Über 9000 Menschen ausgeflogen

Bisher wurden über 9000 Menschen bei dramatischer Rettungsaktion aus Kabul ausgeflogen

Angesichts der dramatischen Lage in Afghanistan seit der Machtübernahme der radikalislamischen Taliban haben westliche Länder inzwischen weit über 9000 Menschen aus Kabul ausgeflogen - und Tausende warten immer noch verzweifelt auf ihre Rettung. Die Bundeswehr flog bis spät in die Nacht zum Freitag deutsche Staatsbürger und afghanische Ortskräfte aus Kabul aus, insgesamt nun mehr als 1640 Menschen. Gleichzeitig laufen weltweit hektische diplomatische Bemühungen, um in der Krise international eng zusammenzuarbeiten. 

Zuletzt landete eine Transportmaschine der Bundeswehr vom Typ A400M mit 181 Menschen an Bord in der Nacht in der usbekischen Hauptstadt Taschkent. Zuvor war ein A400M mit 184 Menschen an Bord aus der afghanischen Hauptstadt eingetroffen. "Bisher wurden in elf Umläufen über 1640 Menschen aus Afghanistan evakuiert", teilte die Bundeswehr im Onlinedienst Twitter mit. Die USA meldeten am Donnerstag, sie hätten in den vergangenen fünf Tagen rund 7000 Menschen aus Kabul ausgeflogen. Auch andere westliche Länder haben bereits hunderte Landsleute ausgeflogen, darunter Frankreich, die Türkei oder Großbritannien.

Am Flughafen der Stadt warten aber weiter tausende Afghanen, um einen Platz in einem rettenden Flieger zu bekommen. Nach unbestätigten Berichten gab es mehrere Tote am Flughafen, wo sich die Menschen in einem Streifen zwischen US-Soldaten und Taliban drängen.

Dramatische Szenen hatten sich schon kurz nach der Machtübernahme der Taliban am Flughafen abgespielt, Menschen klammerten sich an startende US-Flugzeuge und stürzten dann ab. Dabei kam nach Angaben eines Sportverbandes auch ein Fußballspieler der afghanischen Jugend-Nationalmannschaft ums Leben.

Die Gruppe sieben wichtiger Industrieländer G7 forderten ebenso wie die UNO die Taliban am Donnerstag auf, den Afghanen, die das Land verlassen wollen, einen sicheren Zugang zum Flughafen zu gewähren. Die UNO warnte vor der systematischen Verfolgung von afghanischen Nato-Ortskräften, die Taliban führten "Prioritätenlisten" für Festnahmen.

Die USA versicherten aber am Donnerstag, dass sich der Zugang zum Flughafen verbessert habe. Pentagon-Sprecher John Kirby sagte, "der Prozess funktioniert". Auch das US-Außenministerium verwies auf "produktive Gespräche" mit den Taliban.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron plädierte für eine enge internationale Zusammenarbeit in der Krise. In einem eineinhalbstündigen Telefongespräch mit dem russischen Staatschef Wladimir Putin vereinbarten beide nach Angaben des Elysée-Palasts, sich in den nächsten Tagen und Wochen eng abzustimmen - bilateral ebenso wie im Rahmen des UN-Sicherheitsrates und der G20. Bundeskanzlerin Angela Merkel will am Freitag bei einem Besuch in Moskau mit Putin auch über Afghanistan sprechen.

Ein G7-Treffen ist für nächste Woche vorgesehen. Macron hob in einem Telefonat mit US-Präsident Joe Biden die "dringende Notwendigkeit" zwischen Verbündeten hervor, sich schnell vor Ort zu koordinieren, um die Evakuierung der jeweiligen Staatsbürger und gefährdeter Afghanen sicherzustellen. Die Außenminister der Nato wollen am Freitag über die Lage beraten.

Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) stand derweil weiter wegen der von ihm selbst eingestandenen Fehleinschätzungen zur Lage in Afghanistan unter Druck, die mit zu der höchst riskanten Evakuierungsaktion der Bundeswehr in Kabul führte. Vize-Kanzler und SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz nahm ihn in Schutz, Maas sei "die flasche Adresse". Auch gehe es jetzt vor allem um die Evakuierungsmission, sagte er der "Rheinischen Post" (Freitagsausgabe).

Auch Unionskanzlerkandidat Armin Laschet (CDU) wandte sich gegen kurzfristige personelle Konsequenzen. "Die Fehler müssen wir aufklären, aber nicht inmitten eines gefährlichen Einsatzes der Bundeswehr, um Menschenleben zu retten", hob er in der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (Freitagsausgabe) hervor. Laschet plädierte zudem für einen direkten Dialog mit den Taliban, um den Menschen zu helfen, die aus Afghanistan hinaus wollten.

Die Bundesregierung stellte derweil eine Soforthilfe in Höhe von 100 Millionen Euro für Geflüchtete aus Afghanistan bereit. "Mit dem Geld sollen internationale Hilfsorganisationen unterstützt werden, die die Menschen in den Nachbarländern unterstützen", teilte das Auswärtige Amt mit. 

cp



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