Unregelmäßige Perlen

Heute feierte die Ausstellung „IM DIALOG“ von Bahram Hajou im Franz-Hitze Haus Premiere. Der Künstler, dessen Werke in den letzten Jahren internationalen Weltruhm erlangten, entstanden mitunter in Münster, auch wenn sie von Reisen erzählen, die kein Wort so treffend beschreiben könnte wie sein Pinselstrich.

Barock, eine zeitgeschichtliche Epoche die sich von 1650 bis ca. 1770 zog, ist, als Wort, der portugiesischen Sprache entlehnt und bezieht sich auf unregelmäßige Perlen die man „barocco“ nennt. Und schöner kann man die Bilder von Bahram Hajou auch nicht beschreiben, dessen Ausstellung in der Akademie des Franz-Hitze-Hauses heute, an seinem 67 Geburtstag, feierlich eröffnet wurde.



Während ich diese Zeilen gerade zu Papier bringe, erklingt Antonio Vivaldi im Hintergrund. Die leichten Flöten und Tiefe spendende Melancholie eines Violoncello, die so herzergreifend von Theresia Volbers (13), Tara Althaus (13) und Ansgar Rohlmann (17), alle drei Absolventen der westfälischen Jugendakademie für Musik, den Rahmen zu dieser beeindruckenden Ausstellung bildeten. Unfassbar gut. Ohne jeden Babybonus.



Und während die jugendlich beschwingten Finger zupfend und tanzend über die Instrumente fliegen, ziehen die Worte von Dr. Jörg Bockow, der die Laudatio hält, die Gäste in eine Welt, die von starkem Mocca und saftigem Zigarillorauch getränkt ist. Die Welt von Bahram Hajou.



Der 1952 in Syrien geborene Ausnahmekünstler hat eine bewegte Vergangenheit, die von Heimatlosigkeit und negierten Menschenrechten geprägt ist. Aber Barham Hajou ist nicht banal. Seine Bilder sind ohne jede Waffe brutal. Sie machen den Betrachter zum Täter. Entblößte Leiber die von Hilflosigkeit und Ohnmacht erzählen. In Schichten aufgetragen, macht er den Prozess zur Vita der Protagonisten. Irritierend, mit kleinen Details, die erst bei längerer Betrachtung ins Auge fallen.



Die ungeweißten Leinwände ziehen die Blicke an, fesseln den Betrachter und lassen ihn nicht mehr los. Realistische Gesichter, gebrochen durch abstrakte Stilmittel und nicht plakative Tränen. Teilweise verhüllt mit schwarzer Scharm, muss der Betrachter ertragen, was mit wenigen Pinselstrichen erzählt, wofür dem Schriftsteller die Worte fehlen.



Unregelmäßige Perlen, das sind die Bilder von Bahram Hajou. Und Barock sind auch die Klänge, zu denen sie entstehen. Am Haverkamp und in New York. Ausgestellt in der ganzen Welt. Dr. Bockow versagt teilweise die Stimme, weil ihn die Emotionen übermannen. Er berichtet vom Enstehungsprozess und der Geschichte eines Mannes, der über Irak und Prag erst nach Ostberlin dann weiter nach Westberlin zog, um final in Münster erst eine Heimat zu finden und im Laufe der Zeit selbst zum Aushängeschild bildender Künstler dieser westfälischen Metropole wurde.



Wo Neo Rauch Soldaten einen Besen in die Hand legt, lässt Bahram Hajou die Tränen und Bestürzung des Betrachters zur Tatwaffe werden. Nur so, versteht man und kann sich nicht hinter geheucheltem Mitleid verstecken. Bahram Hajou will aber nicht anklagen, sondern den Zuschauer zum Verständnis zwingen, weil er nicht anders kann. Seine Bilder sind nicht schön, sondern abstrakt deutlich. Die Konklusion entsteht im Geist und wird nicht redundant in plakativen Symbolen zum Markte getragen.



Heute, als Syrer sich in Münster mit Fächer die beinahe nordeuropäische Luft erfrischen, während ihre orientalische Realität unseren Wahrheitsbegriff erweitern, wurde Geschichte geschrieben. Eine Geschichte der Versöhnung zwischen auf den ersten Blick unvereinbaren Kulturen.

Aber Bahram Hajou will uns nicht anklagen, sondern auffordern hinzugucken. Geistiger Wandel entsteht über Sensibilisierung, nicht Belehrung. Der kleine Mann mit dem Strohhut, wirkt unscheinbar, mit seinem versteckten Lächeln. Er will nicht über seine Person, sondern die Kunst, die seine Hände aus Farbpigmenten auf vergängliches Tuch zaubern, in Erinnerung bleiben. Und das Nicht als Bahram Hajou, sondern als Vertreter der Spezies Mensch, die erdumfassend zu über 99 Prozent genetisch identisch ist.



Wer es jetzt kaum erwarten kann, dem stehen die Türen im Franz-Hitze-Haus offen. Und für alle, die gern vorher wissen, worauf sie sich einlassen, verlosen wir einen handsignierten Hardcovereinband mit vielen Hintergrundberichten, der die letzten Zweifel beseitigen wird.


Eine E-Mail an redaktion@stadt40.de genügt.





Bilder: Claus Röttig, Suzanne von Bartenwerffer & Ulf Muenstermann












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