Warum rege ich mich eigentlich so auf

Ganz ehrlich? Ich kann es nicht mehr hören: Der Weltklimarat fordert, Johnson versucht zu denken und Trump twittert. Ich ertrinke in Bullshit News, die mich wahnsinnig machen und keinem helfen. Was also tun, in einer Welt, in der alles aus den Fugen gerät, aber in der man sich selbst für das kleinste Rad hält?

Welche Nachrichten man sich auch immer anschaut, Putin ist mit Kriegsschiffen in der Ostsee, Boris Johnson will den ungeregelten Brexit, China wertet den Yen ab und Trump baut die Mauer. Chaos, wohin man schaut, und dazwischen: 80 Millionen für Hernandez von Bayern München und eine Knie-OP für Leroy Sané. Wobei es gut ist, dass er nicht zu Schalke will, denn für Clemens Tönnies ist er nur das Resultat einer stromlosen Nacht und für manche Dortmunder „der, mit dem komischen Namen“. Ich scherze. Obwohl mir gar nicht zum Scherzen zumute ist.

Auch ich meckere ständig über alles, am liebsten täglich und noch lieber über 20 Themen gleichzeitig. Weil ich ein Idealist bin, an das Gute glaube und mich dementsprechend moralisch zum Echauffieren verpflichtet fühle. Aber dabei erwische ich mich immer öfter dabei, wie sinnlos das ist, denn wenn ich mich brüskiere, bin ich kein Vorbild des Friedens und mache doch somit durch meine Handlung das ganze Chaos nur noch schlimmer.

Ja, es ist schwer, bei all dem, was unsere Welt derzeit beschäftigt, ruhig zu bleiben, aber haben wir eine andere Wahl? Sagen wir nicht allzu gerne und allzu oft: Was soll ich denn machen? Und dennoch motzen wir am Tresen, fluchen flüsternd ins Ohr und grölen nach aller Regel der Kunst laut in die Datenbanken der Social Networks.

Wäre es nicht klüger und vor allem viel angenehmer und leichter, den ganzen „Scheiß“ um uns herum, nicht so ernst zu nehmen? Wenn Putin Schiffe vor Rügen stationiert, ist das nicht gut, keine Frage, aber erstens war die Nato vor kurzem auch schon da und zweitens was noch viel wichtiger ist, es ändert nichts. Während ein freundliches Lächeln beim Kiosk um die Ecke wirklich was bringen würde. Der grimmige Nachbar würde vielleicht endlich auch mal lächeln, endlich mal für einige Sekunden seinen Hass vergessen und sich vielleicht zufällig am Wahltag an diesen schönen Moment erinnern und nicht „Protest wählen“.

Aber nein, dann sähe das ja so aus, als wäre mir das egal. Man könnte mich für X, Y oder Z halten, weil ich nicht aussehe oder mich bewege wie a, b oder c. Das ist schlecht. Was sollen die denn von mir denken? Ja, was sollen die von mir denken, ist die richtige Frage, denn es geht nicht darum, „was der Nachbar wirklich denkt“, sondern was wir möchten, dass der Nachbar über uns denkt. Und darin steckt das eigentliche Problem.

Wir alle denken von uns, dass wir mehr oder weniger immer alles richtig machen, oder zumindest richtig sehen. Deshalb ballern wir auch immer unsere Meinung in die ganze Welt, denn wir haben ja recht. Das weiß nur keiner. Und genau das gleiche denkt unser Gegenüber auch, weshalb es zum Streit kommen muss, denn wenn ich mich angegriffen fühle, regiert nicht mein Verstand, sondern meine Emotion. Da wird aus dem dunkelhäutigen Jungen schnell, „alle Ausländer“ oder aus dem blonden großen Mann von Übersee „alle Amerikaner“. Und in dem Moment, wo ich es einmal laut gesagt habe und mir nur einer zustimmt, wird eine persönliche Animosität zum gesellschaftlichen Problem, was es eigentlich nicht werden sollte.

Statt ewig auf Trump oder Johnson einzuprügeln, sollten wir nett lächeln, „Quatsch“ denken und Nächstenliebe vorleben. Zeigen, dass Gewalt nicht die Lösung sein kann.

Das ist nicht einfach, weil all das, was wir sind, das Ergebnis dessen ist, was wir uns von anderen abgeschaut haben. Unser ganzer Habitus und alles andere, was uns ausmacht, ist ein Konglomerat von Erfolgsgeheimnissen, die wir uns bei anderen abgeschaut haben. Dass wir meckern, lernen wir an jeder Straßenecke, wie wir das machen, von Mama und Papa. Und worüber, das geschieht aufgrund unserer aktuellen Situation und familiären Prägung, also wieder nicht aus uns selber. Unsere Wahl besteht, wenn überhaupt, nur darin, ob wir zulassen, dass die gewohnte Reaktion auf die jetztige Situation die Klügste ist, weil wir sie immer wieder angewendet haben, oder vielleicht die Dümmste, weil wir sie nie ernsthaft hinterfragt haben, da alle anderen auch immer so oder so ähnlich reagierten.

Ein Lächeln, oder vielleicht schon ein „nicht an die Decke gehen“ kann Trump heute nicht mehr davon abhalten, die Mauer zu bauen oder den Leitzins zu senken, aber vielleicht reicht es irgendwann dafür, dass sukzessive immer mehr Menschen lächeln und darüber verständigen, dass zumindest sich blind über alles aufzuregen, die dümmste Reaktion ist.

Foto: Buddha Münstermann



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