Der Himmelsstürmer zum Anfassen

Ein waschechter Astronaut zu Gast im Planetarium Münster. Thomas Reiter ist der Himmelsstürmer zum Anfassen. Der Hammer. Allein schon die Vorstellung einem Mann gegenüber zu stehen, der die Schwerelosigkeit gespürt und für viele Tage erlebt hat, flößt mir Ehrfurcht ein. Er hat die Erde als großes Ganzes, aus einer mir unvorstellbaren Perspektive betrachtet. Er kann mir aus erster Hand erzählen wie sich das anfühlt.

„Was möchtest du mal werden, wenn du gross bist?“ Die Frage aller Fragen. Viele Kinder antworten mit glänzenden Augen: „Astronaut natürlich“. Mein Kinder-Ich war nie so mutig Es wollte lieber einfach Tierarzt werden. Ein Weltraumfanatiker war ich also nie, und doch packt auch mich die Faszination Weltall, wenn ich die Möglichkeit habe, die Hand zu schütteln, die knapp 400 Kilometer von Zuhause entfernt in einem Raumanzug gesteckt hat.

Thomas Reiter war von 1992 bis 2007 ESA-Astronaut, der achte Deutsche im All und hat die zweitlängste Weltraumerfahrung hinter sich. Er absolvierte in der russischen Raumstation Mir (1995/1996) den ersten ESA-Langzeitflug und unternahm als erster Deutscher einen Weltraumausstieg. Außerdem war er auf der internationalen Raumstation ISS.

Es ist keine Überraschung, dass der Vortrag des ehemaligen Astronauten Thomas Reiter für das Planetarium das Highlight des Jahres darstellt. Im Jubiläumsjahr der ersten Mondlandung ist das Interesse an der Raumfahrt riesengroß. 140 Gäste fanden bei über 40 Grad den Weg ins Naturkundemuseum. Viele der Zuhörer schienen ihre Hausaufgaben gemacht zu haben. Sie stellten fachkundige Fragen und benutzten Wörter, deren Existenz mir bis zu diesem Zeitpunkt gänzlich unbekannt war.

Dass Reiter über ein unerschöpfliches Fachwissen verfügt und zu jeder Frage sachliche, faktische und wissenswerte Antworten geben kann, hat er zu genügen unter Beweis gestellt. An persönlichen Emotionen, Eindrücken und Erfahrungen hat es mir allerdings gefehlt. Der Vortrag war interessant und hat sicherlich viele Besucher mit begehrtem Wissen gefüttert. Mich Träumer hat er jedoch nicht auf eine reizvolle und aufregende Reise mitgenommen. Er war schon dort oben, über uns allen. Wir allerdings (noch) nicht. Ich war physisch im Planetarium anwesend und gewillt seiner Präsentation zu folgen, doch merkte ich zwischenzeitlich, wie meine Gedanken abschweiften, weg von Formeln, Fachvokabular, Messungen und Statistiken. Ich hatte Flashbacks in meine Schulzeiten und zum Matheunterricht. Doch eigentlich wollte ich wissen wie sich der Kindheitstraum Astronaut anfühlt, mit Herzblut dabei sein und den Übergang von der Schwerkraft in die Schwerelosigkeit durch Erzählungen selbst erfahren und nacherleben. Davon leider keine Spur.

In der abschließenden Fragerunde wurde es dann glücklicherweise etwas deutlicher und nachvollziehbarer: „Die Erinnerungen und Eindrücke brennen sich ein. Immer wenn ich einen Vortrag halte, fühlt es sich wie gestern an. Man liest dort oben normale Nachrichten über das Weltgeschehen und es hat eine komplett andere Wirkung. Man schaut einmal raus und sieht den Planeten in seiner Gesamtheit. Das macht etwas mit einem, es geht durch Mark und Bein.“ So Reiter auf eine der zahlreichen Fragen. Das macht mich nachdenklich, packt mich und kurbelt meine Phantasie an. Wie ist es wohl nach solch einer Erfahrung selbst wieder auf die Erde zu kommen? Wie würde ich mich verändern? Läuft das Leben danach, als kleine Ameise auf der Welt, einfach normal weiter? Dies war jedoch nur ein winziger Bruchteil von dem, was das Publikum zu Ohren bekommen hat. Ich hätte gerne mehr Verzauberung und Leidenschaft für die Unendlichkeit verspürt.

Als ich nach der Veranstaltung mit dem Fahrrad nach Hause fuhr und in den Himmel schaute dachte ich an Zahlen und wirtschaftliche Interessen. Die begeisterten Kinderaugen, die ich mir als Romantikerin bewahrt hatte, hatten etwas von ihrem Glanz verloren. Wenn in dem Vortrag von zunehmendem Weltraummüll gesprochen wird, ist es nicht leicht den Glauben an die Menschheit bei zu behalten. Und trotzdem freue ich mich auf den Wintertag, wo das Sternbild „Orion“ wieder am Himmel zu sehen ist, ich in den Himmel schaue und es herzlich wie einen alten Freund begrüße. Hoffentlich können sich dies viele Menschen in Zeiten der unermüdlichen Forschung und Wissenschaft bewahren.


Bild: Jthe 



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