„Bier trinken“ - ein Ereignis

Bundestags- oder Europawahl, Fußballweltmeisterschaft und „Bier trinken“. All das sind Ereignisse. Aber was verbindet so Profanes wie den Genuss eines Kaltgetränkes mit beispielsweise politisch relevanten Daten? Was sind das also - Ereignisse?

Mit dem Thema, was Ereignisse sind, haben sich schon viele schlaue Leute beschäftigt. Dennoch ist bis heute nicht eindeutig festgehalten, wann man überhaupt von Ereignissen sprechen darf. Oder kann man vielleicht sagen, das Sprechen selbst, macht aus Etwas überhaupt erst ein Ereignis?


Beginnen wir vielleicht einmal so: Das deutsche Wort „Ereignis“, sieht ursprünglich so aus: „Eräugnis“. Ein Ereignis ist also etwas, das erst durch das Gesehen-werden, entsteht. So wie ein Fußballspiel. Es ist kein Ding, sondern sein Wesen besteht darin, dass es ein nicht wiederholbarer Prozess ist, der im eigentlichen Sinne nicht materiell ist, wie beispielsweise der Computer, an dem ich gerade sitze.


Donald Davidson, ein wirklich kluger amerikanischer Denker, der im Jahr 2003 verstorben ist, dachte sich das (nicht unbestritten) so: Es gibt „Sachen“, die finden in der realen Welt statt, wie das eben genannte Fußballspiel – wir nennen das ein „Ereignis“. Diesem Ereignis auf dem grünen Rasen, das wir mit Worten beschreiben, geben wir die Identität, also den Namen: Fußballspiel. Aber wird das Fußballspiel erst zu einem Fußballspiel, wenn wir darüber nachdenken, oder ist es auch schon „da“, als Ereignis, wenn wir nicht darüber nachdenken? Oder ist das, was in unserem Kopf passiert, ein Ereignis und das, was auf dem Rasen stattfindet, auch eines? Und, um die Verwirrung komplett zu machen: Ist das, was da materiell in unserem Gehirn stattfindet (also neuronal), exakt das Fußballspiel, an das wir denken (nicht was wir sehen), oder ist das Fußballspiel, an das wir denken, wenn in unserem Gehirn etwas passiert noch etwas anderes? Will heißen, gibt es etwas, dass unser „Ich“ als Fußballspiel bezeichnet, weil etwas in unserem Gehirn passiert? Oder gilt: Graue Zellen A und B machen was, das nennen wir Fußballspiel, also immer, wenn Zelle A und B im Kopf „an“ sind, ist das ein Fußballspiel, immer?!


Für jede dieser Positionen und auch noch für einige dazwischen, gibt es Fachleute, die das sogar begründen zu können glauben. Donald Davidson ist folgender Ansicht: Wenn auf dem Rasen etwas passiert, löst das in unserem Gehirn etwas aus, und wir denken: Fußballspiel. Wir sagen also, dass das, was da auf dem Rasen stattfindet, den Gedanken auslöst: Fußballspiel. Demzufolge besteht ein Ursache-Wirkung-Zusammenhang zwischen Materiellem, also dem Fußballspiel und dem, was im Kopf stattfindet, dem Geistigen. Wenn dem so ist, so behaupten viele, muss es ein Gesetz geben, dass immer angewendet werden kann. Also: IMMER, wenn aufgrund des einen, etwas anderes passiert, so wie immer, wenn ein Fuß an einen Ball stößt, bewegt sich dieser. Dem würden viele zustimmen, aber stimmt das auch IMMER? Also passiert immer etwas Materielles, wenn wir an etwas denken? Da sind wir schon nicht mehr so sicher. Und genau das nennt man Anomalie des Geistigen. Es besagt, dass im Geist etwas passieren kann, ohne dass es etwas Materielles auslöst. Ich kann also an meine Freundin denken, und es passiert (leider) im realen Leben nichts.


