Viel zu viele Kinder sind arm dran

Die Arbeitslosenquote sinkt stetig, die Kinderarmut steigt dafür. Für jedes fünfte Kind in Deutschland ist nicht genug Geld in der Haushaltskasse, in einem reichen Land wie unserem.

Die Stadtwerke in Münster haben gerade die Preise für Einzeltickets noch weiter angehoben. Zehn Cent hier, zwanzig da. Alle paar Monate bekomme ich einen Brief, dass mein Monatsticket noch teurer wird. Häufig denke ich beim Lesen solcher Briefe daran, was eine solche Preiserhöhung für mich als Kind bedeutet hätte.
Hätte jemand mein neun-jähriges Ich gefragt, wie viele Hosen es hat, hätte ich mit ,,genau eine‘‘ geantwortet. So wie bei der Frage nach der Zahl an Schuhen und Jacken, ganz zu schweigen von der Sportkleidung.

Welche Hobbys ich hatte? Naja, Reiten konnten wir uns nicht leisten. Schwimmen auch nicht. Tanzen? Da wir kein Auto hatten konnte mich weder jemand hinbringen, noch abholen. Sport? Wer hätte meine Hallenschuhe mit heller Sohle bezahlen sollen?

So ging es Jahr für Jahr für Jahr für Jahr.

Ich habe persönlich mitbekommen wie es ist, so zu leben. Heute habe ich das Privileg, mir Dinge kaufen zu können, wenn ich sie brauche. Doch das ist längst nicht bei allen so.

Leichte Preissteigerungen mögen den Einen vielleicht gar nicht auffallen, am anderen Ende bedeuten diese aber, dass man sich wegen genau diesen zehn Cent das Ticket für den Bus zur Tanzgruppe nicht mehr leisten kann. Wenn das passiert, steigt Wut in einem auf. Die Wut der Eltern. Die Wut, aus der man einen Schuldigen sucht und im Staat findet.

Man fühlt sich allein gelassen. Zurückgewiesen. Abgestempelt.

Als arm gilt in Deutschland jeder, der nur 40 bis 50 Prozent des mittleren Nettoeinkommens zu Verfügung hat. Als alleinstehende Person wären das 781 Euro netto im Monat, als Paar 1.171 Euro und darunter. Dabei wird zwischen relativer und absoluter Armut unterschieden. Absolute Armut bedeutet, dass die Menschen ihre Grundbedürfnisse nicht stillen können. Relative Armut steht immer im Verhältnis zum jeweiligen Umfeld der Menschen. Natürlich gibt es in Deutschland nur die wenigsten Fälle von absoluter Armut. Doch relative Armut ist längst nicht gleichbedeutend mit Bedürfnisbefriedigung oder Wohlstand.

2,55 Millionen Kinder müssen in unserem Land so leben wie ich aufgewachsen bin. Und schlimmer, deutlich schlimmer. Laut einer neuen Studie zur Lebenssituation von Kindern in Industrieländern der UNICEF steht Deutschland sogar auf Platz 22 von insgesamt 29 ausgewerteten Ländern. Miserabler geht kaum noch.

Bei Familien, welche Arbeitslosengeld II beziehen, wird das Kindergeld mit diesem verrechnet. Dabei ist der häufigste Grund für Kinderarmut in Deutschland die Arbeitslosigkeit der Eltern.

Auf der Internetseite der Malteser Deutschland heißt es ,,Wer in seiner Kindheit Armut erlebt, leidet meist sein ganzes Leben darunter." Da fallen mir nur allzu viele Beispiele aus meinem Bekanntenkreis ein. Geld für zum Beispiel Nachhilfe gab es bislang nicht. Doch das soll den benachteiligten Schülern mit dem neuen Starke-Familien-Gesetz zugebilligt werden: Bei Bedarf kann ein entsprechender Antrag gestellt werden. Der Staat übernimmt dann die Kosten für die Nachhilfe  sowie die entsprechenden Anreisekosten.

Es soll auch mehr Geld für Schulbedarf geben: Anstatt 100 Euro, sollen jedem Kind nun 150 Euro für Füller über Schwimmsachen bis zum Schulranzen zugestanden werden. Knapp wird es dennoch.

Natürlich hätten die 50 Euro mehr meine Mutter etwas erleichtert. Das Problem meiner nicht stattfinden Hobbies läge ihr dabei aber noch immer schwer im Magen. Dafür soll es jetzt anstatt zehn Euro im Monat für Hobbies und Sportvereine, 15 Euro geben: gerade mal fünf Euro mehr. Da müsste man anstatt neun, nur noch sechs Monate sparen um seinem Kind Fußballschuhe kaufen zu können.

Laut einer Bertelsmann Studie aus dem Jahr 2017 sind 21 Prozent der Kinder in Deutschland in einer dauerhaften oder immer wieder kehrenden Armutslage, das bedeutet:  Jedes fünfte Kind kann sich wahrscheinlich keine Hobbies leisten, lebt in einer viel zu kleinen Wohnung, geht ohne Essen im Bauch zur Schule und verbringt die Ferien vor dem Fernseher.

In einem reichen Land wie Deutschland, dessen Wirtschaftsleistung jedes Jahr größer wird, ist es eine Schande, dass im 21. Jahrhundert noch so enorm viele Kinder in Armut leben müssen. Mit Einigkeit und Recht und Freiheit hat das hier herzlich wenig zu tun.

Deutschland, überdenk das noch mal!



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