stadt40 im Interview mit Antje Vogel

Wir sind in den frühen 70er Jahren. Eine schlanke, junge Frau geht mit ihrem kleinen dunkelhaarigen Sohn durch Münster. „Ja und“, werden Sie sagen, „was ist dabei? Ist das erwähnenswert?“ Ja, ist es! Die Beiden fallen auf. Sie trägt ein selbstgestricktes geringeltes knallrotes...

Kleid. Der kleine Junge führt einen Puppenwagen spazieren. Er trägt ein Kleidchen und findet das schön!

Wer ist diese Frau, die ihrer Zeit so weit voraus ist?

Es ist Antje Vogel, die bekannte Kinderbuchautorin. Ihr erstes Kinderbuch verkauft sich über 150.000 Mal. stadt40 hatte das große Glück, Antje Vogel in ihrem Atelier besuchen zu dürfen.

stadt40: Liebe Antje, Du blickst auf ein bewegtes Leben

Antje Vogel: Kinderbuchautorin, ja, das bin ich. Gelernt habe ich jedoch etwas ganz anderes. Mein Vater war beim Theater – das wollte ich auch. Mein Vater jedoch wollte das nicht, damals hatten Väter einfach mehr Macht. Er sagte:“ Handwerk hat goldenen Boden.“ Also habe ich ein Handwerk erlernen müssen. Im Museum für Naturkunde habe ich eine Ausbildung zur Tier- und Pflanzenpräparatorin angefangen. Ich weiß noch genau, wie ich an meinem ersten Tag auf dem Weg dahin gedacht habe, wie es wäre, von einem Bus überfahren zu werden. Das hat sich Gott sei Dank nicht erfüllt. Und ich habe ein Motto: “Wenn ich etwas anfange, dann mache ich das auch richtig und so gut, wie ich kann!“ Nach meinem Anfang dort bin ich sehr schnell in die Designschiene gerutscht. Ich habe Schränke und andere Inneneinrichtungen entworfen, Ausstellungen gestaltet und vieles mehr. Das hat mir viel Spaß gemacht. Allerdings war mein damaliger Chef im Museum, Professor Franzisket, eine sehr bekannte Person in Münster ein sehr großer Theaterfan. Er sang selbst in einem Chor und gab mir – ich konnte nie vom Theater und Ballett lassen- für jede Theaterprobe frei. Er ließ mir völlig freie Hand, das heißt, ich konnte weiter Schauspielunterricht nehmen, weiter Ballett tanzen und kleine Rollen im Theater spielen.


Für das Theater habe ich viel Werbung, Plakate und Programmhefte gestaltet. Ich war also immer gut beschäftigt und habe immer auch damals schon gemalt. Mein allererstes Buch habe ich mit fünf Jahren gemacht. Ich habe es noch.

Bei meinem Vater habe ich malen und zeichnen gelernt. Alle Techniken, die es so gibt, einschließlich des perspektivischen Zeichnens, hat er mich gelehrt. Weil ich noch klein war, durfte ich das auch alles tun. Außerdem musste ich lernen einen guten Kaffee zu kochen und Schach zu spielen. Ach ja, den Anfang der Odyssee konnte ich in Altgriechisch aufsagen. Diese Dinge haben mich ziemlich fit fürs Leben gemacht. Und wie ich gerade schon sagte, gemalt habe ich immer.

Irgendwann kommt man dann ja auch in ein Alter, in dem man nicht mehr alles seinem Vater zeigt. Meine Zeichnungen habe ich ihm nicht mehr gezeigt, sondern heimlich in einer Mappe gesammelt, die ich beim Auszug von zuhause mitgenommen habe.

stadt40: Wie kam es dann zu Deinen Kinderbüchern?

