Kommentar: Shoppen bei „Wurstwilli und Co“

Eine gigantische Halle. Regale bis zum Himmel und Möbel bis zum Abwinken. Leinwände mit schön arrangierten Stein- und Strandmotiven. Zitronenpressen in zartem Rosa und knalligem Pink. Dazwischen oder drum herum: Schränke, Betten, Kommoden und anderes, was sich aus Sperrholz so fertigen lässt. Kurz: Alles wovon Hartz IV Empfänger und andere mit geringem Einkommen zu träumen haben.

Warum ich so destruktiv bin? Weil es mich nervt, nicht nur in der Stadt den omnipräsenten Plakaten zur Eröffnung eines neuen Möbelhauses in Münster nicht aus dem Weg gehen zu können, sondern mich jetzt auch noch beim Arbeiten mit der überflüssigsten Nachricht der Welt beschäftigen zu müssen.

Für mich sind solche Events oder besser die Berichterstattung darüber wie die „Börse vor Acht“. Alle, die keine Aktien haben, sind genervt oder neidisch und für die 37 Menschen, die tatsächlich Aktien haben und jetzt fernsehen, ist die Info eh schon zu spät. Wer einen Schrank oder ein Bett braucht und wenig Geld hat, war meist schon da. Und wenn nicht, lag es bestimmt nicht daran, dass wir nicht berichtet haben. Und alle anderen haben hoffentlich besseres zu tun, als kitschig geschriebene Artikel über Megastore-Openings mit Hüpfburg, Tralala und Bumtata zu lesen.

Warum soll ich, ausgerechnet ich, Zeilen über eine Party des sozialen Beelzebub schreiben? Er könnte hier werben wollen und denken, wo so einer Redakteur ist, platziere ich keine Werbung. Ja, könnt er. Und ich könnte sagen, wo ich zum ausführenden Organ eines „dessen Brot ich ess, dessen Lied ich sing“ werde, geh ich lieber gleich zur BILD. Ich weiß, dass es extrem schwer ist, sich am Markt zu etablieren, weil der finanzielle Druck unglaublich ist. Die Präsenz des Wettbewerbs erdrückt die Vielfältigkeit.

Ich persönlich bin der Meinung, dass die Menschen unterschätzt werden. Meines Erachtens hat Lesen, sich weiter zu bilden, zu informieren und kritisch nachzufragen, wieder Konjunktur. Und ich glaube, dass auch die Wirtschaft irgendwann in der Lage ist zu verstehen, dass erstens auch schlechte Werbung eine Werbung ist (so wie diese) und zweitens dass auch sie am Ende einen Vorteil daraus generieren, wenn die Gesellschaft sich ihr Recht auf Meinungsfreiheit herausnimmt. Auch wenn das in diesem Fall heißen kann: Ich find" Dich scheiße.

Ganz davon abgesehen: Es sind Sommerferien, die Sonne lacht bis nach Meppen und mein Freizeittipp soll shoppen bei "Wurstwilli und CO." sein?! Das wäre nicht mein Münster, und deshalb kann ich nur hoffen, dass 315.000 Münsteraner, oder die, die gerade nicht im Urlaub sind (obwohl man an der Copacabana wahrscheinlich besseres Netz hat als in unserer Innenstadt) jetzt schreien: Ja Mann, keine Nudelzange von da unten. Wir gehen Eis essen und schwimmen, statt zu TEDI und Höffner. Mein Aschenbecher ist aus Fimo und nicht aus China, und wenn ich eine Fliegenklatsche in blau brauche, nehm ich die Münstersche Zeitung.

Ach ja, heute Abend um 19 Uhr ist das Frauenvolleyball-Länderspiel Deutschland gegen Polen. Also wenn ich die Wahl zwischen Höffner und... Sie kennen mich.

Aber jetzt muss ich aufhören. Habe gestern was über die Rentenversicherung geschrieben und zack, klingelt mein Telefon.

Foto: Pixabay



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