Rede von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel

beim Wissenschaftsgipfel der Weltgesundheitsorganisation (WHO) am 15. November 2021 als Videobotschaft:

Sehr geehrter Herr Generaldirektor, lieber Tedros,
sehr geehrte Michelle Bachelet,
sehr geehrter Ban Ki-moon,
sehr geehrte Frau Swaminathan,
verehrte Damen und Herren,

herzlichen Dank, lieber Tedros, für die Einladung, hier beim Wissenschaftsgipfel der WHO zu sprechen.

Wenn sich ein Krankheitsausbruch über eine Epidemie hin zu einer Pandemie entwickelt, dann ist das ein guter Grund mehr, den Rat der Wissenschaft zu suchen. Mit was für einer Art von Erreger haben wir es überhaupt zu tun? Was ist zu tun – lokal, national und global –, um das Infektionsgeschehen einzudämmen? Wie lassen sich die Erkenntnisse und schließlich auch wirksame Hilfen möglichst rasch teilen?

Ende 2019 und Anfang 2020 hatten wir nur wenig Wissen über den Erreger SARS-CoV-2. Coronaviren allerdings waren nicht ganz unbekannt. In Deutschland wird bereits seit 2006 hierzu geforscht. Aber es hat sich einmal mehr gezeigt, wie wichtig internationale Vernetzung in der Gesundheitsforschung ist. Ich bin allen Expertenteams auf der ganzen Welt dafür dankbar, dass sie in einer unglaublichen Geschwindigkeit ihr Wissen geteilt haben, um das SARS-CoV-2-Virus zu entschlüsseln. Bereits Mitte Januar 2020 gab es einen ersten PCR-Test zur Diagnostik. Und in weniger als einem Jahr konnten wirksame und sichere Impfstoffe entwickelt werden. Das war ein Meilenstein in der Pandemiebewältigung. Mich als deutsche Bundeskanzlerin freut es natürlich, dass auch Expertinnen und Experten aus Deutschland daran beteiligt waren.

So wichtig es auch ist, dass sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gut vernetzen, brauchen sie aber auch einen guten Draht zur Politik. Ohnehin gilt es eine hinreichende nationale und internationale Forschungsförderung sicherzustellen. Das sollen und müssen uns Forschungsfortschritte, gerade wenn es um unser aller Gesundheit geht, auch wert sein. Diese Zusagen müssen verlässlich sein.

Leider kann aber nicht jedes Land Forschungskapazitäten in dem Maße vorhalten, wie sie eigentlich wünschenswert wären. Vor diesem Hintergrund zeigt sich die Bedeutung der globalen Initiative ACT-Accelerator und ihrer Impfstoffsäule Covax. Damit haben wir zum einen die Forschung an Impfstoffen, Therapeutika und Diagnostika finanziell unterstützt und zum anderen auch ärmeren Ländern Impfstoffe zur Verfügung gestellt. Zudem haben sich die G20-Staaten dazu verpflichtet, weltweit den Zugang zu den so dringend gebrauchten Impfstoffen, Therapeutika und Diagnostika noch deutlich zu verbessern. Damit rücken wir dem von der WHO empfohlenen Ziel näher, bis Ende 2021 in allen Ländern mindestens 40 Prozent und bis Mitte 2022 mindestens 70 Prozent der Bevölkerung zu impfen. Auf mittel- und langfristige Sicht müssen wir auch weiter daran arbeiten, dass Impfstoffe nicht nur in Industrieländern hergestellt werden, sondern zum Beispiel auch in afrikanischen Staaten.

Zweifellos werden wir es in Zukunft immer wieder mit neuen gesundheitlichen Herausforderungen zu tun haben, weshalb es auch ein modernes Gesundheitssystem wie in Deutschland stets weiterzuentwickeln gilt. Beispielsweise haben wir während der Pandemie schnell gemerkt, wie wichtig eine Verbesserung unseres Meldewesens im Gesundheitsbereich ist – von den Arztpraxen über die Labore und Gesundheitsämter hin zum Robert-Koch-Institut, unserer zentralen Einrichtung zur Krankheitsüberwachung und Prävention.

Zweifellos spielt die Digitalisierung eine wichtige Rolle, um sich ein umfassendes Bild vom Infektionsgeschehen machen zu können. Die Verknüpfung von Informationen und ein möglichst genauer Überblick sind von elementarer Bedeutung für die Optimierung von Methoden zur Behandlung und Prävention, aber eben auch für politische Entscheidungen. Es war und ist mir immer sehr wichtig, aus Fachkreisen der Infektiologie, Immunologie, des Gesundheitswesens allgemein und auch der Ethik Expertise und Ratschläge einzuholen. Schließlich erfordert eine erfolgreiche Pandemiebekämpfung, die ja eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, auch einen geeigneten politischen Rahmen.

