Der Mensch lebt nicht vom Brot allein

Jeden Tag das gleiche Theater: aufstehen, duschen, Kaffee machen und danach virtuell in die Welt. Das ist im Sommer nicht so schwer, weil einen gegen sechs bereits die Sonne anlacht, aber im Herbst?


Der Novemberblues, also die Volksdroge Herbstdepression hält wieder Einzug in die Realität, nur dass es derzeit noch härter kommt. Neben den wenigen Sonnenstunden täglich, kommt derzeit „social distancing“ dazu.  All die kleinen Nettigkeiten beim Bäcker, auf der Straße oder manchmal sogar im Bus, werden minimiert, um nicht zu sagen, sie bleiben aus.  

Die Folgen, so schreibt es „Spectrum der Wissenschaft“, sind dramatisch. In einem Selbstversuch haben vor einigen Jahren Wissenschaftler Pinguine in der Antarktis untersucht und dabei an sich selbst festgestellt, dass die fehlende Interaktion mit anderen, den Hypothalamus schrumpfen lassen.

 

Das hat zur Folge, dass wir weniger empathisch sind, weil wir von den Einflüssen der Außenwelt überfordert sind. Reizüberflutung gesellt sich zur natürlich gebotenen Vorsicht, um die Pandemie nicht unkontrolliert sich selbst zu überlassen. Über vier bis sechs Wochen, ist das natürlich nur ein punktuelles Phänomen, aber derzeit scheint sich der Umstand der Einsamkeit wie ein Wurm in den Apfel unserer neurologischen Schaltzentrale zu fressen und dabei langfristige Schäden zu verursachen.

 

Erst gestern hat man mich privat darauf hingewiesen, dass ich auch da noch die Maske trug, als sie nicht mehr Bedingung war. Die Verhüllung des Gesichtes und damit beinahe der gesamten Mimik ist zum Normalzustand geworden und wir haben es beinahe gar nicht gemerkt. Natürlich ist es ein gutes Zeichen, dass wir alle verantwortungsvoll mit der Gesundheit unserer Mitmenschen umgehen, aber die Frage nach den langfristigen Folgen wird zu sehr ins Abseits gedrängt.

 

Bedenkt man zusätzlich, dass die meisten Wissenschaftler davon ausgehen, dass uns die Pandemie auch noch in den nächsten Jahren beschäftigen und in Gewahrsam zwingen wird, kommt auf uns alle ein weit größeres Problem als der Tod auf unsere Gesellschaft zu: Das einsame Dahinsiechen.

 

Viele Rentner haben bereits während der ersten Welle gemutmaßt: Lieber früher an Corona sterben, als vor Einsamkeit einzugehen wie eine Primel. Was können wir mit einem Leben, das gespickt von Annehmlichkeiten wie W-LAN und Lieferservices kaufen, wenn wir all das nur mit unserem Spiegelbild oder mit Familienmitgliedern teilen können, die sich und das Gegenüber kaum noch ertragen können?


Wie gehen wir mit dem Koller um, der uns umfängt, wenn die Gemeinschaft zur Bedrohung und die Einsamkeit zur einzigen Rettung wird? Ein Protest mit heruntergezogenen Masken ist wohl nicht die Lösung. All die Vorsicht als „Fakenews“ zu deklarieren, ist wohl auch nur ein dünner Ast der Hoffnung, aber ganz natürlich auch der beinahe unbedingte Wille, sich dem zu ergeben, was wir mehr brauchen als uns lieb zu sein scheint. Den anderen. Die anderen. Die Welt.

 

Der Erfolg unserer Spezies besteht auf Austausch von Erfolgsrezepten. Der Mensch wurde zur führenden Figur auf unserem Planeten, weil er sich austauschte. Die Herausforderung besteht also seit 2020 nicht mehr darin, die Menschen noch häufiger mit Gimmicks und Services auf dem Sofa fleezen zu lassen, sondern Interaktionsmöglichkeiten zu finden, die während der Pandemie möglich sind.

 

Virtuelle Räume oder auch reale, wo man sich begegnen und austauschen kann, ohne die Gesundheit des anderen zu gefährden. Deshalb wünsche ich mir in diesem Jahr zu Weihnachten für all die 20 Millionen Sors-Covid-19 Patienten und alle anderen: Mehr Lächeln, mehr Freude, mehr Geduld und vor allem: Mehr soziale Wärme.

 

Es gibt schon zu viele Menschen, die so einsam sind, dass es kaum einer bemerken würde, wenn sie sterben, lassen wir dieses Horrorszenario nicht weiter um sich greifen. Meldet Euch bei Freunden, telefoniert mit Oma und Opa aber vor allem: HABT EUCH WEITER LIEB, auch wenn es derzeit schwerer ist als sonst, weil man Frau und oder Kinder besser kennenlernt, als es der Beziehung gut täte.

 

Stellen Sie sich einfach vor, sie seien im Urlaub. Stellen sie sich vor, Sie haben wie vor 100 Jahren die Chance, die Mitmenschen als das kennen zu lernen, was sie sind: lebenswichtig, denn der Mensch lebt nicht vom Brot allein.

 

Passen Sie gut auf sich und die Ihren auf.

 

Bis morgen,

Bild und Text: adolf.muenstermann@gmail.com



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