Rede von Bundeskanzler Olaf Scholz

zum 40. Jubiläum Zentralrat Deutscher Sinti und Roma am 7. April 2022

Bulletin 47-1

"Verehrte Vorstände des Zentralrats,

sehr geehrter Herr Rose,

meine Damen und Herren,

über die Musik sind viele aus meiner Generation mit der Kultur der Sinti und Roma in Berührung gekommen. In den 70er Jahren war das. Ein Album des Jazz-Ensembles um den Gitarristen Häns’che Weiss hatte damals den Deutschen Schallplattenpreis gewonnen. Weiss singt darauf sanften, melodischen Jazz. Ein Lied aber ist ein Aufschrei. „Lasst uns unser Recht fordern!“ heißt es auf Deutsch. Ein Aufschrei nach Jahrhunderten der Entrechtung und Verfolgung. Ein Aufschrei, nach dem nationalsozialistischen Massenmord an den Sinti und Roma. Ein Aufschrei aufgrund von Diskriminierung, die Sinti und Roma erfahren mussten – und leider immer noch erfahren.

Vom „langen Schatten von Auschwitz“ hat Romani Rose einmal gesprochen. Gegen massive Widerstände mussten die Überlebenden und Hinterbliebenen viele Jahre lang für die Anerkennung ihres Leidens kämpfen. Erst seit 2012 erinnert unweit vom Bundestag ein Denkmal an die 500.000 ermordeten Sinti und Roma.

Und fast vier Jahrzehnte hat es nach dem Krieg gedauert, bis Bundeskanzler Helmut Schmidt die richtigen Worte fand. Das ungeheuerliche Unrecht, das Deutsche den Sinti und Roma zugefügt haben, benannte er als das, was es war: als einen Völkermord.

1982 war das. Im gleichen Jahr wurde der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma gegründet – heute vor 40 Jahren. Zu diesem Jubiläum gratuliere ich Ihnen von Herzen! 40 Jahre – gemessen an der 600 Jahre langen Tradition der Sinti und später auch der Roma hier bei uns in Deutschland erscheint das kurz. Und doch hat Ihre Arbeit unser Land nachhaltig verändert in diesen 40 Jahren. Sie haben für Sichtbarkeit gesorgt. Sie haben gezeigt, wie die Kultur der Sinti und Roma unser Land jahrhundertelang mitgeprägt hat und auch heute bereichert. Sie haben uns allen bewusst gemacht: Deutschland ist ihre Heimat. Dafür sind wir sehr dankbar.

Vieles, was längst überfällig war, ist auch dank der Initiative des Zentralrats vorangekommen: bei der Opferentschädigung etwa oder bei der juristischen Aufarbeitung der NS-Verbrechen.

In der internationalen Zusammenarbeit spielt der Zentralrat ebenfalls eine wichtige Rolle. Ich denke etwa an die Integration von Geflüchteten aus dem ehemaligen Jugoslawien und auch später, als 2015 wieder viele Schutzsuchende nach Deutschland kamen. Aktuell hat der Zentralrat sich mit anderen europäischen Roma-Netzwerken zusammengeschlossen und einen „Notfallfonds für Roma in der Ukraine“ errichtet. Für dieses Engagement möchte ich mich bei Ihnen allen, den haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Zentralrates, ganz herzlich bedanken!

Sie geben Sinti und Roma ein Gesicht und eine Stimme. Sie sorgen für Wahrnehmung und Respekt. Das ist umso wichtiger, als Sinti und Roma auch heute noch alltägliche Diskriminierung und Rassismus erleben. Vorurteile halten sich hartnäckig. Und es schmerzt, wenn viele Sinti und Roma auch heute ihre Identität in Beruf und Öffentlichkeit verleugnen – aus Angst vor Ausgrenzung.

Wir werden das nicht akzeptieren. Für Antiziganismus ist in unserer freien, demokratischen Gesellschaft kein Platz. Die Bundesregierung geht entschlossen gegen jede Form von Rassismus und Antiziganismus vor.

Und ich bin froh, den Zentralrat und Sie alle dabei an unserer Seite zu wissen." 


Die Bundesregierung 

Foto: Olaf Scholz / CMYK / Thomas Trutschel / Photothek



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