Gleiche Rechte für Alle

Ich bin eine junge Frau. In diesem Jahr habe ich das erste Mal eine Wahlkabine betreten und mein Kreuzchen auf einem Wahlzettel gemacht. Dabei habe ich gedacht: „So fühlt sich also Demokratie an.“

Ich gehöre zu der Generation, die nur Angela Merkel als Bundeskanzlerin erlebt hat. Für mich ist es eine Selbstverständlichkeit, dass Frauen ebenso zur Wahl berechtigt sind wie Männer und auch, dass eine Frau an der Spitze einer Regierung stehen kann. Wir sollten uns immer wieder vergegenwärtigen, dass dies eine Errungenschaft der Neuzeit ist. Für das allgemeine Wahlrecht und für die Gleichberechtigung von Frauen ist hart gestritten worden.

Zahlreiche Frauen haben über Jahrhunderte einen hohen Preis dafür gezahlt. Viele haben ihr Leben dafür gegeben, sind in Hungerstreik getreten und haben Verhaftungen in Kauf genommen, um für die Frauen Meinungsfreiheit, Unabhängigkeit, Selbstbestimmung und Emanzipation zu erkämpfen. Doch sind diese Selbstverständlichkeiten (noch) nicht in allen Ländern angekommen. Selbst in Deutschland ist die Gleichberechtigung noch ein wichtiges Thema. Es gibt weiterhin viele Gründe für den Feminismus. Dem Einen hängt der Feminismus schon zum Hals heraus, den Anderen sind die Tampons immer noch zu teuer.

Die Bewegung für das Frauenwahlrecht entstand im 19. Jahrhundert. Viele Frauen kämpften auf unterschiedlichen Kontinenten und in allen Ländern der Erde über Jahrhunderte hinweg für das Frauenwahlrecht, mit unterschiedlichem Erfolg. In einigen Ländern verlief die Entwicklung schneller, in anderen langsamer, weshalb nicht von dem einen Divergenzpunkt gesprochen werden kann.

In der Geschichte wurden Frauen schon immer ausgeschlossen und waren in ihrer Freiheit eingeschränkt. In der Altsteinzeit stand die Frau für die Nährende und Gebärende. Der Mann war Anführer, Jäger und Krieger. Mit dem Beginn des Ackerbaus machten sich die Menschen die Natur zum Untertanen und damit auch die Frau, die als Sinnbild der Natur galt.

Das Leben der Frau wurde in der Neuzeit vor allem von den drei großen Ks, „Küche, Kirche, Kinder“ bestimmt. Männer dominierten die Welt, sie waren es, die die Gesetze und Gesellschaftsordnungen machten.

Es war die Französische Revolution, die eine Wende brachte. „Liberté, Egalité, Fraternité“. Es entstand eine völlig neue Gesellschaftsform, in der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit die Grundlagen waren. Schade nur, dass damals nicht auch für Schwesterlichkeit gekämpft wurde, denn Frauen wurden mit der Begründung, sie seien unbeständig in ihren Ansichten, ließen sich von ihren Gefühlen leiten und hätten eine verminderte Intelligenz, damals von der Politik ausgeschlossen.

Es war nur eine Frage der Zeit, dass sich Frauen gegen diese schreiende Ungerechtigkeit auflehnten. In Großbritannien waren es die Suffragetten, die aufstanden und ihre Rechte einforderten. Es kam zu einer zunehmenden Radikalisierung. Kaufhäuser wurden zerstört, Bauernhöfe in Brand gesteckt und Bombenanschläge verübt. Zahlreiche Inhaftierungen mit Hungerstreiks und Gewalttätigkeiten gegenüber Frauen waren die Folge. Beim Epsom Derby 1913 kam es zum Höhepunkt der Gewalt, als die englische Suffragette Emily Davison vor das Pferd des Königs lief und vier Tage später verstarb.

Vermutlich wollte sie durch den Fall des königlichen Pferdes für die Einführung des Frauenwahlrechts demonstrieren, seither gilt sie in der Frauenbewegung als eine Märtyrerin.

Auch in Deutschland gründeten Frauen Organisationen und Vereine, um für ihre Rechte und das freie Wahlrecht zu kämpfen. Es gab internationale Konferenzen, die Aktivistinnen vernetzen sich und die gesamte Bewegung nahm an Fahrt auf. Arbeiterinnen und bürgerliche Frauen kämpften an einer Seite, die Frauenbewegung wurde zur Massenbewegung.

