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Trinkbare Regenbögen und Berge aus Marzipan, auf denen man mit dem Mensch der Träume im Liebesspiel versinkt. Den positiven Phantasien eines Drogenrausches sind keine Grenzen gesetzt, aber reicht das, um sich täglich eine Spritze in den Arm zu rammen?


„Requiem for a dream“, „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, "Fear and loathing in Las Vegas“. An Versuchen, Drogenkonsum in seinen verschiedenen Facetten darzustellen, hat es weder der modernen noch sie bedingenden Generationen davor gemangelt. Und so vielfältig wie die Darstellung waren auch die Stoffe über den Stoff, aus dem die Alpträume sind und natürlich auch ihre Konsumenten.

Kaum ein Großer der Weltgeschichte konnte, zumindest punktuell, den Versuchungen von Opium, LSD, Gras, Alkohol oder anders gestalteten, Bewusstsein erweiternde Substanzen, widerstehen.

Einer der Grundsteine dafür ist, neben dem Interesse an einer Alternative zur Realität, dass Suchtmittel nicht nur existieren, sondern auch zur Verfügung stehen. Beispielsweise dergestalt, dass Bier vor vielen, vielen, viiiiielen  Jahren wirklich einmal „flüssiges Brot“ war. Um das Wasser in natürlichen Auffangbecken sauber zu halten, versetzte man es mit Gerste, die über den Alkohol produzierenden Gährungsprozess, das kühle Nass von Bakterien reinigte.*

Ich möchte damit nicht sagen, dass jedes Bier wie ein Herointrip ist, sondern nur darstellen, wie obligatorisch präsent, geistig Manipulierendes seit frühester Zeit in sozialen Gemeinschaften präsent war und bis heute ist.

Im Laufe der Zeit hat sich aber geändert, dass alles immer und überall zur Verfügung steht, jedoch dennoch nicht für jeden ein erreichbares Ziel darstellt.

Schaut man in die Gesichter von Abhängigen bekommt man eine Ahnung davon, wie die Individuellen gestrickt sind, die einen so am Leben verzweifeln lassen, dass man nur noch entfliehen möchte oder gar kann.

Beispielsweise jetzt, wo unser Problem beim Lockdown die eigenen vier Wände sind während der anderen Seite, genau das Fehlen jener zum Verhängnis wird.

Wenn der Obdachlose im eigenen Urin und Erbrochenen nach Zigarettenstummeln fischt und wir uns angewidert wegdrehen oder paralysiert gaffen,  kann der Erniedrigte die Realität auch nicht fassen. Doch es gibt Unzähliges, das ihn daran hindert, einfach wegzusehen. Wie ein Ertrinkender greift er zu einem Ausweg, den andere im Konsum finden. Ablenken, entfliehen, weit weg von all dem, das einen unentwegt die Gedanken martert. „ Warum hab ich mich betrunken, als ich entlassen wurde?“ Wie soll man den Gedanken ertragen, dass man  Frau und Kinder nie wieder sieht,  weil sie kein Heim mehr haben, weil es gepfändet wurde, weil man die Hypothek nicht mehr gezahlt hat. „Geh arbeiten du faules Schwein!“"Muss der sich von den Spenden denn immer Alkohol kaufen?“

Nein, er kann auch nüchtern im Dreck schlafen. Die quälenden Gedanken über sich ergehen lassen, um am kommenden Morgen dennoch keine Verbesserung der Lebensumstände zu erfahren. Ein Whopperkarton bleibt ein Whopperkarton, auch wenn er hin und wieder als Kopfkissen herhalten muss. Und ein Whopperkarton ist keine Adresse, mit der man ein Konto eröffnen kann, das man für Überweisungen von Gehältern braucht, die man nicht bekommt, weil ein Whopperkarton keine Dusche ist.

Warum Crystal-Meth so erfolgreich ist? Weil es so billig ist und weil es schnell geht. Amphetamin that „blows your mind!“, in jeder Hinsicht. Am Ende bleibt nichts davon übrig, was erahnen kann, wie tief man gesunken ist, nur weil man die Erniedrigungen des Lebens irgendwann nicht mehr ertragen konnte.

Oft, aber nicht nur, völlig unschuldig. Manchmal aus Neugierde oder Frust oder orgiastischem Glück. Ihnen allen ist aber gemein,dass die Verlockungen des Lebens nicht ausreichen, um das Leben genießen zu können.

Die einen betäuben mit Champagner, dass Geld nicht glücklich macht und unendlich viele andere spritzen Gift, weil Champagner eben teuer ist.

Dopamin und Oxytocin sind Hormone, Botenstoffe, die ausgeschüttet werden, wenn wir glücklich sind, und die meisten soeben angesprochenen Stoffe haben die magische Fähigkeit, Glück zu manipulieren: Korken runter, Spritze rein, Joint an oder Umsatzglocke im Rausch, und plötzlich überkommt uns ein Schauer von warmer Vanille-Creme, die unser ganzes Sein von innen streichelt. Auch wenn es eigentlich keinen Grund dafür gibt und egal wie die Umstände für das Fest der Sinne aussehen.

Bevor wir also nicht aufhören, uns als Gesellschaft etwas vorzumachen, haben wir nicht das Recht, ihre -und wenn man ehrlich ist „unsere“ Opfer - zu diskreditieren, zu verachten, negieren oder zu ächten.

Wir sind nicht besser als „die Großen“, die wir für unsere Misere verantwortlich machen. Denn auch wir sparen zuerst am Schwachen, als am warten-könnenden Stromkonzern. Kaufen Obst und Gemüse aus Brasilien, mit einem SUV aus Fernost, um dann vorm Fernsehen ohnmächtig nicht fassen zu können, was wir da angerichtet haben. Und jetzt: die Werbung.  

*(Natürlich gab es auch schon ewig Opiate etc., aber ich glaube, dass Bier für viele ein konstruktiveres Beispiel darstellt, da sie mit diesem Suchtstoff vertraut sind).

 

Bild: Pixabay

Text: adolf.muenstermann@gmail.com

     


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