Rede von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier

beim Staatsbankett, gegeben vom Präsidenten der Republik Irland, Michael D. Higgins, am 27. Oktober 2021 in Dublin:

„Here in the north the stars are high and distant.“ So schreibt der irische Schriftsteller Colm Tóibín in seinem neuen Roman über den deutschen Schriftsteller Thomas Mann. „Here in the north“ meint in diesem Fall zwar Lübeck, die Heimatstadt des Protagonisten, aber Lübeck und Dublin liegen fast exakt auf demselben Breitengrad, und daher können wir, so denke ich, getrost von derselben Himmelsperspektive ausgehen.

Unzählige irische Dichter haben diesen Himmel besungen und uns dankbaren Lesern die distant stars ein Stückchen näher geholt – Yeats und Wilde, Beckett und Boland, Joyce, Heaney und Shaw und all die anderen großen Literatinnen und Literaten, an denen Ihr Land so überreich ist und ohne die auch unsere deutschen Bibliotheken und Buchläden kaum vorstellbar wären.

Für meine Frau und mich ist dies – ich kann es selbst kaum glauben – der allererste Besuch in Irland, und ich kann Ihnen versichern: Wir sind voll der Vorfreude und Neugier auf Ihr Land!

Irland ist – wie oft wurde uns davon schon vorgeschwärmt! – ein wunderschönes, faszinierendes, facettenreiches Stück Erde: reich sowohl an Kultur- wie an Naturschönheit; so tief durchdrungen von Geschichte wie auch weit vorn in Richtung Zukunft; so leidgeprüft in seinem langen Ringen um Freiheit und Unabhängigkeit wie optimistisch und zupackend in seinem Engagement für eine gerechte demokratische Gesellschaft und für eine friedlichere Welt.

Alle diese Facetten dürfen wir, die deutschen Gäste, bei diesem Staatsbesuch erleben: die Schönheit der Natur, in Connemara und den Wicklow Mountains; die Vielfalt von Kultur und Sprache – nicht nur hier in der Hauptstadt, im Literaturmuseum oder im ehrwürdigen Trinity College, sondern auch im Westen des Landes, an der Universität von Limerick und in der Gaeltacht, am Drehort von Ros na Rún – bis hin zum Hurling, das selbst unter eingefleischten deutschen Sportfans die wenigsten kennen dürften; die alte Geschichte im sagenumwobenen „Book of Kells“ und die junge, lebendige Zukunft bei den Start-ups in den Docklands; die leidvolle Geschichte der irischen Freiheitskämpfer im „Garden of Remembrance“ – und den zupackenden demokratischen Spirit der Bürgerinnen und Bürger heute Mittag im Gespräch über die „Citizens‘ Assembly“.

Lieber Michael Higgins, liebe Gastgeber, im Namen meiner gesamten Delegation sage ich herzlichen Dank, dass Sie diesen irischen Reichtum mit uns teilen!

Ich habe Colm Tóibín und sein Buch über Thomas Mann nicht ganz zufällig an den Beginn meiner Rede gestellt – nicht nur als eines von vielen Beispielen für die pulsierende irische Literaturszene. Ich vermute, kaum ein anderes Land bringt pro Kopf so viele spannende Neuerscheinungen hervor, und, lieber Michael, kaum ein anderes Land hat einen Präsidenten, der die meisten davon sogar liest und selbst zu diesem Reichtum noch durch eigene Werke beiträgt.

Nein, ich nenne dieses Buch, weil es eine wunderbare Brücke zwischen unseren Ländern schlägt – und eine Brücke hin zu der großen Frage, die Sie und mich als Präsidenten unserer Länder umtreibt: die Frage nach der Geschichte und der Zukunft unserer Demokratie.

Unsere Geschichte kann und sollte man nicht vergleichen. Nur eins ist gewiss: Für unsere beiden Länder war der Weg zu Freiheit und Demokratie ein weiter. Für den verschlungenen, oft widersprüchlichen Weg meines Landes zur Demokratie steht kaum ein anderer großer Deutscher so exemplarisch wie Thomas Mann. Das beschreibt Colm Tóibín sehr klug und subtil in seinem Roman.

Aber ich glaube: Wenn es um die Zukunft der Demokratie geht, um ihre Erneuerung und Selbstbehauptung in dieser rasant sich wandelnden Welt, dann haben unsere beiden Länder viel gemeinsam – und vor allem viel zu tun! Denn wir spüren doch, wie sehr Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Völkerrecht weltweit auf die Probe gestellt sind; wie andere Mächte aufstreben, die andere Vorstellungen von Gesellschaft vertreten; und wie sehr sogar bei uns selbst, im vereinten Europa und bei unseren Freunden jenseits des Atlantik, die „Selbstverständlichkeit der Demokratie eine zweifelhafte Sache geworden“ ist. So hat es Thomas Mann einmal formuliert, vor über achtzig Jahren.

