Ecke auf der Strecke

Das kulturelle Abendprogramm steht fest - es kann los gehen. Eigentlich steht dem Plan nichts mehr im Wege, doch manchmal kommt es anders und manchmal, anders als man denkt: Aber es trotzt, eine nachgiebige Willensstärke und der Zweifel an der eigenen Entscheidungsfreiheit- Das Resultat: Ein unerwarteter Abend.

Poetry Slam in der Sputnikhalle am Haverkamp - das klingt vielversprechend. Eine angenehme Packung Kultur für den Abend. Poetische Texte, politische Meinungen, hier eine Pointe und da ein Lacher. Nicht zu anstrengend aber auch keine Lebenszeit raubende Sitcom auf Netflix, die einen anschließend desillusioniert zum Kühlschrank schlurfen lässt.

Ist der Haverkamp, der Hafen, das Cineplex oder die Halle Münsterland das Ziel, überquert man höchstwahrscheinlich die Kreuzung Hansaring/ Albersloherweg. Eine völlig durchschnittliche Kreuzung mit Plakaten, verpeilten Studenten, ein paar Dönerbuden, kleinen Bars mit urbanem Ambiente und Flaschenbier. Dahinter eine Unterführung, Bahngleise, ein Parkpatz, Risiiiikooooooooo!

Im ersten Moment unauffällig, aber dann doch nicht zu übersehen, lauert an einer unscheinbaren Ecke, unaufdringlich werbend, mit weißer Groteskschrift „KIOSK ECKE/ CAFE BAR“ auf grauer Fassade. Doch einmal zu lange angeschaut, übt die „Wegbierschenke“ eine, bis dahin ungeahnte Anziehungskraft aus - zwinkert Dir zu. Und ehe man sich versieht, nimmt sie einen auf, wie einen alten Freund, ganz nach dem Motto: Fühl dich wie zu Hause, Dude.

Auf dem Weg zum Poetry Slam realisiere ich, viel zu spät, wie meine Augen unweigerlich die immerzu präsente Menschentraube, nach einem vertrauten Gesicht abscannen. Doppel Bingo! Die Folge: Absoluter Automatismus. Meine Beine verselbstständigen sich, finden von ganz alleine den Weg zum Kiosk – Einparkhilfe sei dank.

Wie in Trance murmle ich: „Wie zum Teufel bin ich hier hingekommen?“. Zwei Sekunden später sitze ich auch schon mit einem Bier bewaffnet, auf einer der Holzbänke inmitten von - jungen, alten, bärtigen und geschminkten Gesichtern vorm Kiosk. Zeit? Zu spät. Auf der Stelle los gehen, oder hier bleiben, ist schnell entschieden. Was bleibt ist die Frage nach der Entschlussfreudigkeit oder: Wo finde ich das nächste Bier?

„Dort? Freibier? oder warum stehen da so viele?“. Nicht kostenlos, aber zu fairen Preisen, Getränke und Süßigkeiten. Und früher oder später kommt jeder einmal vorbei und bestaunt, wie die Sonne hinter den Gleisen untergeht. Kein Wunder, das die Corner mittlerweile zum Hotspot für viele junge Leute am Hansaring geworden ist.

Egal zu welcher Tageszeit, irgendein bekanntes Gesicht ist immer da, raucht eine Zigarette, liest eine Zeit-schrift oder gar „-ung“und ist für einen oder fünf pläuschige Unterhaltungen zu haben. Im Sommer und vor allem am Wochenende, kann es auch schon mal richtig drunter und drüber gehen und das bis tief in die Nacht .

Warum also eine Kneipentour machen, wenn man auch eine Runde cornern kann?