Midlifecrises eines Philosophen

Ich habe soeben meine Brille gesucht, sie gefunden und festgestellt, dass ihr ein Glas fehlte. Wütend über diese Tatsache schmiss ich mich aufs Bett und zerstörte dabei den Bügel des Ersatznasenfahrrades. Jetzt sitze ich hier mit einem Neuen und fühle mich erwischt, denn das Modell erinnert an das von Helmut Schmidt, und der ist seit fast vier Jahren tot.

Wie der letzte Oheim einer Zigarette saugt sich die wabernde Wolke der Lethargie in meine Gefilde. Pathetisch sitze ich auf den Laken, die mich Nachts noch wärmten und jetzt kühl davon künden, was wie die Last des Atlas auf den Schultern thront: Aufgaben.

Aber in Momenten der Stille, Momenten wie diesen, gönnt man sich den Schock der Muße, um derlei Gedanken Raum zu geben. Man lässt sich auf die Infektion „kritische Fragen“ ein, die so schnell zu Viren marternder Sinnfragen und Selbstzweifel reifen können.

Einst, als die den Körper regenerierenden Kräfte den destruktiven noch überlegen waren, waren Niederlagen und Endlichkeit noch nicht einmal die Würdigung des Gießens in eine gespeicherte Wortwendung würdig. Heute dreht sich beinahe jeder Gedanke, der nicht mit anderen Replacementtätigkeiten beschäftigt ist, beinahe ausschließlich nur noch darum.

Je älter ich werde, desto mehr bekommt das Leben, jeder einzelne Tag, den Charakter des letzten Urlaubstages. Plötzlich erwischt man sich dabei, die Schönheit in Details zu entdecken und gedankenverloren über Gott und die Welt zu sinnieren. In solchen Augenblicken werden die Aufgaben zum Kofferpacken des Lebens für die Abreise. Hannah Ahrendt geht in der Vita activa sogar soweit zu behaupten, dass das ganze Leben ohne Tätigkeiten ein lang gezogenes Sterben ist. Die Tätigkeiten, egal welche, sorgen nur dafür, dass ich nicht wahnsinnig werde bei dem Gedanken, endlich zu sein. Paradox, wenn man die Lethargie bedenkt, die ich eben ansprach.

Vielleicht hat es sich die Natur deshalb so einfallen lassen, dass die Kindheit eine Zeit voller Kraft ist, in der man sich als Lebewesen und Mensch von der Erde emanzipiert. Um dann, mit gerade 20 – 30, in der Blüte des Daseins, wenn alle Instinkte und Kräfte ausgereift und geschult sind und alles bereit ist, den Kreislauf des Lebens mit eigenem Nachwuchs zu bestätigen.

Schon kurz danach beginnt der Körper sich,mit einer spürbar wachsenden Gravitation, zurück zu Mutter Erde zu sehnen und die Seele klamm heimlich, sich ebenfalls geistig langsam auf den Tod vorzubereiten.

Und während die Vitalkräfte ganz leise nachlassen, wandeln sich auch Interessen, Prioritäten und Strategien. Musik wird plötzlich laut und Trouble unerträglich. Nicht von jetzt auf gleich, sondern schleichend. Wie ein rudimentärer Kater, der seine Präsenz erweitert, wird alles Überflüssige zum Stress, zur unangenehmen Begleiterscheinung des eigenen Seins. Nur dass man irgendwann im realen Leben auf die Betäubung selbst und nicht auf die Kompensationshilfe verzichtet.

In der Grundschule sind sechs Wochen Ferien ein Leben, 40 Jahre später nur noch ein Wimpernschlag der Geschichte, der über Tätigkeiten einer Dauer zugeordnet wird und darüber die Zeitachse als vierte Dimension bildet. Reflektiert vom Geist aller Menschen als Wesen der Spezies Menschengeschlecht und manifestiert in einer analogen Ewigkeit, bei der sich noch herausstellen wird, ob die Menschheit die Natur oder die Natur die Menschheit überdauert. Denn so wie sich das Kind mit den Urkräften der Jugend vom Schoß der Familie emanzipiert, so befreit sich aktuell die Menschheit von der Erde.

Als Spezies, die zuerst mit der Sprache und dann mit dem Denken gesegnet wurde, sind wir dennoch mit den Gedanken mittlerweile der Realität meilenweit voraus. In den Comics und Science- Fiction- Geschichten finden sich die Visionen von morgen für die uns heute noch die Ressourcen fehlen.

Aber am Ende kann der Corpus des Menschen nur gestalten, was der Geist zuvor gedacht hat und dennoch ist das Denken weniger Teil unserer Wirklichkeit als die Geheimnisse, die wir vor der ganzen Welt, also der Wirklichkeit der Menschen, zu verheimlichen versuchen.

Das Denken macht uns zu Individuen, die das aber erst durch die Masse erfahren, in der persönliche Facetten zum Schwund des Mainstream werden. Es sei denn, man schreibt die Gedanken auf und teilt sie mit, alleine dadurch, dass ich meine Gedanken aus dem Kopf befreie, werden sie zur Bedingtheit einer kohärenten Realität, die sich in einem stetigen Wandel befindet und die mit der Geburt eines jeden Kindes die Chance zum Neuanfang erfährt.

Ein befriedigender Gedanke, wenn einem die eigene Endlichkeit im Nacken sitzt und ein befreiender, wenn man die Notwendigkeit der anstehenden Tätigkeit in dieser Relation betrachtet.


Bild: Ulf Muenstermann





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