"Was ist schon normal?"

In Münster wird die Filmreihe "Drehbuch Geschichte" zum Thema Psyche und Gesellschaft im Film präsentiert.

Münster - (lwl) - Verstoßen, verzweifelt und verbogen - Menschen, die teils extreme Erfahrungen gemacht haben, prallen auf starre gesellschaftliche Strukturen. Aber "Was ist schon normal?" Unter diesem Titel präsentiert die Filmreihe "Drehbuch Geschichte" im Jahr 2022 ausgewählte Spielfilme in Münster (Kino Cinema und Freilichtmuseum Mühlenhof) zum Thema "Psyche und Gesellschaft im Film". Veranstalter sind neben dem Landschaftsverband Westfalen Lippe (LWL) und dem Verein "Die Linse e.V." der Geschichtsort Villa ten Hompel, der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und der Verein "Gegen Vergessen - für Demokratie e.V.". 

Traum oder Wirklichkeit? Im "Cabinet des Dr. Caligari" verschwimmen die Perspektiven. / F.W. Murnau-StiftungDie Reihe zeigt vom 5. April bis 25. Mai sieben Filme, die den gesellschaftlichen Umgang mit psychischen Erkrankungen, Krisen und Traumata schildern. Damit nimmt die Reihe den Fokus des Projektes "outside - inside - outside. Literatur und Psychiatrie" der LWL-Literaturkommission für Westfalen auf. Die Entstehungszeit der Spielfilme, überwiegend Literaturverfilmungen, liegt zwischen 1920 und 2019 und deckt ein Jahrhundert filmischen Umgangs mit dem Thema ab.

Dabei wird klar, dass sich der cineastische Blick auf die menschliche Seele über die Jahrzehnte hinweg gewandelt hat. Gerade in älteren Filmen erscheinen Menschen in psychischen Ausnahmesituationen oft als Außenseiter, deren Verhalten reguliert werden muss. Gleichzeitig spiegelt der Blick auf diese Charaktere die Normen und Tabus der Gesellschaften und Zeiten, in denen die Filme entstanden. Immer wieder lotet das Kino so auch die Grenzen dessen aus, was als "normal" gilt.

Die Reihe beginnt mit einem Bezugspunkt zu Münster. Im Jahr 2000 inszenierte Martin Jürgens den Roman "Jakob von Gunten" von Robert Walser als Theaterstück in der Westfälischen Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Münster. Jakob von Gunten, die jugendliche Titelfigur des Romans, stammt aus einer wohlhabenden Familie. Doch der Schatten des Vaters ist so übermächtig, dass der Sohn wegläuft und in ein obskures Erziehungsinstitut, eine Dienerschule, eintritt. In einer beklemmenden, traumartigen Atmosphäre von Zwang und Züchtigung soll er "die hohe Schule der Demut" lernen. Das Stück wurde 2001 verfilmt und ist als Auftakt der Reihe am 5. April um 18.30 Uhr im Cinema zu sehen. Der Autor, Lyriker und Regisseur Prof. Dr. Martin Jürgens führt in den Film ein. 

Der Dokumentarfilm "Lievalleen" erzählt, wie Autor Peter Wawerzinek als Kind von seiner Mutter verlassen wurde./ Peter Wawerzinek/ Steffen SebastianNach fünf weiteren Filmen - darunter so bekannte wie "Deutschland im Jahre Null" (1948), "Der Totmacher" (1995) und "Birdy" (1984) bildet zum Abschluss die Präsentation des expressionistischen Stummfilms "Das Cabinet des Dr. Caligari" einen Höhepunkt. Die verwickelte Suche nach einem Mörder zwischen Jahrmarkt und Psychiatrie wird im Freilichtmuseum Mühlenhof in Münster als audiovisuelle Installation mit musikalischer Untermalung gezeigt. Alle anderen Foren finden im Cinema Münster an der Warendorfer Straße statt.

Zu allen Filmen gibt es eine fachkundige Einführung. Im Anschluss an die Vorführungen besteht Gelegenheit zu Gesprächen und Diskussionen, teils stehen auch Filmschaffende, Autoren und Protagonisten dabei für Fragen zur Verfügung.

Die Reihe Drehbuch Geschichte 2022 findet in Anbindung an das Projekt "outside - inside - outside. Literatur und Psychiatrie" statt, das von der LWL-Kulturstiftung gefördert wird. Die Veranstalter bitten Interessierte aufgrund der aktuellen Corona-Lage, sich vorab unter im Internet unter https://www.cinema-muenster.de über die aktuellen Maßnahmen für die Veranstaltungen zu informieren.

Veranstaltungsorte (beide in Münster):

Cinema, Warendorfer Str. 45

Eintritt: 8 Euro / ermäßigt 7 Euro

Karten: http://www.cinema-muenster.de; Tel. 0251/30300

23.8.: Freilichtmuseum Mühlenhof, Theo-Breider-Weg 1,

Eintritt: 12,50 Euro / ermäßigt 11 Euro

Karten: http://www.localticketing.de

Die Filme:

Dienstag, 5.4., 18.30 Uhr, Cinema

Jakob von Gunten - Die hohe Schule der Demut (2001)

In dem Roman "Jakob von Gunten" (1909) berichtet Robert Walsers jugendliche Titelfigur von einem Aufenthalt in einer Dienerschule. Jakob von Gunten stammt aus einer wohlhabenden Familie. Doch der Schatten des Vaters ist übermächtig und so läuft er von zu Hause weg und tritt in eine Dienerschule ein. In einer beklemmenden, traumartigen Atmosphäre von Zwang und Züchtigung soll er "die hohe Schule der Demut" lernen. Alles in der dieser Schule ist darauf ausgelegt, die Schüler klein zu halten. 2000 entstand unter der Regie von Martin Jürgens eine Theater-Produktion, die in der westfälischen Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Münster aufgeführt und verfilmt wurde. Die Einführung für diese Veranstaltung übernimmt der Autor, Lyriker und Regisseur Prof. Dr. Martin Jürgens.

