Prominentester Parkplatz der Welt

Nach elf Jahren trauten sich die verantwortlichen „Großkopferten“ Westfalens, sich an einen Tisch zu setzen, um erneut über die Idee einer Musikhalle zu debattieren. Der Andrang war, trotz des schlechten Marketings und brüllender Hitze draußen, überraschend groß.

Die Initiative „debatte“, vertreten von Wilhelm Breitenbach, lud unter dem Titel „Ten Years after … neue kulturelle Orte für Münster?“ zur Diskussion über die Perspektiven für Kultur in Münster. Im Kern ging es um die Frage, in welcher Konstellation sich das Sinfonieorchester Münster, die Musikhochschule und die Musikschule mit der Universität oder der Stadtgesellschaft zusammenfinden, wo und unter welchen Bedingungen sie künftig musizieren werden. Größter Streitpunkt war und ist die Frage, wo demnächst der Konzertsaal seinen Platz finden wird.


Golo Berg, Generalmusikdirektor am Theater Münster und Freidrun Vollmer, Direktorin der westfälischen Schule für Musik bildeten eine Fraktion, die für einen Zusammenschluss mit der Hochschule für Musik votierten und einen Musik-Campus in enger Kooperation mit der Universität befürworteten. Des Weiteren war der Architekt Stefan Rethfeld anwesend und vertrat die Intitiative „Schlossplatz Kultur 2020“. Diese ist angetreten, im Zuge eines zu planenden Kulturforums inklusive eines Konzertsaales das gesamte Schlossplatzareal architektonisch neu zu gestalten und zu einem städtebaulichen Juwel werden zu lassen. Und „last but not least“ waren an der Debatte Hans Gummersbach sowie Heiko Winkler beteiligt, die für die Initiative Hörsterparkplatz in den Ring stiegen. Letzt genannte machten sich für die Fusion von Musikhalle und Begegnungszentrum mit Kongresshalle stark. Laut ihnen wird es Zeit für ein Zentrum für Bildung, Begegnung und Kultur am Bült. Moderiert wurde die Diskussion von Rainer Bode, also demjenigen, der unter anderem den letzten Anlauf einer Musikhalle mit einem Bürgerentscheid zum Scheitern brachte.


Es ging kurz gesagt um: Musikhalle – ten years after.


Also: Braucht Münster, nach der peinlichen Vorstellung vor eigentlich elf Jahren, eine Musikhalle, ja oder nein und wenn ja, nur das oder eher ein Eventzentrum? Und wo sollte das ganze statt finden? Zur Disposition stehen Hüfferstiege, wo die Universität sich mit einem Kongresszentrum erweitern möchte, Hörsterplatz und Schlossplatz. Interessant daran war, dass kaum zur Sprache kam, dass es an und für sich schon peinlich ist, dass die prominentesten Orte in Münster aktuell Parkplätze sind.


Die drei Fraktionen, die gestern ab 12.30 im LWL Museum für Kunst und Kultur den Bürgern Rede und Antwort standen sowie ihre Ideen vorstellten, nahmen sich jeweils viel Zeit, ihre Positionen darzustellen. Und dennoch, bin ich beinahe genauso schlau wie vorher. Alle nur erdenklichen kulturellen Baustellen kamen zur Sprache: Konferenzzentrum, Musikhalle, Begegnungszentrum. Gefühlt wurde nur nicht über neue Schwimmbäder diskutiert.


Ich glaube, dass keiner die Sache auf konstruktive Beine stellte. Alle verloren sich in Retrospektiven oder Zukunftsvisionen. Und wenn man ehrlich ist, sind alle Positionen utopisch, denn erstens mag keiner auf den anderen zugehen und zweitens, was ich für noch viel tragischer halte, keines der Konzepte hat eine realisierbare Struktur, nach der man vorgehen könnte.


Fakt ist, dass wir in Münster keinen hochkarätigen Ort für Konzerte haben, aber Parkplätze satt. Die für mich eigentliche Frage lautet daher: Hat Münster den Mut, endlich den Schlossßplatz konstruktiv mit einem Konzerthaus zu kultivieren? Wollen wir aus einem Schandfleck der Ästhetik einen Eyecatcher machen? Und glauben wir daran, dass ein Konzerthaus wie das in Dortmund dieses Potential hat? Alles Informationen darum sind Makulatur. Ob wir zusätzlich ein Begegnungs- oder Kongresszentrum brauchen, ist eine andere Frage, die man gerne diskutieren kann, aber aber nicht an diese Stelle gehört. Wenn die Universität für sich ein Kongresszentrum reklamiert, dann soll sie das an der Stelle bauen, die ihr zur Verfügung steht und die ihr genehm ist.


Ich prognostiziere schon jetzt, dass wir in zehn Jahren immer noch keine musikalischen Highlights in Münster zelebrieren werden, weil der aktuelle Konzertsaal, obwohl wir ein Sinfonieorchester haben, in jeder Hinsicht so sexy wie Käsebrot ist. Golo Berg sagt zu Recht, das große Haus im Stadttheater ist – (wohlwollend formuliert –n ) ein drittklassiger Konzertsaal. Man rennt, nicht gleich schreiend weg, aber das war es dann auch. Der Schlossplatz wäre eine ideale Location für ein musikalisches Zentrum, auch als Aushängeschild für eine ambitionierte Stadt wie Münster. Und natürlich wäre es wünschenswert, wenn man das gesamte Umfeld im Zuge eines Konzerthauses kultiviert.


Haben wir den Mut? Wenn ja, ist es nicht unwahrscheinlich, dass beispielsweise am Hörsterplatz-, ein Kongress- oder Begegnungszentrum, welcher Art auch immer errichtet wird. Wenn nicht, werden kommende Generationen vom Klimawandel geplagt wieder bei über 30 Grad Celsius den Samstag mit hitzigen Diskussionen vergeuden, aber bestimmt nicht einen zukünftigen Daniel Barenmboim mit den Wiener Philharmonikern oder dem Boston Symphony Orchestra an zentraler Stelle in Münster genießen können.


Kant würde an dieser Stelle wohl anfügen: Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen. Und wenn die reine Vernunft, die angeblich bei jedem Menschen von Natur aus gegebenen ist, besteht zumindest noch Hoffnung, dass irgendwann der Schlossplatz zum Stolz der Stadt wird und nicht zum prominentesten Parkplatz der Welt.


Dass wir auch ein neues Stadion und bezahlbare Schwimmbäder brauchen, tangiert die Notwendigkeit eines Konzerthauses in keiner Weise, denn diese Vorhaben sollten obligatorische Pflicht der Politik sein.


Ein schöner Schlossplatz als architektonisches und kulturelles Highlight einer Landesmetropole, dessen Claim „Stadt der Wissenschaft und Lebensart“ ist, sollte allein deshalb schon realisiert werden, weil Zeit, Raum, Geld und Notwendigkeit vorhanden sind.



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