Davidson sagt nun, dass zwischen den eben genannten Feststellungen, kein Widerspruch besteht, wenn wir eine klitzekleine Unterscheidung beachten. Die Unterscheidung, dass erst die Formulierung eines Gesetzes in Sprache, ein Gesetz zu einem Gesetz macht. Es gibt also Verbindungen zwischen Geistigem und Materiellen, ansonsten könnte ein Gedanke ja nichts auslösen, aber erst der Umstand, dass ich es sprachlich formuliere, also beispielsweise der Satz: „Immer, wenn ein Fuß an einen Ball stößt, bewegt sich dieser“, macht daraus ein Gesetz, gegen das man auch verstoßen kann. So wie es bei der Verbindung zwischen der zwingenden Ursache und Wirkung von Geist und Materie der Fall ist.


Nichts verstanden? Nicht schlimm, ich hab auch lange gebraucht.


Noch mal langsam:


Ich denke (nicht sage): „Ich will das Bier trinken, das vor mir steht.“ Also bewege ich, weil ich das als nächstes denke, den Arm, greife zum Bier und trinke es. Der Gedanke „ich will das Bier trinken, das vor mir steht“, ist die Ursache dafür, dass ich das Glas auf dem Tresen leere (Wirkung).


ABER: Ich könne auch denken „ich will das Bier trinken, das vor mir steht“, mache es aber nicht, beispielsweise, weil meine Freundin mich beobachtet und das für keine gute Idee hält. Mein Gedanke löst also keine Reaktion aus. Im Gegensatz zu dem Fuß, der den Ball berührt. Denn in dem Fall bewegt sich der Ball IMMER. Es ist also etwas anderes, ob ein Gedanke eine Ursache ist, oder etwas Materielles. Obwohl Sir Isaak Newton bei seiner „klassischen Mechanik“ Ende des 17. Jahrhunderts behauptet hat, dass „wenn ein Körper eine Kraft auf einen zweiten ausübt, […] er von diesem ebenso eine Kraft [erfährt]“ (wikipedia.org/wiki/Bewegung_(Physik)).


Wenn ich jetzt aber sage, dass Gesetze, auch das von Aktion und Reaktion oder Ursache und Wirkung nur dann so zwingend ist, wie es aus sich heraus behauptet, wenn es ausgesprochen oder formuliert wird, kann etwas ohne Reaktion passieren, wenn ich es nicht sprachlich ausdrücke. Dann gibt es zwar immer noch eine Verbindung zwischen Gedanke und Handlung, aber wir sind nicht in der Lage, es sprachlich auszudrücken.


Der Widerspruch wird also erst dann existent, wenn ich beginne, es in Worte zu fassen.


Noch kürzer:


Der reine Gedanke „ich will das Bier trinken“ steht in irgendeiner Verbindung mit dem Trinken selbst. Aber erst wenn ich es ausspreche, fällt es in eine Kategorie, die den klassischen Gesetzen von Ursache und Wirkung entsprechen muss.


Sie können also denken „ich werde diesen sch... Text nie wieder lesen“, und es dennoch tun. Sobald sie aber sagen, „ich werde diesen Text nie wieder lesen“ und es dann dennoch tun, entsteht der Widerspruch, dass ihr Gedanke keine klassische Ursache ist. Denn, wenn dem so wäre, würden sie zwingend diesen Text nie wieder lesen.


Was man sich davon „kaufen“ kann, sich solche Gedanken zu machen? Ganz einfach – es geht um Logik. Wir Menschen versuchen Prognosen, also Vorhersagen zu machen für das, was notwendig geschieht. Ziel ist es, uns (geistige) Arbeit zu ersparen, indem wir uns berechtigt auf eine Erfahrung berufen können, dass immer, wenn ich etwas Bestimmtes mache, darauf etwas ganz Bestimmtes folgt.



   Diese Artikel wurde 156 mal gelesen.