Christkind im Lockdown

Und, was ist bei Ihnen zu Hause derzeit präsenter, Gesichtsmasken oder Weihnachtssterne? Über die Chance in der Isolation, endlich wieder besinnlich sein zu können

Weihnachten ist in den letzten Jahren zu einem echten Konsumevent verkommen. Jeder beschenkte jeden, mehr aus Taktik als aus Taktgefühl und freute sich nach außen mit einem breiten Grinsen über Socken, Krawatte oder Alexa und nach innen über den geplanten Racheakt.

2020 wird all dies plötzlich in Frage gestellt: Wer feiert mit wem und wer darf oder kann überhaupt zu wem kommen? In dieser hitzigen Diskussion wurde alles Weihnachtstangierende aus ökonomischer Perspektive aufs Tableau gebracht; außer der Chance, die im X-Mas-Lockdown liegen.

In diesem Jahr feiern vielleicht endlich mal wieder die miteinander, die sich wirklich schätzen und weil es weniger Schenker gibt, kann man sich jedem Präsent auch intensiver widmen, was die Möglichkeit zu mehr Sorgfalt in der Wahl  des Geschenkes offeriert.

Das einzige, auf das wir in diesem Jahr wirklich verzichten müssen, ist Überfluss. Überflüssiges Verreisen, Geschenkemarathons in der Stadt oder Weihnachtsmärkte, auf denen es doch eh nur billigen Punch und nervige Lala vom Anfang der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts gibt.

Vielleicht werden sich auch weniger überteuerte Weihnachtsbäume in deutschen Wohnzimmern finden, aber große Kinderaugen, wird es auch in diesem Jahr geben. Und deshalb ist es doch gut, dass man sich 2020 die Zeit nehmen muss, Zuhause zu bleiben. Man kann endlich wieder Plätzchen backen statt kaufen, vielleicht wie früher gemeinsam Weihnachtsfilme schauen.

Stellen Sie sich vor, dass wir in vier Wochen nicht Verwandten, sondern der Umwelt das schönste Weihnachtsgeschenk machen, indem wir weniger verbrauchen, weniger Müll produzieren und weniger Abgase in die Luft ballern. In diesem Jahr braucht Papa nicht mehr kurz vor der Bescherung ins Büro, auch wenn er Geschenke vergessen hat, denn öffentliche Komplexe bleiben zu. Und alle Jugendlichen freuen sich, dass sie in diesem Jahr nicht in die Kirche müssen, was eh nur eine Reminiszenz an das schlechte Gewissen widerspiegelt.

Und weil wir alle schon so Quarantäne geschädigt und geübt sind, bleiben vielleicht auch die Streitigkeiten während des Feiertagsmarathons aus, weil an sich schon alles entgegen gebluffed hat, was einem auf der Seele lag.

Ich könnte mir vorstellen, dass die Potentiale für ein friedliches Weihnachtsfest nie größer waren, denn Weihnachten wird notgedrungen wieder zu einem Fest der Besinnlichkeit. Denn Freunde treffen geht nur begrenzt und die Familie kann nicht weg. Eine gute Gelegenheit sich im Streit vermeiden zu üben, indem gemeinsam leidenschaftlich über die Schutzmaßnahmen der Bundesregierung diskutiert oder auch fröhlich hergezogen werden kann oder einfach auf dem Sofa zu lümmeln, ganz entspannt. Man ist ja unter sich. Und wenn der Nachwuchs die Bilder von Papas neuen Socken auf Instagram posted? Who cares? Wenn man wieder sozial miteinander interagieren darf, sind Ringelsöckchen von vorgestern so interessant wie der 30-jährige Krieg für Neugeborene.

Und wenn man, wie ich, alleine feiern muss, hat man endlich eine empirisch fundierte Begründung für die Einsamkeit und kann auf das obligatorisch betrunken frustrierte Digital-Bashing verzichten.

Fröhliche Weihnachten

 

P.S. Eine Schwierigkeit gibt es in diesem Jahr dennoch: Wie soll der Weihnachtsmann bzw. Nikolaus oder das Christkind Geschenke bringen, wenn es doch eigentlich zu Hause bleiben muss? Eine gute Nachricht für alle Pleitegeier!

 

Bild: Pixabay

 

Text:adolf.muenstermann@gmail.com



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