Gerda – Eine Uhr hat Zeit

24 Stunden. 60 Minuten. 60 Sekunden und unendlich viele noch kleinere Einheiten filetieren unser Sein in kleinste Häppchen. Aber was ist, wenn plötzlich der Zeitmesser den Dienst quittiert?



Tick. Tick. Tick. Dann verstummte sie. Offensichtlich hat sie unerwartet den Halt verloren und fand sich wohl wenig später im Straßengraben wieder, wo das Ausbleiben ihrer routinierten Tätigkeit keiner bemerkt hat. Wahrscheinlich hat selbst ihr Besitzer erst beim Blick auf das leere Handgelenk, im Bus oder vor einem wichtigen Termin, bemerkt, dass er den Schrittmacher seines Lebens verloren hat.

 

Stehen geblieben war das in blau gehaltene Relikt an Billig- Uhren vom Bazar in Izmir um 10 Uhr 46 und 44 Sekunden. An einem 13. Ob es ein Freitag war, lässt sich nicht mehr feststellen. Aber ihrem vormaligen Besitzer war mit diesem massiven Breitling-Imitat wohl sehr viel Selbstwertgefühl verbunden. Hoffentlich hatte er noch andere Pseudostatussymbole in einer der vielen Schubladen mit Reminiszenzen von Kegelkugeln nach Mallorca, Istanbul oder  Casablanca, sodass das Defizit, welches sich derzeit müde neben mir liegend befindet, schnell kompensiert werden kann.

 

Es ist natürlich auch möglich, dass das“ Er“, als Besitzer, völlig falsch von mir gemutmaßt wurde und der Wecker ohne Klingel und großem Wert, einstmals am Handgelenk einer Dame beheimatet war, oder am Träger ihrer Handtasche. Es ist nicht einmal sicher, dass die Uhr deshalb von mir gefunden werden konnte, weil sich der vormalige Besitzer nicht die Mühe machte, sie wieder zu finden, denn erstens, hätte er ja suchen können, ohne fündig zu werden und 2. wer weiß schon, ob die Tick, Tack vom Bazar nicht jemandem gehörte, der mittlerweile am anderen Ende der Welt seinen Aufenthaltsort hat?


Vielleicht vermisst er das Stück Zeit wahnsinnig, aber er hat kein Geld, um zurück nach Münster zu fliegen, um es zu suchen. Wie tragisch, wenn es dann gar ein Geschenk war. „Guck mal Papa, die hab ich dir aus dem Urlaub mitgebracht. Du meintest doch vor kurzem, dass Du Dir eine neue Uhr wünscht.

 

Natürlich, wahrscheinlich ist das wohl nicht. Aber was ist schon wahrscheinlich. Na gut, dass sie in diesem Artikel Fehler finden werden, obwohl ihn ein Germanistikstudent verfasst hat, ist mehr als wahrscheinlich, aber auch in diesem Fall ist nicht auszuschließen, dass es möglicherweise nicht dazu kam. Wie beim Lotto, einerseits kann man nur gewinnen, wenn man spielt, andererseits ist die Wahrscheinlichkeit von 1: 140 000 000 so gering, dass man mathematisch von asymptotisch dem Nullpunkt nähernder Unwahrscheinlichkeit sprechen könnte.

 

Ich hoffe jedenfalls, dass sie keinem fehlt, die an einem 13. um 11 Uhr 46 und 44 Sekunden stehengebliebene Uhr, die ich ab heute Gerda nennen werde. Gerda schenkt mir von nun an Zeit, denn auf Gerda, vergeht sie nicht und auf Gerda ist immer Verlass. Denn Gerda zeigt immer, was ich von ihr erwarte, nämlich 11.46h und 44 Sekunden. Sie zeigt mir sogar noch drei weitere kleinere Zeiteinheiten an, die ich zwar nicht entziffern kann, aber wenn es sich um das Drittel, des Drittels des Drittels einer Sekunde handelt, wäre diese Uhr für einen Superbroker möglicherweise ein nutzbringendes Gerät, aber für den Rest?

 

Aber wenn Gerda runter fällt, könnte die Mechanik eines Zeigers auch die Bewegung eines von ihnen motivieren und mein liebgewonnener, zeitloser Freund präsentiert im Anschluss 11.46 und 45 Sekunden. Nicht dass mich das in eine Sinnkrise führen würde, aber es beweist, dass selbst die eingefrorene Zeit auf einer stillstehenden Uhr nicht 100 Prozent wahrscheinlich ist.

 

Aber jetzt, in meinen Händen oder zu meiner Linken, ist Gerda angekommen wo man sie nicht an ihrer Kompetenz des Zeitmessens sondern als  Sein mit Qualitäten schätzt, die man ihr „never ever“ zugesprochen hätte. Das war bestimmt nicht der für sie vorgesehene Plan. In ihrer Zukunft stand wohl eher der dramatische Tod an einer Betonwand, weil ein Zeitpunkt überschritten war.

Ab heute hat Gerda Zeit. Denn mir ist es recht, dass sie den Moment einfriert und mich stets daran erinnert, dass Zeit nur eine Einheit, aber nie eine Qualität besitzt, diese kann nur der Moment haben, den ich mit einer Uhr zu titulieren versuche. Also den 10. Juni 2005 um 22.10 Uhr beispielsweise, das war für viele Menschen ein ganz besonderer Moment. Aber nicht, weil er so heißt, sondern weil er so selten schön war, dass ich ihn nie vergessen werde.

 

Kurz und gut: Gerda und ich wünschen Ihnen eine schöne Zeit, wie auch immer sie sie titulieren.

 

Text: adolf.muenstermann@gmail.com

Bild: pixabay

     


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