Das multiple demokratische Vehikel

Der wunderliche Künstler Joseph Beuys ist nicht nur für seine Werke, wie „die Fettecke“ bekannt, sondern auch als Verfechter der direkten Demokratie. Die Kuratorin und Beuys-Kennerin Marianne Wagner stellt im LWL-Landesmuseum Münster ihre Lecture-Performance-Analyse der politischen Arbeit Beuys´ vor und enthüllt, dass der Künstler weit mehr konnte als stundenlange Reden halten.

Viele kennen Joseph Beuys nur für seine künstlerischen Werke, doch war seine politische Aktivität in den 60er und 70er Jahren starker Tobak und ausschlaggebend für den demokratischen Diskurs der damaligen Zeit. Er war berühmt für seine bis zur körperlichen Erschöpfung andauernden Diskussionen mit dem Publikum.

Viele Themen der damaligen Zeit haben Parallelen in die Gegenwart. Dazu gehören die direkte Demokratie, Umweltschutz und ein umstrukturiertes Bildungssystem. Denn wer die Welt von morgen radikal umbauen will, der muss sein Gedankengut in die Kinder verpflanzen und davon gab es einige nennenswerte Ideen.

Beuys wirkte auf sein Publikum wie ein Lehrer, Erzieher oder Mentor und versetzte sein Publikum, also seine Zuhörer in die Rolle eines Schülers. Seine plastische Theorie verlieh ihm in der Kunst großen Erfolg - also ein Kontrast aus geometrischen, Beuys nannte sie kristallinen und weicheren, organischen Formen. Diese symbolisierten die Symbiose aus Ordnung und Chaos. Und exakt diese Idee nahm er auch mit in sein politisches Programm für die damals noch in den Kinderschuhen stehende Grüne-Partei auf.

Beuys behauptete, dass Menschen nämlich geistig plastisch-formbar seien und verstand seine Sprache als Eingreifen und Umformen der Umwelt. Jeder konnte an dieser Umformung teilhaben, denn man konnte ihn immer in seinem Büro persönlich antreffen. Wer bisher annimmt, dass der Mann gerne diskutiert hat und ziemlich fest von sich überzeugt war, der mag damit Recht haben, gäbe es nicht die andere Seite seiner Persönlichkeit.

Denn der Mann war auch ein verdammt guter und aufmerksamer Zuhörer. Die Kuratorin Marianne Wagner stellt die These auf, dass Joseph Beuys sich selbst von den Gesprächen mit politischen Gegnern und Wählern plastisch umformen ließ - also seine Theorie tief verinnerlicht hatte.

Seine Kritiker warfen ihm vor, sehr ideologisch zu sein und führten Gründe auf, weshalb eine direkte Demokratie und tendenziell politisch uninteressierte Wähler nicht funktionieren könnten. Beuys´ Überzeugungen verstand er in der Podiumsdiskussion zu verteidigen (gerne auf Youtube nachschauen, sehr anregend). Vermutlich hatten die Kritiker recht, denn als die Grünen zum ersten Mal in Reichweite der fünf Prozent Hürde kamen, distanzierten sie sich von ihrem Spitzenkandidaten, weil er ihnen zu radikal wurde. Ein Grund mehr sich heute nochmal mit seinem Werk zu beschäftigen.

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