Wie das Wetter das Radfahren beeinflusst

Eine Studie der WWU weist regionale Unterschiede beim Radverkehrsaufkommen nach. Wie sieht etwa der Radverkehr bei schlechtem Wetter in Münster im Vergleich zu Stuttgart aus?


Münster - Hand aufs Herz. Fahren Sie auch bei Regen Fahrrad oder sind Sie ein Schönwetter-Radler? Wirtschaftswissenschaftler der WWU haben herausgefunden, dass Münsteranerinnen und Münsteraner auch bei schlechtem Wetter viel öfter das Rad nutzen, als Menschen in anderen deutschen Städten.

Die vergleichende Studie von 30 Städten in Deutschland analysierte erstmals die Verhaltensweisen der Radfahrer auf ungünstige Wetterbedingungen, wie zum Beispiel Regen, starker Wind oder extreme Temperaturen.

Mit den Daten von 122 automatisierten Fahrrad-Zählstationen in den Städten und einem Schlechtwetter-Index, der sich aus Lufttemperatur, Niederschlag, Windgeschwindigkeit, relativer Luftfeuchtigkeit und Bewölkung zusammensetzt, berechneten die Wissenschaftler stadtspezifische Wetter-Elastizitäten – eine Art lokaler meteorologischer Bequemlichkeitsfaktor – des Radverkehrsaufkommens.

Der Fokus der Untersuchung liegt vor allem auf den Pendelverkehren zur Arbeit, Schule oder Universität. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Wetter-Elastizitäten zwischen den Städten erheblich variieren. Städte wie Münster, Oldenburg und Göttingen sind in Sachen Radverkehr gut aufgestellt und verfügen schon seit vielen Jahren über ein ausgebautes Verkehrswegenetz, Parkmöglichkeiten und getaktete Ampelschaltungen. Für diese drei Städte konnten wir zeigen, dass der Radverkehr bei schlechtem Wetter um weniger als fünf Prozent zurückgeht. In Städten mit einer weniger stark ausgeprägten Fahrradkultur und mit eher schlecht ausgebautem Radwegenetz, wie zum Beispiel Herzogenaurach, Stuttgart und Würzburg, geht der Radverkehr um bis zu 30 Prozent zurück“, sagt Dr. Jan Wessel vom Institut für Verkehrswissenschaft der WWU.

Insbesondere ein hoher Anteil junger Einwohner und eine hohe Dichte des Radverkehrsnetzes gehen in der jeweiligen Stadt mit einer hohen Wetter-Resilienz einher – die Widerstandsfähigkeit gegenüber ungünstigen Wetterbedingungen.

Die Ergebnisse legen darüber hinaus einen positiven Zusammenhang zwischen der Topographie und der Wetter-Resilienz nahe: Je flacher das Gelände, desto öfter wird das Rad als Alltagsverkehrsmittel genutzt. Im Zuge der vermehrten Nutzung von Pedelecs ist es denkbar, dass die Topgraphie in Zukunft an Bedeutung verliert.

Als weitere Einflussfaktoren untersuchten die Wissenschaftler die Anzahl der Unfälle, der PKW-Besitz, die Bevölkerungsdichte, die Qualität des Öffentlichen Personennahverkehrs sowie die Staubelastung in den Städten.

Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club e.V. (ADFC) setzt sich seit vielen Jahren für einen Ausbau der Radverkehrsinfrastruktur ein. „Damit das Radfahren bei jedem Wetter Freude macht und sicher ist, muss die Infrastruktur in den Städten weiter ausgebaut und zu zusammenhängenden Netzen verbunden werden – zum Beispiel durch geschützte Radspuren, Radschnellwege, Fahrradstraßen und genügend Radstellplätze. Die Studie der Universität Münster zeigt deutlich, dass auch die Qualität der Radverkehrsinfrastruktur das Radfahren positiv beeinflusst – selbst bei schlechtem Wetter“, sagt ADFC-Bundesgeschäftsführer Burkhard Stork.

Künftig erhoffen sich die Wissenschaftler, dass der Wetter-Elastizitäts-Index für weitere Städte berechnet wird, da immer mehr Städte automatisierte Fahrrad-Zählstationen zur Verkehrsanalyse einsetzen. „Eine größere Stichprobe erlaubt uns verlässlichere Aussagen über die Zusammenhänge des Wetters und des Radverkehrsaufkommens zu treffen. Darüber hinaus könnte eine Analyse der Wetterelastizitäten über Städte in verschiedenen Ländern hinweg zusätzliche Erkenntnisse über das Verhalten von Radfahrern und die Entstehung lokaler oder nationaler Fahrradkulturen liefern“, fügt Jan Wessel ausblickend hinzu.

Quelle: WWU, Original aus: Unizeitung wissen|leben Nr. 7, 11. November 2020




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