Ein Jahr Corona - ein Jahr Abstand

Seit einem Jahr schütteln wir uns nicht die Hände, wahren den Mindesabstand und umarmen uns nicht mehr. An vieles haben wir uns gewöhnt, nach manchem sehnen wir uns zurück und freuen uns auf die Zeit nach Corona. Wenn wir wieder dürfen und hoffentlich noch können.

Die Corona-Pandemie hat das Leben des Einzelnen und unser Zusammenleben verändert. Bleibt die Frage, wie nachhaltig werden diese Veränderungen sein? Wie lange braucht es, soziales Verhalten so zu verinnerlichen, dass nicht das Vorher, sondern das Jetzt, richtungsweisend für die Zukunft ist? Und hier geht es nicht um das Händeschütteln, ein Relikt aus Zeiten, als wir uns als unbewaffnet zu erkennen geben mussten. Auch auf das "Küsschen, Küsschen" zur Begrüßung können wir sicher verzichten.


Es geht um das Bedürfnis nach Nähe, Gruppengefühl und Vertrauen. Bedürfnisse, die seit Urzeiten in uns verankert sind. Wenn aber jetzt eine Mutter erzählt, ihr 8-jähriger Sohn wende sich beim Einkauf intuitiv von den Mitmenschen ab, scheint das Vertrauen in die eigene Spezies der Angst, oder zumindest der Vorsicht, gewichen zu sein. Wenn ein Vater beobachtet, wie die Tennager-Tochter eine Filmszene mit "Iiihh, die umarmen sich - ist ja ekelig" kommentiert, kommt man nicht umhin sich zu fragen, wie diese Kinder in die Normalität zurück finden. Aber auch Erwachsene, lange vor Corona sozialisiert, reagieren schon jetzt erstaunt und irritiert, wenn sie zufällig alte - und dabei doch gar nicht so alte - Konzertmitschnitte in ausverkauften Hallen und Arenen sehen. Nostalgie vermischt sich mit dem neuen Gefühl des Unbehagens beim Anblick derartiger Menschenmassen. Was hätte in diesem Jahr alles passieren können. Die erste Liebe, der erste Kuss, ein Jahr "Work and Travel" in Australien, die Ferienfreizeit mit dem Verein oder den Pfadfindern. Nicht alles lässt sich einfach nachholen.  Wann sind wir nach der Pandemie wieder bereit, anderen Menschen unbefangen und ohne Angst zu begegnen? Wird der Impuls des Umarmens, um Trost zu spenden oder Mitgefühl und Verbundenheit zu zeigen, Corona überleben? 


Der Mensch hat in der Vergangenheit schon Schlimmeres überstanden als Corona. Bleiben wir also zuversichtlich, dass wir uns irgendwann gemeinsam an dieses Jahr, als das seltsame Corona-Jahr erinnern, in dem Nähe ein Tabu war und Social Distance unser Leben dominierte. Dass unsere Söhne und Töchter sich an ihren ersten Kuss deshalb so gut erinnern, weil sie diesen direkt nach Corona bekamen, dass unsere Abiturienten ihren Abschluss ausgelassen beim ersten oder zweiten Jahrestag feiern können. Dass unsere Karnevalsjecken beim nächsten Umzug doppelt Gas geben und zusammen schunkelnd an der Theke stehen. 


Bleiben wir zuversichtlich, dass wir uns bald wieder erleichtert in die Arme nehmen dürfen und sicher auch noch können.


Fotos:  www.pixabay.com




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