Ein Bonbon gratis

Man nehme: Zehn Fressbuden, drei Kinderkarussels, die es nicht auf den Send geschafft haben, 15 Hippies und etwa 1000 Passanten. Besonders die Letzteren gaaaanz langsam ziehen lassen et voilà: das Hammer Straßenfest 2019

Na gut, ganz so schlimm war es dann doch nicht, aber viel mehr hatte das Traditionsgemenge in der Südstadt auch nicht zu bieten. Dabei könnte alles doch so schön sein. Es ist Sommer, Wochenende, die Straße ist breit und die Artenvielfalt der Einzelhändler bunter und bodenständiger als die Innenstadt.

Hier, mitten auf der Hammer Straße, gibt es noch Spielzeug, Blumenfachgeschäfte, eine Dessous-Boutique, einen schmucken Antiquitätenhändler und echte Second- Hand- Läden, um nur einige zu nennen. Aber alles was man sieht, sind ambitionierte Staubsaugerverkäufer, Seifenhändler und Gürtelschnallen (Vorsicht Wortspiel).

Manchmal hat man den Eindruck, als wären die Standorte der fliegenden Krämerläden so vorhersehbar wie Stellplätze auf Langzeitcampingplätzen. Und wenn dann die Verkäufer auch noch schauen wie eine Steuererklärung, darf man sich nicht wundern, dass trotz opulenter Bühne von Antenne Münster und Salsa-stage keine gute Stimmung aufkommt.

Dabei gibt es sie noch, die interessanten Nischen: Handgemachte Weihnachtskrippen, Honig mit Waldmeistergeschmack, Spezialisten für Individualreisen nach Afrika oder Idealisten, die mit einer Initiative für Fahrräder zur Mobilisierung des eben genannten Kontinents werben.

Mit dem Potential erweckt man in Spanien und Italien Tote zum Leben aber in Münster nur Biergläser. Die wahren Schätze verbergen sich da, wo man sie nicht vermutet, hinter den Kassen der geöffneten Kaufmänner entlang der „Party-Meile“. Der Rewe war proppenvoll und die Verkäuferinnen zuckersüß. Mit ihnen hätte keiner der Kaufwilligen tauschen wollen, aber die Ruhe und Sympathie, die trotz enormen Stresses von den fleißigen, Großteils 450 Euro-Kräften verbreitet wurde, war bemerkenswert. Und alle Kunden hatten Verständnis, wenn dabei mal ein Fehler passierte, denn ein ehrliches Lächeln verkauft immer noch am besten.

Dieses Moment zeigt, wie viel Liebe in diesem Kiez steckt und wie dankbar und offen Anwohner wie Dienstleister für ein friedliches und freundliches Miteinander sind. Apropos: Es gab keinen Stress, kein Geschrei und auch keine „Klopperei“, auch wenn die ein oder andere Schnapsleiche vom Roten Kreuz zu beklagen war. Das zeigt doch, zu was Münster und in diesem Fall das Südviertel in der Lage ist.

Ich würde mich freuen, wenn zukünftig die wirklich unzählig schönen Frauen dieser einzigartigen Stadt von einem freundlichen Blumenverkäufer mit einer Rose beglückt würden, die Krippenverkäufer wieder Kinderaugen zum Leuchten brächten oder die Zuckerwatte nicht von 2018 wäre.

Es ist ein bisschen wie bei einem Kochrezept, die Zutaten können noch so gut sein, wenn der richtige Koch fehlt, wird auch aus einem Filetsteak am Ende nur ein verbranntes Pellet, das nicht mal mehr für einen Hamburger Verwendung findet.

Aber, morgen ist auch noch ein Tag und da werden wieder viele Bewohner dieser schönen Stadt Hunger haben, Hunger auf Lebensfreude, ansteckende Begeisterung für persönliche Leidenschaften und ein kleines Pläuschchen am Rande, während im Hintergrund Kinder Purzelbäume schlagen und die Belohnung ein Bonbon gratis ist.

 Fotos: Claus Röttig





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