Von Lumière bis La boum

Wir alle, so denke ich zumindest, schauen gerne Filme und wenn sie gut gemacht sind, haben wir das Gefühl, dass die erzählte Geschichte wie ein Traum erlebt wird. Aber was unterscheidet einen guten von einem schlechten Film, von Drehbuch und schauspielerischem Potential mal abgesehen?

Die Frage ist also: Kann ein gutes Buch schlecht oder ein schlechtes Buch gut erzählt werden, und wie viel Einfluss hat die Art wie erzählt wird,  Einfluss auf das schlussendliche Resultat?

Nun, den meisten ist bekannt, dass eine basale Zutat für das „Machen“ eines Films eine Kamera ist. Und diese Kamera hat im Film die Aufgabe, zur eierlegenden Wollmilchsau zu mutieren, denn sie muss all das kompensieren, was unser eigentliches Auge in Zusammenarbeit mit dem Hirn leistet.


Während unsere Augen schon grundsätzlich in zweifacher Ausführung vorhanden sind, haben sie zugleich den Vorteil, dass sie mit Tiefenschärfe Räumlichkeit (im Kopf) gestalten. Zudem sind unsere Augen, zumindest Apfel und Iris rund, weshalb wir keine quadratischen Bilder sehen, sondern zwei sich teilweise überlappende runde, mit ausdünnenden Rändern.


All das und noch vieles mehr, macht unsere Augen so unfassbar einzigartig. Aber wie schafft es nun eine Kamera, die in so vielen mehr oder weniger großen Details verschieden ist, etwas zu erschaffen, das wir beinahe wie die Realität „konsumieren“?


Das Wesentliche, was die Kamera vollbringt, ist, dass sie sich der Pragmatik des Geistes bedient. An routinierte Handlungen und Vorgänge erinnert man sich meist nicht, weil sie immer wieder gleich ablaufen. Man kennt also, was passiert, um es immer und immer wieder neu erleben zu müssen. Dies macht sich die Kamera zu Nutze. Sie lässt weg, was man erahnen kann und zeigt nur, was relevant für das glaubhafte Erzählen der Geschichte im Sinne des Machers von Nöten zu sein scheint.


So wie das Auge zwar den ganzen Raum wahrnimmt, aber nur sehr selektive Informationen des Gesehenen an den Geist weiter vermittelt, so arbeitet die Kamera mit einem ähnlichen Pragmatismus. Sie zeigt in Close-ups, Amerikanischen-, Totalen- sowie Panoramaeinstellungen  das, was wichtig ist. Bei der Panoramaeinstellung quasi das Ambiente der Umstände, also sind die Umstände bedrückend oder beflügelnd und beim close-up „echte Emotionen“.


Aber auch die Komposition dieser Einstellungen muss funktionieren, da man ansonsten bei jedem Schnitt, aus der Welt geworfen wird. Deshalb bedient sich die Kamera u.a. der Achsen, die ein Bild gestalten, also horizontal und vertikal. Diese Achsen müssen immer beibehalten werden. Ein Übergang in den Achsen kann dann zwar immer noch durch einen hart-cut gekennzeichnet sein, aber dennoch mit dem Gefühl von „ wääh? Da war ein Schnitt?“ interpretiert werden. Wieder nutzt die Kamera das faule Gehirn.


Wenn wir etwas Signifikantes, Interessantes oder Attraktives sehen, schalten wir ständig um zwischen Nah und Fern, close up und Halbtotale, ohne dass uns die Millisekunden des Scharfstellens der Iris auffiele. Wir sehen eben nur das, was wir sehen wollen, und wenn das so arrangiert ist, dass es keine Verwirrung im Kopf verursacht, glauben wir die Kohärenz der Bildfolgen.


Natürlich achten wir persönlich nur sekundär auf Achsen beim Gucken, aber wir nehmen ritualisierte Funktionen von Blickrichtungen wahr, an denen wir uns orientieren, wenn wir etwas sehen, das wir uns, im Gegensatz zum persönlich wahrgenommenen, noch glaubhaft verargumentieren müssen, wenn es unlogisch scheint.


Geschieht also auf der Leinwand nichts, was unsere geistige Logik irritiert, haben wir das Gefühl, in Echtzeit zu sehen.


Alle anderen filmischen Hilfsmittel wie Licht, Requisite, Ausstattung und und und…,  sind einzig und allein dafür verantwortlich, das Gehirn beim Finden von logischen Fehlern zu blenden.


Natürlich gibt es noch unzählige Facetten des Films, die an dieser Stelle leider aus Platzgründen unberücksichtigt bleiben, wie Sound, special-effects, Cadrierung (Rahmung, also wo endet kameratechnisch das Bild, oben unten rechts und links), aber ich hoffe, dass man auch aufgrund dieser wenigen Ausführungen eine Idee davon bekommt, warum  „Joker“ „geile Scheiße“ und „Lady in the lake“ nur Scheiße ist.


„Lady in the lake“ ist übrigens ein Film aus dem Jahr 1947, der aus der totalen Subjektive heraus gedreht wurde. Die Intention war, dass man die gesamte Geschichte so „erlebt“ wie der Hauptprotagonist, aus dessen Perspektive gefilmt wird, der aber selbst quasi nie zu sehen ist.


Das funktioniert natürlich gar nicht, denn wie erfahre ich von Gefühlen und Reaktionen des Protagonisten? Einige mögen sagen, mit einer voice-over, also einer Erzählstimme über den Bildern, aber was ist mit den Eindrücken, die ihn tangieren, die aber nicht verbalisiert werden. Ein unachtsames Zucken als Reaktion auf Nervosität, die Schmetterlinge im Bauch, die nur schwerlich aus der physischen Introspektive des Charakters heraus darzustellen sind. Warum das Roman Polanski beispielsweise bei „Rosemary`s Baby“ besser macht, obwohl er Rosemary selbst zeigt, ist wieder eine andere Geschichte, aber wie man sieht, hängt von einem großartigen Kinogenuss weit mehr ab als eine gute Idee.


Kurz: Die technische Umsetzung trägt wesentlich zum Gelingen eines Filmes bei. Dies kann über klassische Erfolgsrezepte funktionieren, die sich im Laufe der Zeit etabliert haben oder aus genau dem Gegenteil, indem bewusst mit diesen gebrochen wird, aber Vorsicht: ein guter Werber sagte mal: „Um Aufmerksamkeit zu fokussieren, darf man immer nur eine Sache verändern, sonst ist alle Mühe dahin“.

 

Über gute Filme informiere ich natürlich immer gerne. Schauen Sie einfach hier unter „Kino“, oder schreiben Sie mich an. Und wenn Sie ganz anderer Meinung sind? Großartig: Lets rock!

 

Text: adolf.muenstermann@gmail.com



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