„I heard you paint houses“

The Irishman - Scorsese, de Niro, Pacino und Pesci endlich wieder im Kino.

Münstermann: Wenn alles gut geht, bewegt sich das Projektil einer neun Millimeter-Kanone mit etwa 4000 Kilometern die Stunde auf sein Ziel zu. Beim Aufprall durchbohrt die Stahlhülle der Patrone den Schädel im Bruchteil einer Sekunde, um dann seinen Weg über die Graue Materie durch den Hirnstamm bis zur hinteren Schädeldecke fortzusetzen, wo es mit weniger als die Hälfte seiner ursprünglichen Beschleunigung wieder aus dem Hinterkopf heraustritt. In dieser Zeit, sie wären beim Lesen dieses Artikels vielleicht beim Wort „gut“ in Zeile eins, wird alles unmöglich gemacht, was das Leben für die einen besonders und für andere besonders unanagenehm macht.  

Martin Scorsese macht diesen kurze Augenblick nicht selten zum wesentlichen Erzählmoment ganzer Kinonächte. Und nachdem in „Joker“ das Psychogramm einer Vorgeschichte dargestellt wird, konzentriert sich der Großmeister des Mafiepos` in einer Netflixproduktion, mit „Irishman“ endlich wieder der unterhaltsamen Seite dieses Genres.

 

Der Altmeister erzählt die wahre Geschichte „des Iren“, die als Romanvorlage den poetischen Titel“ I heard you paint houses“ trägt, was so viel wie, „Du bist also Killer?!“ heißt. Es geht um den Weltkriegsveteran Frank Sheran alias Robert de Niro, der schnell zu einer großen Nummer in einem korrupten System wird. Es sind die ausgehenden 50er Jahre des letzten Jahrhunderts als John F. Kennedy die Geschwindigkeit einer Patrone auch nur in Zahlen kannte. Zu jener Zeit, wird Frank unter den Fittichen seines väterlichen Bosses Russell Bufalino (Joe Pesci) langsam ins „Geschäft“ eingeführt, bis Frank irgendwann dem Gewerkschaftsführer Jimmy Hoffa (Al Pacino) begegnet.

 

An dieser Stelle braucht man eigentlich nicht mehr zu erzählen, als das sich die Zielgruppe bis kommenden Donnerstag unbedingt das Rauchen abgewöhnen sollte, denn  „The Irishman“ hat eine Länge von 210 Minuten, ohne Pause. Und er läuft nur zwei Wochen in den Kinos. Aber dann bereits auf Netflix. Ein Kompromiss, den Scorsese eingehen musste, da die Produktionskosten aufgrund der CGI Effekte enorm waren und nur Netflix dem heute 77-jährigen Scorsese die geforderten Millionen bedigungslos zur Verfügung stellte.

 

Interessantes Fun Fact am Rande: als sich De Niro und Scorsese vor etwa fünf Jahren trafen, wollten sie eigentlich eine Buchadaption namens „ Frankie Maschine“ in die Kinos bringen, dessen Drehbuchadaption bereits fertig gestellt und die Produktion selbst mit Paramount bereits gebrieft war. Aber der heilige St. Martin war nicht elektrisiert genug, um das Projekt zu beginnen, bis er plötzlich am Set die Geschichte von Charles Brandt in die Finger bekam und die Frage „I heard you paint houses“ nur mit einem „ Yes of course“ beantwortet werden konnte.

 

Vielleicht wundert es den ein oder anderen Cineasten an dieser Stelle, dass ausgerechnet Scorsese, der für seine Aversion zu Special Effekten bekannt ist, bereit war, CGI zu einem so wesentlichen Teil seiner Produktion zu machen. Der Großmeister selbst würde dazu sagen, dass er kein Problem mit Computertechnik hat, sondern damit, dass die Technik zum Dogma der Geschichte wird. In „The Irishman“ nutzt er die digitalen Möglichkeiten dafür, mit vielen Rückblenden die Gangstergeschichte in verjüngten Gesichtern einer Zeit zu erzählen, in der er selbst aufgewachsen ist. Er hätte auch jüngere Darsteller dafür wählen können, verriet er in einem Interview, aber denen hätte er den Sprit der Zeit erst erklären müssen und das war ihm (wohl) zu aufwendig. Zumindest aufwendiger, als den miesen kleinen Drecksack aus „Casino“ oder „Good Fellas“, Joe Pesci, mit Engelszungen aus dem verdienten Ruhestand wieder vor die Kameralinse zu locken. Denn, machen wir uns nichts vor, dies ist ein Film von körperlich alten Männern, selbst Al Pacino, der zuvor noch nie mit Scorsese zusammen gearbeitet hat, ist schon stolze 79.

   

Conclusio:

Bevor sie jetzt darüber sinnieren in doppelter Concorde-Geschwindigkeit Häuser zu streichen, gehen Sie doch einfach mal wieder ins Kino!

 

Gute Unterhaltung !

     

Hier der Trailer:

 

https://www.youtube.com/watch?v=WHXxVmeGQUc&list=PLMo6h4MsGOWl5cwC2Kk8WlRwAaQfyuIn1&index=5

 

Text und Bild: Ulf Münstermann und Netflix