Wir, Iren und Deutsche, wissen, dass wir uns engagieren müssen: für eine gerechte Gestaltung der Globalisierung, für Frieden, Menschenrechte und Völkerrecht weltweit. Versinnbildlicht wurde dieses gemeinsame Engagement in der buchstäblichen Staffelübergabe von Deutschland an Irland im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zu Beginn dieses Jahres.

Und zugleich wissen wir: Nur ein starkes, vereintes Europa kann stark sein in der Welt. Nur ein starkes, vereintes Europa hat der Welt etwas zu bieten! Auch deshalb beschäftigt uns der Zusammenhalt Europas in diesen Zeiten ganz besonders. Der Prozess des Brexit war schwierig und schmerzhaft. Aber wir Deutsche wissen: Irland gehört untrennbar zu Europa. Irland ist, wie Heinrich Böll gesagt hat, „Europas glühendes Herz“.

Und zugleich hoffe ich, dass die Menschen in Irland wissen: Deutschland steht felsenfest an der Seite Irlands. Und nicht nur das, sondern wir können – bei all den Herausforderungen, die der Brexit mit sich bringt – auch neue Türen zueinander öffnen: in Wirtschaft und Handel, in Wissenschaft und Kultur. Und gerade bei den jungen Menschen, den Studierenden, Auszubildenden, Sprachlernern, hat eine neue Dynamik schon begonnen, und ich würde mich freuen, wenn unsere Regierungen dem noch mal einen zusätzlichen Impuls verleihen, bei Bildung und Kultur etwa. Ich finde, diesen deutsch-irischen Austausch sollten wir ausbauen, diese ganz konkreten neuen Chancen sollten wir nutzen, liebe Freunde – es ist an der Zeit!

Wenn wir über die Zukunft der Demokratie sprechen, dann fällt unser Blick immer auch zurück auf unsere eigenen Gesellschaften: auf die Sorge vor Polarisierung und die Suche nach Zusammenhalt in der wachsenden Vielfalt, nach Halt und Orientierung in einem Zeitalter permanenter Beschleunigung, wie Hartmut Rosa analysiert hat.

Ich bin dankbar, dass wir auf dieser Reise – mit ihm und vielen weiteren irischen und deutschen Gesprächspartnern – auch über die brennenden, offenen Fragen in unseren eigenen Gesellschaften sprechen. Darauf kommt es am Ende an. Bei allem notwendigen Engagement da draußen in der Welt glaube ich: Den größten Dienst an der Demokratie müssen wir bei uns selbst leisten, indem wir sie im Innern unserer Gesellschaft lebendig halten und erneuern. Gerade in dieser Hinsicht freue ich mich darauf, hier in Irland zu diskutieren und zu lernen – und vielleicht sogar etwas mit nach Hause zu nehmen von jenem irischen Mut zur Erneuerung, wie er in der „Citizens’ Assembly“ beispielhaft deutlich wird.

Erlauben Sie mir zum Schluss noch ein persönliches Wort: Wer ins Unbekannte reist, in ein neues Land, der kann sich glücklich schätzen, einen Freund zu haben, der ihn bei der Hand nimmt. Und genau so ist das heute für mich! Lieber Michael, in wenigen Tagen feiern Sie den zehnten Jahrestag Ihrer Vereidigung als Präsident Irlands. Und ebenso wie mein Amtsvorgänger, Joachim Gauck, so erinnere auch ich mich gern an die vielen Begegnungen und Gespräche der vergangenen Jahre, ganz besonders an Ihren Staatsbesuch bei uns Deutschland im Jahr 2019, noch bevor die Pandemie uns heimsuchte. Ich schätze mich glücklich, in Ihnen nicht nur einen Amtskollegen zu haben, sondern einen klugen, einen ebenso belesenen wie beredten Gesprächspartner. Ich danke Ihnen, wir danken Ihnen beiden für die Zeit und die besondere Aufmerksamkeit, die Sie uns bei diesem Besuch widmen!

Auf Ihr Wohl, lieber Michael und liebe Sabina Higgins, erhebe ich mein Glas – und auf die neuen Chancen, auf die Freundschaft zwischen Irland und Deutschland!



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