Um mehr Licht ins Dunkel gegenwärtiger und künftiger Infektionsentwicklungen zu bringen und richtige Antworten darauf zu finden, bedarf es geeigneter Plattformen zum Austausch zwischen Wissenschaft und Politik und natürlich auch innerhalb der Wissenschaft – und zwar nicht nur auf nationaler, sondern auch auf internationaler Ebene. Gerade wenn es darum geht, den Ursprüngen neuer Epidemien auf den Grund zu gehen, halte ich es für richtig, uns besser aufzustellen. Daher begrüße ich, dass wir nun mit der SAGO, der WHO Scientific Advisory Group for the Origins of Novel Pathogens, eine neue Einheit von Forscherinnen und Forschern etablieren, die über einen längeren Zeitraum zusammenarbeiten. Ihre Aufgabe wird es sein, die WHO über das Auftreten neuer oder neuartiger Erreger zu beraten. Dies wird der Politik helfen, Informationen über möglicherweise besorgniserregende Pathogene früher zu erhalten und damit schneller reagieren zu können.

Grundlage für Informationen und Beratung sind Daten aus der Umwelt, der Tierwelt, der Geografie, der Soziologie und nicht zuletzt natürlich auch aus dem Gesundheitsbereich. Die interdisziplinäre und internationale Erhebung, Verfolgung und Analyse dieser Daten ist keine leichte Aufgabe. Umso mehr freut es mich, dass wir mit dem WHO Hub for Pandemic and Epidemic Intelligence in Berlin einen neuen Raum schaffen, in dem Daten zur Vorsorge weiterer Pandemien und Epidemien analysiert werden können und in dem auch die dazu benötigten Instrumente entwickelt und erprobt werden können. Gerade auch mit Hilfe künstlicher Intelligenz lassen sich neue Zusammenhänge in Datensätzen entdecken, an denen weiter geforscht werden kann. Diese technischen Möglichkeiten wird der WHO Hub in Berlin nutzen und die Erkenntnisse mit allen Staaten teilen. So lassen sich Gesundheitsbedrohungen schneller und besser erkennen und für die Politik wichtige Entscheidungsgrundlagen gewinnen.

Lassen Sie mich abschließend in drei Punkten zusammenfassen, worauf es aus meiner Sicht also grundsätzlich ankommt.

Erstens sollten wir für mehr Zusammenarbeit und Vernetzung sorgen – in der Wissenschaft, in der Politik sowie zwischen Wissenschaft und Politik.

Zweitens brauchen wir effiziente und funktionstüchtige Strukturen. Hierfür gilt es die Finanzierung der Weltgesundheitsorganisation auf ein verlässliches Fundament zu stellen. Schließlich kommt der WHO als koordinierender Stelle in der globalen Gesundheitsarchitektur eine zentrale Rolle zu. Zudem sollten die Mandate aller Organisationen und Akteure in der globalen Gesundheit klar aufeinander abgestimmt werden.

Drittens müssen wir weiter das Vertrauen festigen, das unabdingbar für eine erfolgreiche Zusammenarbeit ist.

Pandemien kennen keine Ländergrenzen. Gemeinsame Herausforderungen wie diese lassen sich trotz aller nationaler Anstrengungen erst dann bewältigen, wenn wir auch gemeinsam vorgehen. Statt allein zu agieren, haben wir gemeinsam weitaus bessere Chancen, den Schrecken von Pandemien erfolgreich zu begegnen. Die aktuelle Pandemie mit ihren katastrophalen gesundheitlichen und auch wirtschaftlichen Folgen sollte uns eine Lehre sein. Wir sollten Netzwerke, Strukturen und Vertrauen aufbauen, also Voraussetzungen für uns und künftige Generationen schaffen, um schneller und besser auf Gesundheitsbedrohungen reagieren zu können. Wir sind gut beraten, wenn wir ganz gezielt Maßnahmen für eine bessere Prävention, Früherkennung und Reaktion in einem Pandemievertrag oder einem anderen rechtlichen Instrument verbindlich festhalten.

Es mangelt gewiss nicht an Diskussionsbedarf. Daher wünsche ich Ihnen einen ertragreichen Gedankenaustausch bei diesem Gipfel. Und nicht zuletzt danke ich Ihnen allen von Herzen für Ihr Engagement.


©Bundesregierung



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