Heiko Maas

Rede des Bundesministers des Auswärtigen, Heiko Maas, zur Konferenz "Kulturerbe und Multilateralismus" am 16. November 2020


Die ganze Welt steht seit Monaten unter dem Eindruck der Pandemie. Und neben die Sorge um unsere Gesundheit traten schnell auch Sorgen um die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen dieser Ausnahmekrise.

Es ist kein Luxus oder Nischenthema, wenn wir dabei auch besonders auf die schwierige Situation für Kulturschaffende schauen. Kultur gibt Halt, gerade in Krisen. Kultur fördert Zusammengehörigkeit. Kultur verbindet unsere Gesellschaft. Kulturorte sind Orte der Freude, der Hoffnung oder auch der Trauer. Aber immer sind es Orte, an denen sich eine offene Gesellschaft trifft und bildet.

Das gilt auf ganz besondere Weise für das Kulturerbe. In seinem Unterschied zum Heute liefert es uns eine Folie: Im Gestern lässt sich das Heute besser verstehen und das Morgen leichter gestalten.

Wir sprechen dabei oft etwas verkürzt von kultureller Identität. Doch es geht um mehr: Es geht um ein Erbe, in dem die Hoffnung aller Menschen auf Humanität zum Ausdruck kommt. Dies ist das eigentliche Fundament unserer Tempel und Kathedralen, unserer Bibliotheken, Museen und Kunstschätze.

Doch dieses Erbe ist bedroht durch Kriege und Plünderung, durch Raub und illegalen Handel. Diese Verbrechen gegen das kulturelle Erbe sind Verbrechen an der Humanität. Denn was einmal zerstört ist, kommt nicht zurück. Dort, wo Kultur zerstört wird, stirbt Menschlichkeit – und damit auch ein Stück von uns allen. Das gilt für die Verbrechen des sogenannten Islamischen Staates in Syrien und anderswo, die Zerstörung von Palmyra und der Buddhas von Bamyian. Das gilt für die Verbrechen am Kulturerbe des Jemen ebenso wie für die versuchte Zerstörung der Manuskripte von Timbuktu.

Ich danke ausdrücklich all jenen, die sich diesem Wahnsinn entgegenstellen. Die unser kulturelles Erbe schützen, oft genug unter großen Gefahren für Leib und Leben. Doch mit dem Mut Einzelner ist es nicht getan. Wir brauchen den Einsatz der ganzen Staatengemeinschaft. Ohne gemeinschaftliches und solidarisches Handeln ist kulturelles Erbe nicht zu bewahren.

Umso wichtiger ist es, dass heute gleich drei internationale Organisationen − EU, Europarat und Unesco − zusammengefunden und gemeinsam mit Deutschland zu dieser Konferenz eingeladen haben. Und ich freue mich sehr, mit Amina Mohammed und Audrey Azoulay zwei Frauen begrüßen zu dürfen, die dem Kampf gegen die Zerstörung von Kulturgut allerhöchste Priorität einräumen. Gemeinsam mit den Vereinten Nationen und dem Irak haben wir 2015 die Initiative ergriffen für eine UN-Resolution gegen die Zerstörung von Kulturgütern und gegen Terrorismusfinanzierung durch illegalen Handel. Und Deutschland ist bereit, hier auch weiterhin besondere Verantwortung zu übernehmen.

Nach der verheerenden Explosion in Beirut haben wir schnell Gelder auch für den Kulturerhalt zur Verfügung gestellt. Und auf diesem Weg wollen wir weitergehen. Deswegen werden wir gemeinsam mit dem Deutschen Archäologischen Institut und dem Technischen Hilfswerk einen "KulturGutRettungs-Mechanismus" entwickeln, den wir Ihnen im Rahmen dieser Konferenz noch genauer vorstellen möchten. Es geht darum, mithilfe der Technologie und des Know-hows des Katastrophenschutzes ein schnelles Eingreifen auch zur Rettung des Kulturerbes zu ermöglichen.

Auch in der Europäischen Union steht das Thema Kulturgüterschutz ebenfalls weit oben auf der Tagesordnung. Während unserer laufenden EU-Ratspräsidentschaft und mit unserem Vorsitz im Ministerkomitee des Europarats ab Mittwoch bleibt das Thema gesetzt – nicht zuletzt durch diese Konferenz.

Ich freue mich, dass wir bei dieser Gelegenheit auch eine weitere, menschengemachte Bedrohung für unser Kulturerbe in den Blick nehmen. Ich spreche vom Klimawandel. Denn der Klimawandel und seine Folgen sind keine Naturkatastrophen. Es ist eine menschengemachte Katastrophe. Und diese Katastrophe bedroht nicht nur unsere Zukunft, sondern auch unsere Vergangenheit. Und zwar überall dort, wo Monsune oder Jahrhundertfluten, Stürme und Brände unsere Kulturgüter zu zerstören drohen.

Es ist an der Zeit, auch diesen Aspekt in den Fokus zu nehmen und deswegen begrüße ich all die hier anwesenden Experten, die nicht nur das geballte Wissen zum Schutz des Kulturerbes vereinen, sondern auch das um die Folgen des Klimawandels.

Auf die Coronakrise haben wir mit nie da gewesenen Soforthilfeprogrammen reagiert – zum Schutz unserer Gesundheit, unserer Wirtschaft und des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Auch das kulturelle Erbe braucht diesen Schutz in der Krise. Es braucht uns − unseren vollen Einsatz, unsere Koordinationsfähigkeit und unsere ganze Überzeugungskraft.

In diesem Sinne: Herzlich willkommen und viel Erfolg bei dieser Konferenz!



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