Seebrücke ruft ‘‘Notstand der Menschlichkeit‘‘ aus

Die interkommunale Organisation Seebrücke ruft den Notstand der Menschlichkeit aus. Über 50.000 Menschen gingen deshalb am gestrigen Tag auf die Straße um ihre Solidarität zu zeigen.

Die Lage im Mittelmeer spitzt sich zu: Viele Flüchtlinge geraten auf ihrer gefährlichen Flucht von Lybien aus über das Mittelmeer in Seenot. Einige werden von Seenotrettern vor dem Ertrinken gerettet. Für ihre Aktivitäten werden die privaten Retter wie jüngst die Kapitänin Carola Rackete kriminalisiert. Dabei müsste jedem klar sein: Seenotrettung ist kein Verbrechen! Dafür wird in ganz Europa demonstriert. Zu Recht!

Die Lage ist ein einziger Skandal: Die Europäische Gemeinschaft kommt zu keiner humanitären Lösung für das Flüchtlingsproblem. Ja, sie lässt zu, dass der stellvertretende Ministerpräsident Italiens, Matteo Salvini, nicht nur jede Hilfe verweigert, sondern den Seenotrettern verbietet, italienische Häfen anzusteuern, um die Flüchtlinge an Land zu bringen. Unter dem Beifall vieler Italiener kriminalisiert er den humanitären Akt.

Dadurch kommt es, wie jüngst auf dem Rettungsschiff Sea-Watch, zu dramatischen Szenen. Sie haben die Kapitänin Carola Rackete gezwungen, den Hafen von Lampedusa anzusteuern, um eine Katastrophe zu verhindern. Rackete wurde verhaftet, was europaweit zu beispiellosen Solidaritätsbekundungen geführt hat. Rackete ist inzwischen frei, während vor der italienischen Küste bereits weitere Seenotretter kreuzen, um jeweils mit 50 bis 60 entkräfteten Flüchtlingen anzulanden.

Am 6. Juli trafen sich in über fünf Ländern in mehr als 70 Städten viele Tausend Menschen, um für die Rechte von Flüchtlingen einzustehen. Viele dieser Aktivisten sind in der großen Gemeinschaft der „Seebrücke“ organisiert, die lokale Anbindungen in ganz Deutschland hat, und sich für die Entkriminalisierung von Seenotrettung einsetzt. In Deutschland haben gestern mehr als 50.000 Menschen demonstriert.

Auch in Münster gab es einen großen Protest der örtlichen Vertretung der Organisation Seebrücke mit etwa 800 Demonstrierenden in der Stubengasse. Die Kundgebung wies auf den unhaltbaren Zustand hin und sogar eine Nachricht der gerade erst frei gelassenen Carola Rackete wurde vorgetragen. Rackete fungiert seit ihrer als widerrechtlich eingestuften Landung auf Lampedusa  als Sinnbild für die humanitäre Hilfe für Geflüchtete, die auf ihrer Flucht übers Meer in Seenot geraten sind.

Unter dem Motto „Notstand der Menschlichkeit“ gab es in vielen Städten eine Mahnwache für jene, die dem Meer bisher zum Opfer gefallen sind. Wenn ein humanitärer Akt der Menschenleben rettet, illegal ist, dann bedeutet das nämlich genau das: den Notstand der Menschlichkeit.

Als Zeichen der Solidarität verschränkten alle Demonstranten ihre Arme über dem Kopf zu einem Kreuz. Alle zeigten dabei ein orangenes Band  an ihrem Handgelenk, das symbolisch für die Solidarität mit der Seebrücke und deren Zielen steht.

Scharfe Kritik äußert die Seebrücke Münster an der Stadt Münster selbst, die sich immer wieder gern als “Stadt des Friedens“ präsentiert, nicht zuletzt weil in dieser Stadt der Westfälische Frieden geschlossen worden ist. Es gibt mittlerweile 69 “Sichere Häfen“ in Deutschland, Münster gehört nicht dazu. Städte, die sich so nennen, sprechen sich gegen die Abschottungspolitik Europas aus und bemühen sich, einen Beitrag für sicheres Ankommen Geflüchteter zu leisten.

Münster präsentiert sich gern als ‘‘Stadt des Friedens‘‘, wurde 2004 sogar als ‘‘Lebenswerteste Stadt der Welt‘‘ ausgezeichnet. Münster hat nun keinen Grund, sich als sicherer Hafen zu zeigen und entsprechende Maßnahmen zu ergreifen? Viele finden das nicht und setzen sich daher dafür ein, dass Münster künftig auch zu einem sicheren  Hafen wird. Hoffnung macht da, dass die meisten Münsteraner sich weltoffen und tolerant zeigen, in der Flüchtlingshilfe aktiv sind und rassistischen Äußerungen von Rechten und AfD-Vetretern kritisch und ablehnend  gegenübertreten.


Fotos: Luisa Kohnen, clm





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