Rede von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier

zum Auftakt eines Perspektivdialogs „Industrie und Klimaschutz am Beispiel der Automobilindustrie“ am 11. Februar 2021 als Videokonferenz:

Klima und Mobilität. Zwei Themen, in deren Beziehung zueinander eine Herausforderung ganz gewaltiger Dimension steckt. Auch wenn der Kampf gegen die weltweite Pandemie derzeit fast alle unsere Kräfte bindet, bleibt der gemeinsame Blick in eine Zukunft, in der Corona nicht mehr das alles bestimmende Thema sein wird, bleibt dieser Blick wichtig. Die Pandemie ist nicht die Pausentaste für den Klimawandel; der verlangt notwendige Weichenstellungen, und das mit höchster Dringlichkeit.

Für diese Aufgabe, für eine klimapolitische Transformation unserer Wirtschaft und Gesellschaft brauchen wir Mut, Ideen und gemeinsamen Gestaltungswillen. Lust auf Zukunft wird sich nur einstellen, wenn wir die Herausforderungen und die Möglichkeiten sehen und ehrlich bewerten. Nach zwei intensiven Vorgesprächen, die wir mit Wissenschaftlern zur Umwelt, Mobilität, zur Verkehrswende und zuletzt mit Entwicklern und Forschern aus der Technologiebranche geführt haben, begeben wir uns heute mit diesem Perspektivdialog ans Eingemachte dieser Zukunftsaufgabe einer nachhaltigen Transformation.

Der Klimawandel findet statt. Er beschleunigt sich. Wir sind Zeugen der immer stärker spürbaren Folgen. Wir wissen, dass wir umsteuern müssen. Die Länder der Europäischen Union haben sich zum Ziel gesetzt, ab 2050 klimaneutral zu sein, und 195 Staats- und Regierungschefs der Welt verpflichteten sich im Pariser Klimaabkommen, die Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Doch wie diese Ziele erreicht werden können, wie wir diese Transformation hier in Deutschland gemeinsam organisieren und gleichzeitig auch die sozialen und wirtschaftlichen Folgen auffangen wollen, darauf haben wir noch nicht die verlässliche Antwort.

Mit dem Ziel der Klimaneutralität geht ein Strukturwandel einher, der die Mobilität und die Arbeitswelt grundlegend verändert. Diesen zu gestalten, das ist die große Aufgabe, und sie ist unbestreitbar schwer.

Eine nachhaltige Mobilität jedenfalls muss einen bedeutsamen Beitrag zum Erreichen der Klima- und Umweltziele leisten. Sie kann zugleich neue Technologien, neue Ingenieurleistungen, Produkte und Dienstleistungen, eine neue ökologisch tragfähige industrielle Wertschöpfung bringen. Das ist die Chance, die wir sehen und ergreifen müssen.

Meine heutigen Gäste tun das. Sie gehen täglich mit den Herausforderungen und Chancen des Klimawandels um, und sie wissen auch um die Folgen, die der Strukturwandel mit sich bringt. Wie aber der Weg in eine nachhaltige Zukunft aussehen sollte, welche Schritte jetzt notwendig sind, um die gesteckten Ziele der industriellen Transformation auch tatsächlich zu erreichen, darüber will ich heute mit meinen Gästen sprechen.

Ein herzliches Willkommen Herrn Professor Siegfried Russwurm, dem Präsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, und dem Ersten Vorsitzenden der Industriegewerkschaft Metall, Jörg Hofmann. Ich begrüße herzlich Herrn Professor Ottmar Edenhofer, Direktor und Chefökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, und ebenso, jetzt am Bildschirm, Hildegard Müller, Präsidentin des Verbandes der Automobilwirtschaft in Deutschland. Ich begrüße Herrn Professor Henning Kagermann, den Vorsitzenden des Lenkungskreises der Nationalen Plattform Zukunft der Mobilität, und schließlich Klaus Rosenfeld, den Vorstandsvorsitzenden der Schaeffler AG, Frank Sell, den Vorsitzenden des Gesamtbetriebsrats von Mobility Solutions der Robert Bosch GmbH, und Daniela Cavallo, stellvertretende Gesamt- und Konzernbetriebsratsvorsitzende der Volkswagen AG.

Herzlich willkommen Ihnen allen.

