H.P.Grice & Pickeljo

Meist, wenn wir Redaktionssitzung haben, schaut Suzanne, unsere Redaktionsleiterin, auf Ihr Handy und sieht „Bin gleich da“, Adi. Ob sie wohl weiß, was ich ihr damit alles verrate?

„Ich bin gleich da“, wohl eine der meist genutzten Phrasen, die wir seit der „whatsapp“-Revolte benutzen. Und dieser kleine Satz, sagt mehr über uns aus, als ihnen wahrscheinlich lieb ist.


„Ich bin gleich da“, zuvorderst eine Ankündigung, die nichts mehr darstellt als, dass man an einem nahenden Zeitpunkt irgendwo erscheint. Aber Sie merken schon an dieser vorsichtigen Wortwahl, dass „Ich bin gleich da“ zudem impliziert, dass sowohl derjenige der schreibt als auch derjenige, der die Nachricht ließt, wissen, wo ich, das Ziel des Schreibers, bin.


Aber es zeigt auch Charakterliches, Gutes wie Schlechtes- und das bei Sender und Empfänger. Ihnen, als Schreiber beispielsweise, scheint wichtig, dass sie pünktlich sind. Also sind Sie in der Regel pünktlich, da sie sonst ja nicht ankündigen würden, dass sie „gleich da“ sind, also nicht „jetzt“ schon. Es sagt aber zudem aus, dass Sie die Befürchtung haben, um nicht zu sagen Angst, dass der Empfänger der Nachricht denkt, dass Sie ihn vernachlässigen oder gar vergessen haben. Es scheint für den Empfänger zumindest möglich zu sein, dass er nicht auf Sie wartet, da man ihn ja ansonsten nicht motivieren müsste, noch einen Moment auszuharren. Es lohnt sich doch. Sie befinden sich auf dem Weg, sind ergo: gleich da.

Diese latent negative Vermutung, dass der Empfänger nicht warten könnte sagt somit auch etwas über Ihre soziale Beziehung zum Empfänger aus. Ein Beispiel: Klaus ist 14, in der „Blüte der Pubertät und das sieht man ihm auch an, aber: Er hat ein Date mit Lisa, die ist sogar schon 15 und will unseren Pickeljo um 16 Uhr am Antiquariat treffen. Wie wahrscheinlich ist es, dass Klaus sich verspätet? Wie säh` das denn auch aus, gleich beim ersten Treffen zu spät zu kommen, ich meine abgesehen von allem anderen, was ihm außerdem schon im Weg steht? Dass der Bus ausfallen oder ein Meteorit hinunter fallen könnte, plant Klaus mit ein; er ist eher fünf Stunden zu früh da, als nur zehn Sekunden zu spät. Wenn ihm das Treffen und damit einhergehend, Lisa, wichtig ist. Und diese wiederum wartet, je nachdem wie wichtig ihr das Treffen mit dem fiktiven Absender wäre. Gut, Ihr Pickelgrad entscheidet auch über die Relevanz des Treffens mit Klaus und über ihr Durchhaltevermögen. Wenn Lisa die Klassenschönheit ist, ist Klaus in jeden Fall pünktlich.

„Aber ich hab sogar schon meiner Tochter vor der Schule geschrieben, dass ich im Stau stehe und mich verspäte, obwohl sie mir wichtig ist, sehr sogar!“ - Ja, diesen Einwand teilen die meisten, aber zeigt er nicht zugleich, wie sehr dieses kleine Gerät in unseren Händen Werte relativiert? Würden Sie nicht den Stau auf der A1 einplanen, wenn Sie kein Handy hätten, weil ihre Tochter ja nicht wissen könnte oder müsste, dass Sie im Stau stehen? Billigen Sie nicht zeitlicher Flexibilität oder Produktivität die höhere Priorität zu, als Ihrer Tochter, wenn Sie auf den letzten Drücker losfahren und riskieren zu spät zu kommen? „Ich schreib ihr kurz, fünf Minuten warten bringt sie ja nicht um.“ Stimmt, das kommt eher selten vor, aber kann man sich da sicher sein? Oder ganz davon abgesehen, was ist hier wirklich wichtiger?

Ich schweife ab. Denken Sie noch einmal an Klaus, ja genau den, mit den Eiterbeulen im Antlitz. Angenommen, er ist wirklich zu spät, weil seine Mutter nach Hause kam und noch eine Standpauke wegen der verhauenen Mathearbeit exerzierte, oder so. Ist die Beziehung vom pickeligen Klaus zur beinahe unnahbaren Lisa schon so intim, dass er sie mit einem „ich bin gleich da“ zufrieden stellen könnte oder auch nur wollte? Wahrscheinlich würde die Nachricht in diesem Fall eher erklärender (also devoter) und freundlicher ausfallen, etwa „Hallo Lisa, meine Yacht hat keinen Ankerplatz zugewiesen bekommen und deshalb musste ich den Privatjet nehmen. Bitte geh schon mal zum Ritz, man erwartet Dich bereits mit Champagner und Scampies. Bitte entschuldige, ich freu mich sehr (auf Dich), Klaus.

Anrede, Abschiedswort, Wortwahl, Umfang der Nachricht,ja selbst die Sprache die man wählt, erzählt intime Geschichten über den, der sie wählt, den, der die Nachricht in Empfang nehmen soll und die Beziehung von beiden zueinander. Denn „CU“ schreibt man nicht seiner Mutter und „ cherio Miss Sophie“ selten der Klavierlehrerin.

Sperber & Wilson haben Anfang der 80er Jahre den Sprachphilsophen H.P. Grice für seine Kommunikationsmaxime kritisiert. Ich sage das deshalb, weil Ihrer Ansicht nach nur eines zählt, die Relativität, sprich: Je nachdem, was uns am wichtigsten erscheint, darauf reagieren wir (überhaupt nur). Und all das, was uns zu dem macht, was wir sind, also bei Klaus die Streusel im Gesicht, der fehlende Bart, die rudimentäre Fiepsstimme entscheidet darüber, wie wir kommunizieren, also auch Whatsapp-Nachrichten schreiben. Seine nervige Mutter, dass er heimlich Helene Fischer hört und lieber Typo3 programmiert als Billard zu spielen sind darüber hinaus sein Erfahrungshorizont, auf den er zurückgreifen kann. Kurz, die Pubertät und das ungleiche Autoritätsverteilung von der „unnahbaren“ Lisa und Klaus zueinander, verleihen unserem 'Clearasil vorher Modell', den eher devoten Habitus und all das, was er bisher durch/erlebt hat, sind die Inspirationsquelle dafür, in welche Worte er „ich bin gleich da“ kleidet. Ach ja, ob er just bei Oma am Kaffeetisch heimlich unter der Decke tippt, oder in Begleitung anderer 'Nerds' vorm C64 2.0 ist, könnte natürlich auch eine Rolle spielen.

Interessant wird es, wenn sich Klaus und Lisa beispielsweise bei einem Tinderdate kennengelernt haben. Er „bretzelt“ sich dank Photoshop für ein Profilbild auf, macht ' ne echt fette' Vita - BAAAAM! Aber dann geht Lisa vielleicht plötzlich dazu über, dass sie sich Abends über einen gute Nachtgruß freuen würde.

„Nacht Babe“, wird er wohl nicht schreiben; es sei denn, er steht nicht auf Lisa, sondern vielleicht auf deren kleine Schwester, Laura, die ist 13, hat ebenfalls viele Pickel, steht auf Jay Z und hat, wie man an Lisa sehen kann, noch echtes Potential.

In diesem Sinne,

kommen sie gut durch die Nacht.






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