Die Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland erfolgte jedoch erst nach dem Ende des Ersten Weltkrieges. Der Kaiser und mit ihm viele der alten Gesetze und Regeln wurden gestürzt, Arbeiter- und Soldatenräte entstanden. 1919 konnten Frauen in Deutschland das erste Mal wählen gehen und gewählt werden. 82 Prozent der Frauen machten Gebrauch von ihrem hart erkämpften Recht. Es war ein wichtiger Erfolg für die Emanzipation. Dabei stellte Marie Juchacz in der ersten Rede einer deutschen Frau im Reichstag klar: „Ich möchte hier feststellen, dass wir deutschen Frauen dieser Regierung nicht etwa im althergebrachten Sinne Dank schuldig sind. Was diese Regierung getan hat, war eine Selbstverständlichkeit. Sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist." Die Einführung des Wahlrechts für Frauen war ein Meilenstein der Demokratie, aber noch meilenweit entfernt von wahrer Gleichberechtigung.

Bei dem Wort Feminismus verdrehen heute viele die Augen und haben schon keine Lust mehr, weiter zu lesen. Die aktuelle Genderdebatte nervt in vielen Punkten. Überall soll ein -In angehängt werden und es wird darüber diskutiert, ob gegenderte Wörter mit *in oder _in geschrieben werden. Wenn man heute in eine Diskussion gehen möchte, wird schnell die Sexismus-Karte gezogen, obwohl man ein offenes und konstruktives Gespräch führen möchte. Und genau das ist der springende Punkt: Ich erlebe den heutigen Feminismus oft als festgefahren und allzuoft dreht sich vieles nur um politische Korrektheit.

Jeder kennt ihn noch aus seiner Schulzeit, den Klassenstreber, der selbst den Lehrer an der Tafel korrigiert. Er sitzt in der ersten Reihe und wird trotzdem von der Mehrheit der Klassenkameraden ignoriert. Er ist anstrengend und trotzdem weiß man, dass er ganz oft recht hat. Anstatt ihn auszugrenzen, wäre es eigentlich unsere Aufgabe, ihn sozial zu integrieren, vielleicht sogar von ihm zu lernen. 

Ähnlich verhält es sich mit dem Feminismus. Er setzt sich für die Gleichstellung aller Menschen, gegen Sexismus und die Diskriminierung von Frauen ein. Dieser sollte also nicht als Synonym für Männerhass oder Traditionsfeindlichkeit gesehen werden, sondern vielmehr als das, wofür er sich wirklich einsetzt: Gleichberechtigung aller Menschen!

Denn so erbsenzählerisch es für manche scheinen mag, es geht in erster Linie um ein Menschenrecht. Selbst in einem Land wie Deutschland werden Frauen immer noch schlechter bezahlt als viele Männer. In Führungspositionen sind vor allem Männer tätig und fast jede vierte Frau in Deutschland ist nach eigenen Angaben schon am Arbeitsplatz sexuell belästigt worden. Darüber hinaus wird in den Medien immer noch häufig ein idealisiertes Frauenbild vermittelt. Nicht ohne Grund leiden Mädchen deshalb schon in jungen Jahren unter einer Essstörung. Ich selbst kenne es auch, der nächtliche Weg nach Hause ist immer mit etwas Angst verbunden und auch mir saß schon ein Mann im Zug gegenüber, der sich offensichtlich selbst befriedigt hat. Und als wenn das alles noch nicht genug wäre, so scheint es auch noch ein Luxus zu sein, einmal im Monat zu bluten, weshalb Tampons und Binden genauso wie Champagner mit 20 Prozent versteuert werden. Was für ein Luxus?!

Auf der anderen Seite setzt sich der Feminismus aber auch für Männer ein und möchte eine Befreiung und Erweiterung ihrer Möglichkeiten. Männer sollten sich zum Beispiel auch schminken oder einen Rock tragen dürfen, ohne gleich als unmännlich oder schwul abgestempelt zu werden. Männern fällt es leider immer noch schwer, Gefühle und Schwächen zu zeigen und einfach mal zu weinen. Sie verspüren Druck und es wird erwartet, dass sie alles können und alle Verantwortung zu tragen haben.

All das ist durch die Geschlechterrollen in unserer Gesellschaft scheinbar vorgeprägt. Daher ist es oft nicht einfach oder scheinbar sogar unmöglich, Rollen und Verhaltensweisen zu ändern. Deshalb geht es auch um eine Haltung und dass sich alle für die Gleichberechtigung einsetzten, sie betrifft so gesehen Männer und Frauen.

Das vor 100 Jahren eingeführte Frauenwahlrecht war der erste Schritt zur Emanzipation der Frau und zur der Selbstbestimmung aller Geschlechter, aber wir sind noch lange nicht angekommen, dass überall die Gleichberechtigung gilt. Es gibt noch viel zu tun!

Fotos: Pixabay



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