kleinen Elite wissensdurstiger Gelehrter zugänglich. Nein, heute gilt: Eine Bibliothek in unseren demokratischen Zeiten ist grundsätzlich für jedermann offen. Kataloge und Inventarien sind kein Geheimwissen. Bibliotheken sind Orte der Partizipation, Türen zum Wissen und auch Einladungen zum Gespräch.

Ja, die Bücher kann man sich in einem ewigen Gespräch mit dem einzelnen Leser vorstellen. In seinem Film „Der Himmel über Berlin“ hat Wim Wenders es in einer Szene in der Berliner Staatsbibliothek so wunderbar, wie ich finde, dargestellt: dieses unaufhörliche Flüstern der Bücher. Aber auch miteinander kommen Leser ins Gespräch – über die Bücher, über ihr Leben, über den veränderlichen Zustand der Welt. Auch das macht Bibliotheken so wertvoll, ja so unersetzlich für die Wissens- und Willensbildung in der Gegenwart.

Umgekehrt gilt: Wo der Zugang zum Wissen verhindert, wo bestimmte Bücher weggesperrt, zensiert, ja sogar vernichtet werden, da ist Partizipation, da ist demokratische Teilhabe am Wissen, da ist das freie Gespräch gefährdet. Von der Diktatur über das Wissen und das Wissendürfen bis zur politischen Diktatur ist es immer nur ein kleiner Schritt. Wie bei der Pressefreiheit gilt auch hier: Der freie Zugang zu Bibliotheken ist ein ziemlich sicherer Indikator für den Zustand der Freiheit einer Gesellschaft.

Wir sehen gerade auch das im Extrem in dem menschenverachtenden, grausamen Angriffskrieg, den Russland gegen die Ukraine führt. Am Sonntag haben uns die Bilder und Nachrichten von den Gräueltaten in Butscha erreicht. Wir sind alle entsetzt und voller Wut und Trauer. Die Kriegsverbrechen Russlands sind sichtbar vor den Augen der Welt, und die Verantwortlichen müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Deutschland und die Europäische Union unterstützen die Beweissicherung und die Zeugenvernehmung, der Internationale Strafgerichtshof ermittelt. Von überall dort, wo russische Truppen seit dem 24. Februar angegriffen haben, mehren sich die Berichte von Leid und Zerstörung: gezielte Angriffe auf die Zivilbevölkerung, verwüstete Städte wie Charkiw und Mariupol, Flucht und Vertreibung in einem Ausmaß, wie Europa es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht erlebt hat.

Aber auch kulturelle Einrichtungen sind betroffen. Sie müssen schließen, sind gefährdet oder schon zerstört: Kirchen, Museen, Archive, Theater und eben auch Bibliotheken. Dieser Krieg richtet sich auch gegen das kulturelle Selbstverständnis eines ganzen Landes, gegen das kulturelle Selbstverständnis der Ukrainer.

Ich bin sehr dankbar dafür, dass sich das nationale und internationale Netz der Bibliotheken in dieser Stunde der Not bewährt. Die Deutsche Nationalbibliothek sammelt Hilfsangebote aus unserem Land, die Berliner Staatsbibliothek koordiniert die Anfragen nach Hilfe aus der Ukraine. Transporte mit Verpackungsmaterial sind unterwegs, Speicherplätze für den Schutz digitaler Daten werden angeboten – und natürlich, wie ich gehört habe, auch Hilfe für Geflüchtete, etwa als kurzfristig ermöglichte Stipendien und Jobangebote bei vielen Bibliotheken über das ganze Land hinweg. Ganz großen Dank an dieser Stelle an alle Beteiligten für diese präzise und umfangreiche kollegiale Hilfe!

Bibliotheken, das lehrt auch die Bibliotheca Augusta, also die „erhabene“ oder „ehrwürdige Bibliothek“, wenn wir den lateinischen Doppelsinn nehmen, mit ihren 450 Jahren hier in Wolfenbüttel, sind natürlich keine demokratischen Erfindungen. Sie stammen aus alten Zeiten. Aber sie waren Werkzeuge auf dem Weg des Menschen aus der Unmündigkeit, Werkzeuge zur Beendigung der Dogmatisierung oder der Wegschließung von Wissen. Mit anderen Worten: Ohne sie gäbe es die Demokratie nicht.

