Das Gehirn in Lauerstellung

Man hat es wissen können: Wir sind alle süchtig. Die meisten von uns sind Smartphone-Junkies. Kaum eine Minute vergeht in der wir nicht einen verstohlenen Blick aufs Display werfen. Was das mit uns macht, beantwortet die Neurowissenschaftlerin Maren Urner. Ihr Befund muss uns Sorgen machen. Denn unsere Wahrnehmung ist dadurch vollkommen vorkorkst. Im KulturQuartier Münster hat sie aus ihrem Buch gelesen und Lösungen angeboten.

Maren Urner muss es wissen. Die junge Wissenschaftlerin beschäftigt sich seit vielen Jahren mit allen neuen Formen der Kommunikation, mit Nachrichten und Diskussionen auf den Social-Media-Kanälen und mit allen Formen des Journalismus. Am Mittwochabend hat die Psychologin im vollbesetzten Zirkuszelt am KulturQuartier aus ihrem Buch „Schluss mit dem täglichen Untergang“ vorgelesen. Begleitet wurde ihr Vortrag in den kleinen Atempausen von musikalischen Intermezzi und wilden Jazz-Interpretationen. Es war ein inspirierendes Zusammenspiel mit dem Pianoplayer Tobias Sudhoff. Ein großartiger Abend.

Maren Urner belegt ihre Aussagen mit wissenschaftlichen Beobachtungen und Experimenten, die inzwischen auf der ganzen Welt gemacht wurden. Sie verheißen nichts Gutes, wenn wir bei unserem Medienkonsum nicht gegensteuern. Unser immer noch archaisch funktionierendes Steinzeit-Gehirn ist darauf getrimmt, Gefahren blitzschnell zu erkennen.

Inzwischen gibt es zwar keine Säbelzahntiger mehr, vor denen wir weglaufen und uns in Sicherheit bringen müssten, dafür aber schlechte Nachrichten zu Hauf. Alle Kanäle arbeiten mit Alarmsignalen, reißerischen Schlagzeilen und PopUp-Meldungen, die uns immer wieder aufhorchen lassen. Das ist der Sucht-Stoff und beschreibt die Tricks der Nachrichtenindustrie. „Bad news are good news!“ Davon leben Zeitung, Radio, Fernsehen, Internet und Hunderte von Social-Media-Kanälen.

Wir wollen beispielsweise online ein Bahnfahrkarte buchen, das dauert locker eine halbe Stunde, weil wir zwischenzeitlich parallel auf den verschiedenen Seiten surfen, die uns ablenken und inflagranti etwas verkaufen wollen. Permanent werden wir von den heißesten Verlockungen bombardiert und dabei glauben wir weiter fest daran, dass wir diesen Signalen widerstehen und locker damit umgehen können, weil wir doch – selbst als Männer – multitaskingfähig sind.

Stimmt natürlich nicht, kann Maren Urner unsere Hoffnung schnell ausbremsen. Ganz egal ob Frauen oder auch Männer Mulitasking ist eine Chimäre. Tatsächlich kann sich unser Gehirn nur auf eine einzige Sache konzentrieren. Springen wir also munter hin und her, dann frisst das gewissermaßen Speicherplatz und vor allem Zeit. Am Ende haben wir deutlich mehr davon verbraucht als wenn wir jedes Einzelne fein säuberlich getrennt und hintereinander gemacht hätten.

Wir fahren auf Neuigkeiten ab – ganz besonders auf die Schlechten. Ganz abgesehen davon, dass – ob diese groß oder klein sind – nicht nur unser Gehirn, sondern auch unser Körper darauf reagiert. Ob wir das wollen oder nicht. Stresshormone. Bluthochdruck. Das ganze Programm. Und das unabhängig davon, ob gerade Donald Trump per Twitter einen Furz tut oder ein Vulkan Jottwehdeh in die Luft geht.

Darüber hinaus wird auch unsere Wahrnehmung verändert. Wir sehen nur noch das Negative in der Welt. Denn verstehen wir all die schlechten Nachrichten richtig, dann droht aktuell der Weltuntergang. Diese Perspektive hat vielfältige Auswirkungen auf unser Wohlbefinden und unsere Meinung sowieso. Wir blicken weniger auf positive und hoffnugnsfrohe Nachrichten und können uns immer weniger an den schönen Dingen des Lebens erfreuen. Auch politisch hat das ziemlich schwerwiegende Wirkungen: Da stecken die einen ihren Kopf in den Sand nach der Devise: „Daran können wir eh nichts mehr verändern“, die anderen gieren vielleicht nach schnellen und möglichst simplen Lösungen. Das ist übrigens der Nährboden für jeden politischen Hype und für Populismus.

