Pragmatismus gefordert bei Impfreihenfolge

In allen Impfzentren sollte es unbedingt Listen dafür geben, "wer an die Reihe kommt, wenn Dosen übrig bleiben", sagte Stiko-Chef Thomas Mertens

Die Ständige Impfkommission (Stiko) plädiert dafür, die Reihenfolge bei den Corona-Impfungen nicht allzu starr einzuhalten. In allen Impfzentren sollte es unbedingt Listen dafür geben, "wer an die Reihe kommt, wenn Dosen übrig bleiben", sagte Stiko-Chef Thomas Mertens den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Mittwochsausgaben). Damit kein Impfstoff verworfen werde, könnten "geeignete Kandidaten aus nachfolgenden Prioritätsgruppen" vorgezogen werden.

Der Umgang mit übrig bleibenden Impfdosen müsse "pragmatisch vor Ort geregelt werden", forderte der Virologe. Die Übergänge zwischen den Gruppen in der Impfreihenfolge dürften nicht als "harte Grenze" aufgefasst werden. 

Nach Angaben des Stiko-Chefs bleiben jeden Tag viele Dosen des Vakzins von Astrazeneca liegen, das in der Bevölkerung niedrigere Akzeptanz genießt als die ebenfalls zugelassenen Wirkstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna. Merten nannte die Gründe für die Ablehnung des Astrazeneca-Impfstoffs "weitgehend irrational".

Das Vakzin des britisch-schwedischen Unternehmens Astrazeneca stößt auf Vorbehalte, weil seine Wirksamkeit beim Schutz vor einer Corona-Infektion mit rund 70 Prozent angegeben wird. Die Wirksamkeit der Produkte der Mainzer Firma Biontech und ihres US-Partners Pfizer sowie des US-Unternehmens Moderna wird hingegen mit deutlich über 90 Prozent beziffert. Astrazeneca führt allerdings ins Feld, sein Präparat schütze zu "mehr oder weniger 100 Prozent vor den schweren Verläufen der Erkrankung".

Die Berliner Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) kündigte an, dass mit einem Teil der übrig gebliebenen Astrazeneca-Dosen die rund 3000 Wohnungslosen in den Notunterkünften der Hauptstadt geimpft werden sollten. "Es ist in der aktuellen Situation nicht hinnehmbar, dass Impfdosen ungenutzt herum liegen", sagte sie den Funke-Zeitungen. Die Senatorin will mit den Impfungen der Wohnungslosen schon nächste Woche starten. Sie hofft, dass andere Bundesländer dem Berliner Beispiel folgen. 

Wohnungslose gehören aufgrund ihrer oftmaligen Unterbringung in Massenunterkünften bislang zur Prioritätsstufe zwei in der Impfreihenfolge. Zur Gruppe eins, also jener mit der höchsten Priorität, zählen unter anderem Menschen im Alter über 80 Jahren, Bewohner und Personal von Pflegeheimen sowie Mitarbeiter in Intensivstationen und Rettungsdiensten.

dja


© Agence France-Presse



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