Die Macht des Bildes geht über das Wort hinaus

Museumsdirektor Hermann Arnhold sprach beim Geistlichen Themenabend

Münster - (pbm/mek) - Starke und wechselhafte Rottöne strahlen den Betrachtenden entgegen, kräftige, changierende und leicht gebogene Farbflächen durchziehen das Gemälde „Oiseau d’outre mer“ (Vogel aus Übersee) des Künstlers Max Ernst (1891 – 1976). Dieses Bild aus der Sammlung des LWL-Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte stellte Dr. Hermann Arnhold in den Mittelpunkt des Geistlichen Themenabends am Mittwoch, 17. März, im St.- Paulus-Dom. In seinem Vortrag, der in einen Wortgottesdienst eingebettet war, nahm der Museumsdirektor die Menschen mit in die Welt der Kunst. „Die Macht des Bildes geht über das geschriebene und gesprochene Wort hinaus. Beim Betrachten der Kunstwerke können wir Dinge erfassen, die etwas in uns auslösen, das manchmal jenseits der Sprache liegt“, sagte der 59-Jährige. Das Wesentliche entstehe zwischen der Leinwand und dem Blick des Betrachtenden, zwischen der künstlerischen Freiheit und der Freiheit der Schauenden auf einen eigenen Blick. „Darin besteht in meinen Augen die besondere, die eigentümliche Macht des Bildes“, betonte Arnhold.

Max Ernst habe sich nie über das 1954 entstandene Bild geäußert. Über Zeitzeugen sei bekannt, dass er sich generell Interpretationen verweigert habe. „Er lässt uns bewusst im Unklaren. Oder besser, er lässt unserem Betrachten und unserer Vorstellungskraft freien Raum“, erklärte der Museumsdirektor. Einzig der vom Künstler vergebene Titel könnte eine Richtung vorgeben: Der Vogel aus Übersee. Das Vogelmotiv sei eine Konstante im Oeuvre von Max Ernst, und das Entstehungsjahr falle zusammen mit der endgültigen Rückkehr des, während des Zweiten Weltkriegs in die USA emigrierten Künstlers nach Europa. „Der ‚Vogel aus Übersee‘, der über den Atlantik nach Europa zurückfliegt, versinnbildlicht auf besondere Weise diese Sehnsucht von Max Ernst nach der Rückkehr. Er deutet den Vogel nur an, aber immerhin so deutlich, dass wir bei näherem Hinsehen seinen Flug und sein waches Auge erkennen“, machte Arnhold aufmerksam.

Für ihn zähle das Kunstwerk zu einem seiner persönlichen Lieblingsbildern der Sammlung des Museums. „Es drückt Lebenskraft und Bewegung aus. Und der Flug des Vogels über dem Meer steht für das Gefühl der Sehnsucht, das auch den Künstler veranlasste, nach Europa als seiner geistigen Heimat zurückzukehren“, erklärte der Kunsthistoriker. Bilder wie diese und das Glück sie immer wieder aufsuchen zu können, Freiheit und Entgrenzung zu spüren, machten für ihn das Museum zu einem besonderen Sehnsuchtsort.

Auch die Kirche, der Dom sei ein Ort der Bilder. „Der konkreten, die ich um mich herum sehe, und der jenseitigen, die in mir aufscheinen wie zum Beispiel die aufgehende Sonne, die ich manchmal morgens durch die Fenster im Domchor wahrnehmen kann“, erklärte Arnhold.

Jedoch sei vielen Menschen dieser Sehnsuchtsort mit der Zeit abhandengekommen. „Das macht traurig“, gab er zu. Das sei neben der aktuellen Glaubwürdigkeitskrise vielleicht die größte Herausforderung und zugleich eine Chance. „Sie könnte darin bestehen, die Kirchen als spirituelle, frei machende Orte neu aufzuladen – mit Bildern, Worten, Musik, Stille, Begegnung“, sagte Arnhold zum Abschluss seines Impulses mit dem Untertitel „Sehnsuchtsbilder und Sehnsuchtsorte“. Er lud die Menschen ein, sich im benachbarten Museum das Bild im Original anzuschauen und seine Kraft zu spüren.

Dompfarrer Hans-Bernd Köppen dankte Arnhold für seinen Vortrag, in dem er neu aufgezeigt habe, dass Museen und Kirchen Ort seien, an denen es Platz für die Sehnsucht der Menschen gebe. Domorganist Thomas Schmitz gestaltete den Abend mit Orgel- und Klaviermusik französischer Komponisten und Zeitgenossen von Max Ernst.

Am Mittwoch, 24. März, steht beim letzten Geistlichen Themenabend die „Musik“ im Mittelpunkt. Die Dommusik wird die Bach-Kantate „Es ist das Heil uns kommen her“ musizieren.

Bildunterschrift: Dr. Hermann Arnhold nahm beim vierten Geistlichen Themenabend die Menschen mit auf eine Reise in die Welt des Bildes und seiner Wirkkraft.

Foto: Bischöfliche Pressestelle/Jakob Kuhn



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