Das perfide daran: Alle Nachrichtenkanäle bedienen sich dieser Tricks, indem sie dem „Zellhaufen zwischen den Ohren“ eines jeden Nutzers ordentlich Zucker geben. Die Triebfeder: Das große Geschäft. Denn nur wenn es den Betreibern gelingt, viele viele Nutzer lange auf einem Kanal zu halten, macht es Sinn, Werbung teuer zu verkaufen. Und alle alle wollen Werbung verkaufen. Es geht immer ums große Geschäft. Das wird leider oft übersehen. Es ist ein beständiges Ringen nach Aufmerksamkeit, das da vor unseren Augen abläuft und uns als ahnungslose sowie arglose Nutzer am Tippeln hält. Maren Urners Rat: Konsequente Medienhygiene. „Wir müssen diesen circulus vitiosus durchbrechen.“ Die Wissenschaftlerin empfiehlt strikte Ruhezeiten einzuhalten, indem wir das Smartphone auf die Seite zu legen und es ausschalten und indem wir nicht permanent „online“ sind. Ein Anfang: Sich für die Zeit von Begegnungen mit Freunden ein absolutes Handy-Verbot aufzuerlegen. Begleitet werden diese Auszeiten von der schlichten Erkenntnis, dass einem gar nichts Schlimmes passiert – aber das Gehirn (und damit auch der Körper) zu einer neuen inneren Ruhe und Gelassenheit findet.

Während der Lesung hat sich Maren Urner auch geoutet, mit Yoga zu versuchen auf dem Teppich zu bleiben. „Das Thema Achtsamkeit kommt derzeit groß heraus, auch das ist eine gesunde Gegenreaktion auf die ständige Überforderung unseres Gehirns durch permanente Internet-Kommunikation.“

Spannend wurde im anschließenden Gespräch wie sich die Erkenntnisse auf neue Formen des Journalismus übertragen lassen. Damit war Maren Urner bei ihrem Lieblingsthema. Sie ist eine der Initiatoren und Mitbegründer des Nachrichten-Kanals „Perspective Daily“(PD). Dort verfolgt man das Konzept eines lösungsorientierten Journalismus. Ein sehr interessanter Ansatz.

Bei PD sind schlechte Nachrichten „out“, weil diese schlichtweg verheerende Auswirkungen auf unser Gehirn haben und unsere Handlungsfähigkeit entscheidend einschränken. Man setzt sich bei „Perspective Daily“ auch mit den brennenden Themen auseinander, allerdings sachlich und ohne sie reißerisch auszubreiten. Man bleibt konsequent bei der Sache und breitet jedes Thema möglichst umfangreich mit Recherchen aus. Man überlässt es dem Leser selber, sein Gehirn anzuschalten und  seine Schlüsse zu ziehen.

Die Recherchen von „Perspective Daily“ sind sehr umfangreich und bieten vielfältige Anknüpfungspunkte vor allem aus der Wissenschaft und mit Bezug auf die neuesten Forschungsergebnisse. Die Autoren kennen sich mit der dafür erforderlichen Recherche extrem gut aus und präsentieren neue Studien vor allem aus Amerika und England. Dadurch kann der Horizont des Lesers extrem erweitert werden, wenn er sich auf die Argumente unvoreingenommen einlässt. Dabei kommt es sehr oft zu verblüffenden Erkenntnissen, die die gängigen Meinungen, Einschätzung und Vorurteile als falsch oder unvollständig entlarven.

„Perspective Daily“ berücksichtigt auch in der optischen Darstellung und in seiner journalistischen Sprache die neuesten Erkenntnisse der Neurowissenschaften. Kein Wunder, dass „Perspective Daily“ in vielen Redaktionsstuben klassischer Medien inzwischen zum Pflichtprogramm gehört. Maren Urner hat mit ihrem Buch „Schluss mit dem täglichen Weltuntergang“ die Messlatte für das Nachrichtenbusiness hoch gelegt. Die Leser sollten danach kritischer und auch selbstbewusster mit den Nachrichten umgehen können. Journalismus steht damit vor einer ganz neuen Herausforderung. Gut so!

Fotos: Jörg Bockow



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