Wer guckt eigentlich Pornos?

Und wie die Finger hoch gehen. Denn Porno ist Schmuddel. Und mit Schmuddel, will keiner etwas zu tun haben. Aber warum boomt die Branche dann so, wenn keiner sie konsumiert?

Erinnern Sie sich noch an die Mc Donalds Werbung mit Thomas Gottschalk? Am Ende sagt er: „Alle gehen hin, aber keiner will es gewesen sein“. Exakt das trifft wohl auch auf die Pornographie zu. Erst neulich, zu Beginn der Pandemie warb PornHub damit, dass alle Premiumcontent auch frei geschaltet sind, solange der Lockdown herrscht. „Stay save at home“ – Porno als Steigbügel der Politik, wer hätte das gedacht?!

Dabei ist der künstliche Lockdown in den wir uns sukzessive digital immer weiter manövrieren genau der Grund für den Boom der Intimindustrie. Wir treffen uns nicht mehr und wenn, gibt es meist Stress, weil alle so wahnsinnig informiert sind, dass keiner klein beigeben mag, da geht man dann doch lieber vergnügt nach Hause und freut sich über eines der Spielzeuge, die mittlerweile auf 18/1 Plakaten an Bushaltestellen vor Schulen hängen oder einfach über zwei gesunde Hände und: Pornos.

Immer wenn einen der Wunsch nach Zweisamkeit umschleicht, wird nicht mehr der Rasierer sondern die Mühle angeschmissen. Obwohl mit jedem künstlichen Orgasmus die Sehnsucht nur größer wird.

Das replacement-Versprechen des Konsums hat die Emotion ergriffen und gaukelt ihr vor, dass man Partner wie Computer und Autos austauschen kann. Alles genau so, wie man es braucht. Blond, brünett, rothaarig oder schwarz wie Ebenholz. Und natürlich nicht doof, handwerklich geschickt, erfolgreich und damn great looking, obviously in the right age.

Und wenn ich morgen schlecht drauf bin? Dann such ich mir wen anderes. Das Smartphone wird zum Türsteher im Schlafzimmer. Wer nicht ideal ist, fliegt raus. Warten ja genug andere. Sagt man.

Denn die Zeiten, in denen man Kompromisse einging, sind vorbei und das kleine Zeitfenster der totalen sexuellen Freiheit, man könnte sagen, die Vulva der Liebe im Getriebe des Kapitalismus, hat ihr Diaphragma angelegt. Die „richtigen“ Partner müssen vor dem ersten Lächeln unzählige Fragen beantworten oder geschönte Geschichte im Social-Media verbreitet haben, bevor sie überhaupt in die Auswahl potentieller Aspiranten gelangen.

Und bis dahin „tinder“ oder eben: Pornos. Die konservative Alternative zur Glückseligkeit der Zweisamkeit. Fünf Minuten vorm Rechner kompensieren Stunden der Gemeinsamkeit.  

Ich sage Ihnen, den Aufschwung der Gesellschaft werden wir am Rückgang des Pornokonsums ablesen können. Je niedriger die Klickrate desto höher das Knatter-Ranking.

Und siehe da: Das Knutschen erwacht aus dem Dornröschenschlaf, kleine Geschenke und geheime Liebesbotschaften erleben die überfällige Renaissance und Straßen werden wieder von kuschelnden Paaren flankiert und nicht von ungenutzten Elektroscootern.

Denn es geht am Ende nicht hauptsächlich um das Eine. Sondern eigentlich nur um all jenes darum. All das Umarmen, Anlächeln, Trösten und gemeinsam Feiern. Und wenn dann doch mal Fußball oder Kopfschmerzen dazwischen kommen, gibt es ja immer noch Pornos.


Text: adolf.muenstermann@gmail.com

Bild: Pixapay





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