Das war scheiße

Kopfsprung vom 10-Meter-Brett, ein Leben als Künstler oder Eremit, ein Neuanfang mit 50 oder die bewusste und stolze Entscheidung für Kinder mit Missbildungen, all das können Facetten von Mut sein. Aber wer ist der Nutznießer der Tatkraft unerschrockener?

Als man den Star-Architekten Wright, der unter anderem das Guggenheim-Museum in New York entwarf fragte, ob er es geschafft habe, der beste Architekt seiner Zeit zu werden, antwortete dieser: „Das hab ich nie gesagt, aber … . Ich hatte die Wahl zwischen verlogener Demut und unbegründetem Hochmut.  Ich habe mich für letzteres entschieden.“  

Als Frank Lloyd Wright im Alter von 91 Jahren starb, blieb er den Menschen über seine Bauwerke in Erinnerung, in seinem ersten wohnt mittlerweile T.C. Boyle, den man unter anderem von Büchern wie „ grün ist die Hoffnung“ und wenn der Fluss voll Whiskey wäre“ kennt.

Der Phoenix hat aber wohl mit seinem unkonventionellen Leben mehr Konventionen eingerissen, als mit ersten ökologischen Häusern, die über Wasserfällen thronten oder Erdbeben in Tokio standhielten (Imperial Hotel). Der Mann mit dem Stock, der sich von seinen Studenten chauffieren und seinen Kindern bemuttern ließ, hat immer gemacht, was er für richtig hielt. Verließ seine Frau Miriam mit sechs Kindern für die Gattin eines Kunden. Baute ihre gemeinsame Residenz wieder auf, als ein geistesgestörter Mitarbeiter sieben Menschen mit einer Axt dahinraffte und das Zuhause anzündete. Er zog mit einer neuen Liebe ein und als diese ihn sechs Monate nach der Hochzeit verließ, ein Kurzschluss wieder alles niederbrannte und einen Neustart erforderte, verliebte er sich in eine 30 Jahre jüngere Frau, deren Ideen ihm über seelische Qualen, charakterliche Defizite und die Wirtschaftskrise rund um das Jahr 1929 hinweghalfen.  

Als bei einem dieser verehrenden Feuer nur sein Arbeitszimmer verschont blieb kommentierte er dies mit „der liebe Gott scheint ein Problem mit meinem Privatleben zu haben, aber nicht mit meiner Arbeit“. Ich glaube, dass tief in seinem Innern, Frank Lloyd Wright eine notwendige gesellschaftliche Friktion darstellte. Das Synonym für Leidenschaft lässt sich nicht von Propaganda aus der Bahn werfen. Große Ideen entstehen mit Selbstvertrauen  aber versinken schnell im Treibsand der Zweifel.  

Wenn die Provokationen des Phoenix aus der Asche, wie ihn Arte tituliert, nicht ihm persönlich geholfen haben, so haben sie doch ein Zeichen für das Vertrauen in Mut gesetzt. Mut an sich und seine Ideale zu glauben. Mut zu leben und Mut, Fehler zu machen.  

Scheitern ist ein wichtiger Bestandteil von Mut. Denn woran sonst kann sich die Qualität von Mut messen lassen, als an den Konsequenzen des Gegenteils. Wer den Mut hat, seinen eigenen Entscheidungen zu vertrauen, wird nicht immer der Sieger sein, aber immer etwas aus den Gegebenheiten des Lebens lernen und das Sein durch reflektierte und habituierte Entscheidungen in seiner ganzen Vielfältigkeit bereichern.

Gewiss sind wir nicht alle mutig und brauchen es auch nicht zu sein. Aber ein konstruktiver Anfang für alle, die glauben, dass alles gut werden kann, ist, mutigen Menschen nicht von vorneherein mit feigem Pessimismus Böswilligkeit zu unterstellen.  

Jeder hat am Ende das Recht zu sagen: „Das war scheiße“. Aber eben erst am Ende.  

Text: adolf.muenstermann@gmail.com

Bild: Pixabay (Fallingwater-house, Pennsylvania, by Frank Lloyd Wright)


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