Die Sensibilität fehlte

Seit die Fälle des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche bekannt wurden, ist das Thema hochbrisant. Doch Pfarrer Ulrich Zurkuhlen warb in einer Messe in St. Josef Münster Süd um Vergebung, auch gegenüber den Tätern. Die Gläubigen sind empört und die Pfarre Heilig Geist bemühte sich um einen Dialog.

-wolf- Es ist einfach schlimm und kaum in Worte zu fassen, was in der katholischen Kirche passiert ist: Fälle von sexuellem Missbrauch sind vor Jahren aufgeflogen, noch immer melden sich Opfer zu Wort und fordern Aufklärung. Doch Pfarrer Ulrich Zurkuhlen zog laut Medienberichten des Bistums Münster scheinbar Parallelen zu einem Gespräch zweier Frauen über ihre Ex-Männer – und warb um Vergebung, auch für die Täter des sexuellen Missbrauches (stadt 40 berichtete)

Dieses Verhalten hat eine Welle der Empörung ausgelöst: Rund 120 Gläubige hatten die Kirche verlassen. Die Gemeinde Heilig Geist an der Hammer Straße versuchte nun bei einem Abend der Begegnung, die Woge zu glätten. Pikantes Detail: Pfarrer Zurkuhlen war auf eigenen Wunsch bei der Veranstaltung nicht dabei.

Die Besucher zeigten sich geschockt von der Predigt des Pfarrers und zutiefst getroffen: Worte wie geschockt, fassungslos, ratlos, erschüttert und hilflos fielen. „Es fehlte an Sensibilität“, so eine Wortmeldung. Auch die Reaktion des Pfarrers stieß auf wenig Gegenliebe: denn Zurkuhlen hatte von einem „schreienden Mob“ gesprochen, gegen den er nicht angekommen sei. Das sahen die Gottesdienstbesucher anders: Sie hätten ruhig die Kirche verlassen und sich auf dem Vorplatz versammelt.“

Ein weiterer Aufreger war der scheinbar mangelnde Respekt vor den Gräueltaten, die in der Kirche geschehen sind und deren Opfern. „Frauen, die statt über ihre Ex-Männer zu lästern, denen doch besser vergeben sollten, gleichzusetzen mit einem Anspruch des Vergebens von Missbrauchstätern den Opfern gegenüber, ist ungeheuerlich“, kam es aus dem Plenum.

In einer Pressemeldung des Bistums über den Abend hieß es weiter: „Es geht hier nicht primär um die Rettung der Kirche, sondern um Gerechtigkeit für die Betroffenen sexuellen Missbrauchs“, sagte Stefan Rau, der die Gemeinde St. Josef Münster Süd leitet, und widersprach damit deutlich Zurkuhlen. Dieser habe – auch dem Empfinden der Gottesdienstteilnehmer nach – „nicht anerkannt, was gerade als Reaktion auf seine Predigt passierte und die Opferperspektive völlig vermissen lassen.“

Ob allerdings die Einschätzung von Rau richtig ist, nämlich, dass durch einen solchen Abend „das Erlebte ein Stück weit verarbeitet wird“, bleibt abzuwarten. Denn noch immer sitzen Entsetzen und Unverständnis tief. Sogar Bischof Felix Genn hat sich eingeschaltet: Er hat den emeritierten Pfarrer Zurkuhlen gebeten, nicht mehr zu predigen.

Bildzeile: Aussprache war nötig am Montagabend in der Heilig- Geist-Kirche. Anlass war eine Predigt des emeritierten Pfarrers Ulrich Zurkuhlen, in der er Vergebung für Missbrauchstäter seitens ihrer Opfer verlangt hatte.

Bild: Bischöfliche Pressestelle/Julia Geppert