Antje Vogel: Ich hatte meine Mappe mit meinen eigenen Arbeiten und ein Freund von mir riet mir, ich sollte die doch mal dem Galeristen Claus Steinrötter zeigen. Also habe ich mir ein Herz gefasst und meine Mappe in mein Auto, eine Ente, gepackt. Claus Steinrötter kannte ich vom Sehen. Er verkehrte im „Schaf“ in Münster; da war ich mit meiner Freundin auch häufig. Ich bin dann in seine Galerie in die Bergstraße gefahren und habe ihm meine Sachen gezeigt. Er hat eine Ausstellung damit gemacht und alles verkauft. Das hat mich doch sehr für den Galeristen eingenommen. Zwei Jahre später haben wir geheiratet, drei Wochen vor der Geburt unseres Sohnes Kolja.

stadt40: Hast Du weiter gemalt und Ausstellungen bei Claus gemacht?

Ante Vogel:  Mit Kind ist das schwierig. Zum Malen braucht man Ruhe und einen freien Kopf. Das konnte ich erst einmal vergessen. Durch Zufall kam eine Freundin aus Norwegen zu Besuch. Sie wollte ein Kochbuch für Kinder machen. Sie sprach aber nicht so gut deutsch. Also sollte ich ihr den Text für das Buch schreiben. Ich habe angefangen, und sie hat mit Buntstiften Zeichnungen gefertigt für ihr Kochbuch. Ich habe dann - heute weiß ich, dass man das eine Identifikationsfigur nennt – eine kleine Maus hineingebracht. Die Maus ist durch das Buch mit einer Pfanne gerannt, immer auf der Suche nach etwas Essbarem. Die Maus war aber in den Augen meiner Freundin nicht so richtig museumsreif – das ging für sie nicht. Also haben wir uns geeinigt, dass ich ihr die Texte für ihr Buch mache, und ich mache mein eigenes Buch. Damit war ich aber zugleich in der Pflicht, ein Kinderbuch zu machen. Das dauerte eine Weile aber irgendwann dachte ich mir, gut, es gibt zwar tausende von Kinderbüchern, aber als eine Mutter, die ihrem Kind etwas weitergeben möchte (wie alle Mütter das wollen), was einem selbst wichtig ist, mache ich ein Kinderbuch. Ich erinnerte mich, als ich klein war, waren mein Vater und mein Bruder und ich sehr viel in der Natur und im Wald. Dort haben wir Kinder viel von ihm gelernt über Bäume und Pflanzen, über Tiere und Vogelstimmen. Das brachte mich auf die Idee, ein Buch zu machen mit dem Titel: „Das große Buch für kleine Gärtner“. Dieses Buch sollte Kindern und speziell meinem Sohn die Natur nahebringen. Also schrieb ich, wie man aus einem Kern Pflanzen zieht, beispielsweise aus einem Apfelsinenkern (Bio eignet sich hier, die anderen Kerne tun es oft nicht). Daraus wächst etwas, das ist ganz witzig anzuschauen. Das habe ich gezeichnet und beschrieben und, weil ich viele Layouts von Büchern unglücklich gestaltet finde, habe ich meine eigene Handschrift genommen und den Titel für mein Buch selbst von Hand geschrieben. So passte der Titel dann von der Länge auch optimal auf das Buch. Ich glaube, das ist auch ein Grund gewesen, weshalb mein Buch so erfolgreich war. Der Wiedererkennungswert war sehr hoch und meine Bücher waren sehr individuell. Das hat wohl auch Eltern und Großeltern angesprochen, die Käufer meiner Bücher. Eigentlich war das mehr ein Zufall.


Mein erstes Buch erschien dann bei Wolfgang Hölker vom Coppenrath Verlag, einem Freund von Claus. Er hatte einen Verlag für Kochbücher und wollte eigentlich kein Kinderbuch verlegen. Claus hat ihn dann überredet. Das Buch wurde in Leinen gebunden, mit einem Schäufelchen vorne versehen, und hinten wurden Samentütchen eingeklebt. So konnten die Kinder dann zuhause sofort loslegen. Die Pflanzenauswahl eignete sich für kleine Blumentöpfe. Man benötigte also keinen Garten oder viel Platz. So begann also meine Kinderbuchkarriere.

Insgesamt habe ich bis heute ungefähr 30 Bücher gemacht.

stadt40: Bist Du heute auch noch schriftstellerisch unterwegs?