Es passt daher so sachlich wie symbolisch, dass einer der großen deutschen Aufklärer, Gotthold Ephraim Lessing, hier Bibliothekar war. Keine Aufklärung ohne Bücher, das ist sozusagen die bleibende historische Erinnerung. Kein freier Zugang zu Büchern, zu Wissen, zu eigenem Denken ohne aufgeklärte, demokratische Zustände: Das ist die bleibende politische und gesellschaftliche Verpflichtung für uns heute.

Das müssen wir uns etwas kosten lassen – und das lassen wir uns zum Glück auch etwas kosten. Sodass so wunderbare Zeugnisse unserer gemeinsamen Kultur wie das Evangeliar Heinrichs des Löwen oder das kürzlich für Wolfenbüttel aus Privatbesitz erworbene Stammbuch des Philipp Hainhofer, manchmal aus jahrhundertelanger Verborgenheit, in öffentlichen Besitz übergehen und auf diese Weise sichtbar und zugänglich werden.

Aber, und das ist für den Alltag vielleicht das Wichtigste: Wir müssen es uns auch etwas kosten lassen, dass unsere Bibliotheken im Ganzen gut ausgestattet sind, dass sie hervorragende Bibliothekarinnen und Bibliothekare haben, dass ihre Bestände sorgfältig erhalten und vor Verfall geschützt werden, dass sie sinnvoll und kontinuierlich erweitert – und dass sie wissenschaftlich ausgewertet und erforscht werden können.

Aufklärung braucht nicht nur Überzeugung und feierliche Bekenntnisse. Aufklärung, zumindest in Gestalt von Bibliotheken, ist auch eine Sache von Haushaltsplänen und Planstellen. Wer, wenn nicht Sie, unsere Bibliothekare, kann davon ein besseres – manchmal vielleicht auch ein etwas bekümmertes – Lied singen.

Von der „ehrwürdigen Bibliothek“ habe ich gerade gesprochen. Und vielleicht hat mancher, der lange keine Bibliothek oder eine Stadtteilbücherei besucht hat, noch immer dieses Bild vor Augen: eine mehr oder weniger verstaubte Stille, ein alter Bibliothekar oder eine alterslose Bibliothekarin, ein Zettelkasten mit fleckigen Karteikarten, eine strenge Benutzerordnung und Öffnungszeiten, die eigentlich nur für Freiberufler oder Rentnerinnen gemacht scheinen.

Das alles hat sich fast überall grundlegend geändert, und dafür möchte ich heute meine Anerkennung und meinen ausdrücklichen Dank sagen. Unsere Bibliotheken, von den großen Staats-, Landes- und Universitätsbibliotheken über die Stadtteil- und Ortsbibliotheken bis hin zu den katholischen und evangelischen öffentlichen Büchereien, sind heute ganz überwiegend offene, einladende, zu jeder Hilfestellung bereite Einrichtungen. Ein hervorragendes Beispiel für diesen neuen, einladenden Stil bietet gerade die uralte Wolfenbütteler Bibliothek. Allein schon ein Blick auf ihre Homepage kann das zeigen.

Hier wird niemand mehr abgeschreckt, sondern willkommen geheißen. Dazu kommt, dass die Bibliotheken früh und erfolgreich die großen Chancen der Digitalisierung ergriffen haben, soweit es die Mittel zuließen. Hier konnten und können ganz neue Wege gerade im Hinblick auf Partizipation eingeschlagen werden. In hervorragender Qualität stehen zum Beispiel jetzt alte Kostbarkeiten, Inkunabeln oder Handschriften, die aus konservatorischen Gründen geschützt werden müssen, der Öffentlichkeit zur Verfügung.