Dienstag, 12.4., 18.30 Uhr, Cinema

Deutschland im Jahre Null (1948)

Das düstere Nachkriegsdrama interpretiert den psychisch-moralischen Zustand der Deutschen in der "Zusammenbruchgesellschaft" (Bernd A. Rusinek). Der Film erzählt die Geschichte eines zwölfjährigen Jungen. Er versucht sich in einer Welt in Trümmern durchzuschlagen, scheitert aber beständig. Der Film, 1947 zum Teil im zerstörten Berlin gedreht, zeichnet ein präzises Psychogramm der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Roberto Rossellini verdichtet Alltagssituationen, um die seelische Heimatlosigkeit der Menschen zu beschreiben, die zu keinen neuen Identitäten finden können, weil die Vergangenheit sie nicht loslässt. Der Historiker Prof. Dr. Markus Köster vom LWL-Medienzentrum wird den Film historisch einordnen.

Dienstag, 26.4., 18.30 Uhr, Cinema

Der Totmacher (1995)

Der Psychiater Ernst Schultze befragt den Serienmörder Fritz Haarmann. Das dicht inszenierte Kammerspiel folgt dabei dem originalen Verhörprotokoll und bildet so das Psychogramm einer besonderen Begegnung ab. Die Einführung übernimmt Stefan Querl vom Geschichtsort Villa ten Hompel.

Dienstag, 3.5., 18.30 Uhr, Cinema

Lievalleen (2019)

Als Peter Wawerzinek drei Jahre alt war, verließ seine Mutter ihn und die Schwester, um in den Westen zu gehen. Mit seinem Roman "Rabenliebe" hat Peter Wawerzinek bereits 2010 versucht, dieses Erlebnis literarisch aufzuarbeiten. Wie das Leben der beiden Geschwister in ganz unterschiedlichen Bahnen verlief, erzählt der Dokumentarfilm "Lievalleen".

Prof. Dr. Walter Gödden von der LWL-Literaturkommission für Westfalen führt in den Film ein. Zum Nachgespräch werden der Autor und Protagonist Peter Wawerzinek sowie seine Schwester Beate Runge erwartet.

Dienstag, 10.5., 18.30 Uhr, Cinema

Birdy (1984)

Nach einem Einsatz im Vietnamkrieg kehren zwei Freunde in die Heimat zurück. Der eine, wegen seiner Faszination für Vogelkunde von allen Birdy genannt, hat sich nach traumatischen Kriegserlebnissen in eine Innenwelt zurückgezogen und glaubt ein Vogel zu sein. Sein Freund Sergeant Al Columbato versucht Birdy in die Realität zurückzuholen. Doch was ist für Birdy der richtige Weg? Nina Kliemke vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. führt in den Film ein. Beim Nachgespräch steht der Bundeswehrangehörige Dirk Holtsträter für Fragen zur Verfügung.

Dienstag, 17.5., 18.30 Uhr, Cinema

Durchgeknallt (1999)

In den 1960er-Jahren landet die 18-jährige Susanna nach einem Selbstmordversuch in einer psychiatrischen Klinik. Hier trifft sie auf Lisa, die sich als Rebellin gegen jede Form von Autorität auflehnt. Die beiden könnten unterschiedlicher nicht sein. Gemeinsam versuchen sie sich gegen den harten Klinikalltag zu behaupten und schmieden schließlich einen Fluchtplan. Susanna fühlt sich zunächst verstanden und unter Gleichgesinnten, muss sich nach einer Weile jedoch fragen, was normal und was verrückt ist und zu welcher Sorte Mensch sie gehört. Der Film beruht auf den authentischen Erinnerungen von Susanne Kaysen, die 18 Monate in einer geschlossenen Psychiatrie verbrachte. Dr. Julia Paulus vom LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte beleuchtet den Film in ihrer Einführung aus einer genderspezifischen Perspektive.

Mittwoch, 25.5., Einlass 21 Uhr, Beginn 21.45 Uhr,

Mühlenhof-Freilichtmuseum Münster

Das Cabinet des Dr. Caligari (1920)

Ein rätselhafter Mörder treibt in einem kleinen Städtchen sein Unwesen. Nach einigen Verwirrungen fällt der Verdacht auf Dr. Caligari, der auf dem Jahrmarkt einen Schlafwandler herumzeigt. Doch wer ist Dr. Caligari wirklich? Die Spur führt in eine Psychiatrie in der die Ermittler die Wahrheit zu finden hoffen.

"Das Cabinet des Dr. Caligari" gilt als Meilenstein des expressionistischen deutschen Stummfilms. Insbesondere die gemalten und grotesk verzerrten Kulissen mit kontrastreicher Beleuchtung sorgen bis heute für Aufsehen. Im Sinne des "expanded cinema" (englisch für "erweitertes Kino") zeigen die Veranstalter den Film als Open Air Veranstaltung im Museum Mühlenhof. Die Musikalische Untermalung des Films übernimmt das Duo "schwarz-weiß ist die bessere Farbe" (Anja Kreysing und Helmut Buntjer). Prof. Dr. Andreas Blödorn von der Universität Münster führt in diesen Stummfilm ein. 


Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) 

Foto: Nach seinem Einsatz im Vietnamkrieg glaubt "Birdy" ein Vogel zu sein. / Park Circus




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