Bevor klimafreundlichere Fahrzeuge unser Straßenbild prägen, werden sich die Produktionshallen der Autoindustrie und der Zulieferbetriebe verändern. Wir alle wissen: Es werden neue Arbeitsplätze und auch neue Berufsbilder entstehen. Aber der Wandel wird auch dazu führen, dass manche Tätigkeiten künftig weniger oder gar nicht mehr nachgefragt werden, Arbeitsplätze verloren gehen. Es sind große wirtschaftspolitische und vor allen Dingen große soziale Herausforderungen, vor denen wir stehen – Arbeitnehmer wie Arbeitgeber, aber eben auch die Politik. Was Fortschritt für die einen bedeutet, darf eben nicht Stillstand für die anderen sein.

Nun war das Auto schon immer mehr als ein Mittel der Fortbewegung. Es war und ist ein Symbol für Wohlstand und Unabhängigkeit, aber auch für Ingenieurskunst und technologischen Fortschritt. Doch mit einem wacheren Bewusstsein für unser Klima und immer voller werdenden Innenstädten hat sich auch der Mobilitätsgedanke verändert. Für viele, vor allem für junge Menschen in Ballungsräumen, ist das Auto nicht mehr zwingend ein Statussymbol. Manche von ihnen wollen es auch nicht mehr besitzen. Sie wollen nur irgendwie bequem von A nach B kommen. Und die ältere Generation denkt womöglich daran, dass autonomes Fahren individuelle Mobilität bis ins hohe Alter bietet.

Schon diese längst nicht vollständige Liste unterschiedlicher Vorstellungen zeigt: Das Auto der Zukunft muss neu gedacht werden. Es muss nicht nur klimaneutral sein, sondern auch an veränderte Bedürfnisse angepasst werden. Das gilt vielleicht weniger für das Auto als Hardware, für Karosse und Antriebsstrang, sondern mehr für das Auto als Datenschnittstelle, für Software-Anwendungen – sozusagen das Smartphone auf Rädern – und die darauf aufbauenden neuen Geschäftsmodelle. Es heißt, hier seien Tech-Giganten aus den USA und China im Vorteil. Müsste all das nicht der deutschen Automobilbranche einen Innovationsruck geben? Oder ist es eher so, dass stattdessen Innovationsdruck neuer Akteure Verunsicherung verbreitet?

Wer vorangehen will, der muss wissen, in welche Richtung er geht. Diese Debatte ist, wie wir alle wissen, in vollem Gange, und die Fragen, die ich heute mit den Gästen diskutieren will, können lauten: Ist der Elektroantrieb mit Batterie im Fahrzeug tatsächlich der einzige Antrieb, der in die Zukunft führt, oder müssen wir gleichzeitig verschiedene oder ganz andere Ansätze verfolgen? Welche Zukunft hat zum Beispiel der Einsatz von Wasserstoff und Brennstoffzelle oder Biofuel? Wenn alle Wege Erfolg versprechen, welcher Antrieb für welchen Fahrzeugtyp, welche Gewichtsklassen, welche Reichweiten? Wie fördern wir die alternativen Antriebsformen, und vor allem: Wer fördert mit welchen Mitteln die dafür notwendige Infrastruktur? Wie kann es gelingen, dass Deutschland beim Auto als Datenschnittstelle sowie beim autonomen Fahren den Anschluss an die Marktführer in den USA und China nicht verliert? Und welche Anstrengungen braucht es neben der technologischen Transformation bei Ausbildung und Qualifizierung, bei der Transformation von Arbeitsplätzen?

Forschung und Entwicklung werden für den Industriestandort Deutschland auch in den kommenden Jahren hohe Priorität haben müssen. Denn sie sind Antrieb von Fortschritt und Wandel. Und wer die Zukunft nicht verpassen will, wird diesen Motor auf Touren halten müssen.

Jetzt freue ich mich darauf, von meinen Gästen zu hören, was die Zukunft von uns heute einfordert; wie gestalten wir die Beziehung von Klima und Mobilität so, dass wir den erforderlichen Beitrag des Verkehrssektors erreichen und gleichzeitig die industrielle Basis unserer Wirtschaft nicht verlieren.

Bundesregierung / Bulletin 23-1

Bild: Frank Walter Steinmeier



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