Und gerade die Stadt- oder Stadtteilbüchereien haben Integration und Inklusion als Aufgabe entdeckt. Viele Bibliotheken nehmen inzwischen einen öffentlichen Auftrag wahr, der weit über das Ausleihen von Büchern hinausgeht. Ich freue mich darüber, wenn es im „Forum Bibliothek und Information“ heißt: „Bibliotheken verändern sich zu hybriden Serviceeinrichtungen, indem sie analoge und digitale Angebote bereitstellen. Der Umgang mit neuen Technologien ist einer der Schlüssel für die gesellschaftliche Teilhabe.“

So sind Bibliotheken manchmal leuchtende Orte, an denen für manche, gerade in benachteiligten Stadtteilen, Kultur überhaupt erst zugänglich wird. Längst nicht jedes Kind kennt Bücher von zu Hause. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Bibliotheken erzählen von den leuchtenden Augen von Kindern, wenn sie ihren ersten Leseausweis erhalten. Wenn sie sich selber Schätze – und es gibt eben dort neben Büchern längst auch andere Medien –, wenn sie sich also selber Schätze aussuchen und ausleihen und mit nach Hause nehmen können. Gerade in dieser Hinsicht ist die Bedeutung von Bibliotheken und die Arbeit der Bibliothekarinnen und Bibliothekare gar nicht hoch genug einzuschätzen.

Es ist schön, wenn zwei oder drei Menschen das gleiche Buch lesen oder gelesen haben. Dann können sie sich darüber ins Gespräch vertiefen – und oft genug bekommen sie das Gefühl, vielleicht doch nicht das gleiche Buch gelesen zu haben. Bücher gehören zu den wichtigsten Werkzeugen, um Individuum zu werden: in ihren Geschichten nicht nur die eigene, schon gelebte Geschichte zu entdecken, sondern auch die noch ungelebten Möglichkeiten, die die eigene Lebensgeschichte bereithalten könnte.

„Denn die Menschen: das sind ihre Geschichten. Geschichten aber muss man erzählen“, schreibt Odo Marquard einmal. Und er macht auf die wichtige antitotalitäre Dimension aufmerksam, die die Vielfalt der Geschichten bedeutet: „Die Menschen brauchen viele Geschichten (und viele Bücher und viele Deutungen), um Individuen zu sein: geschützt vor dem Alleinzugriff einer einzigen Geschichte – und also frei zum Anderssein – durch die jeweils anderen Geschichten.“

Katja Petrowskaja, die in Kiew geborene Schriftstellerin, mit der ich gestern lange zusammengesessen habe, schreibt über ihre frühen Leseabenteuer: „Ich war davon überzeugt, es läge in meiner Macht, über meinen Charakter und mein Schicksal selbst zu entscheiden: Werde ich zu einer empfindlichen Mimose wie bei Tschechow oder zu einem Helden von Jack London, zu einer starken Frau wie bei Turgenjew, die sich mit schwächeren Männern umgibt, oder zu einem Schurken bei Stendhal?“

Als Menschen möchten wir unser eigenes Leben leben. Wir brauchen dazu Vorbilder, wir brauchen schon erlebte, schon geschriebene, im vollen Sinn des Wortes „verfasste“ Geschichten, um auf diese Idee zu kommen, um diese Idee mit unserem eigenen Leben zu verfolgen und Wirklichkeit werden zu lassen.

Vielfalt und Individualität: dafür stehen die Bibliotheken durch die Büchervielfalt, die sie beherbergen. Dadurch machen sie das große Angebot einer von Vielfalt, von Individualität und von Offenheit gegenüber anderen Lebensentwürfen geprägten Menschlichkeit.

Als Mensch individuell, eigensinnig, selbstverantwortlich zu leben, inmitten der Vielfalt anderer, ebenso individueller, eigensinniger und selbstverantwortlicher Menschen: das ist eben eine immer wieder neu zu erwerbende, immer wieder neu zu ermöglichende und zu verwirklichende humane Utopie.

Insofern sind Bibliotheken auch Verheißungsorte von möglicher Humanität. Das gilt überall auf der Welt und erst recht hier und heute, am Geburtstag der Herzog August Bibliothek. Ich finde: ein Grund zu feiern und dankbar zu sein, auch in diesen, für die Vision einer humanen Welt für alle so schweren Zeiten." 


Die Bundesregierung



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