Antje Vogel: Mein letztes Kinderbuch liegt jetzt schon vier Jahre zurück. Ich glaube, ich mache keines mehr. Der Markt hat sich enorm verändert. Alles ist schnelllebiger geworden und wird am Computer gemacht. Das kommt für meine Bücher, die sehr aufwendig gestaltet sind, nicht in Frage. Ich male die Bilder für meine Bücher auf Papier und mit Aquarellfarben. Alles dauert viel zu lange.

Im Atelier von Antje Vogel hängen viele Bilder, zumeist Geschenke von Künstlern. Außerdem sind dort viele Fotos, die sie in einem besonderen Outfit zeigen. Wir plaudern mit ihr und sie erzählt von ihrer besonderen Vorliebe für japanische Mode. Eine rote japanische Jacke, erworben vor über 30 Jahren, besitzt sie heute noch. Die Sticker darauf sind ein Geschenk eines Nennonkels ihres Mannes, Onkel Tom. Übrigens hat sie dafür gesorgt, dass Hasardeur japanische Damenmode im Programm hat.

stadt40: Antje, kannst Du bitte unseren Lesern etwas von Deinem aktuellen Projekt erzählen?

Antje Vogel (Sie öffnet eine große Mappe, die auf ihrem Tisch im Atelier liegt): Zurzeit male ich – mit Aquarell natürlich - Golfer. Das hat einen speziellen Hintergrund: Claus und ich waren vor einigen Jahren in Schottland. Man erzählte uns, dass es – wir hatten Regen – in Stirling bestimmt nicht regnen würde. Wir fuhren also hin und besichtigten die dortige Burg. Maria Stuart hatte dort gelebt. Wir fanden Portraits von Maria Stuart und ihrem Großvater. Beide spielten Golf. Das war uns nicht bekannt und ist wohl auch vielen anderen Menschen nicht bekannt. Spontan entstand bei mir die Idee, bekannte Persönlichkeiten beim Golfspiel zu zeichnen.

Antje Vogel zeigt uns Zeichnungen von Fidel Castro, Che Guevara, Obama und Winston Churchill mit Frau beim Golfspiel. Auch Mickey Mouse und ein Frosch haben Golfschläger in Händen. Trump wird übrigens nicht zeichnerisch verewigt! Ebenso werden in einem kanadischen Indianer-Reservat Indianer mit lustigen Hüten, an denen Korken baumeln, beim Golfspiel gezeigt. Die Korken sollen die Fliegen vertreiben.

stadt40: Liebe Antje, lass uns zum Ende dieses Interviews auf Dein Leben hier in Münster kommen. Was gefällt Dir hier in Münster, und was gefällt Dir weniger?

Antje Vogel: Also, ich komme nicht aus Münster. Ich wurde in Dortmund geboren. Mit zwei Jahren kam ich nach Bayern – dort gab es während des Krieges nicht so viele Bomben. Aber ich kann zu Recht sagen: Auch ich wurde aus Bayern ausgewiesen! Nicht von Herrn Seehofer natürlich, aber ausgewiesen!

Mit 14 Jahren kam ich nach Münster. Seitdem bin ich hier. Ich schätze die Überschaubarkeit der Stadt. Alles ist zu Fuß erreichbar. Es gibt keine langen Wege. Und es gibt viele junge Leute. Allerdings ist für mich besonders die kurze Entfernung zum Flughafen von Bedeutung. Man ist auch schnell mal weg. Und, um an den Anfang anzuknüpfen, Münster ist toleranter geworden. Die Leute gucken immer noch, auf meine Frisur, die Jacke oder die Schuhe. Sie sagen aber nicht mehr so viel.

Nicht verstehen kann ich, warum es keinen Fahrradweg um den Aasee gibt. Das müsste doch sehr einfach zu machen sein. Heutzutage wird man angehalten und bestraft, wenn man um den See radeln möchte.

stadt40: Liebe Antje Vogel, wir sagen auch im Namen unserer Leser ganz herzlich Danke! Wir sind gespannt, wann Deine Mappe mit den wunderbaren Zeichnungen der Golfer herauskommt. Viel Erfolg damit!


Tiana Piesendel hat Antje Vogel für stadt4.0 interviewiert.




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