Gesund aber einsam

Im Gegensatz zum Frühjahr, habe ich mich mittlerweile an die Einigelung gewöhnt. Der Mundschutz wurde obligatorisch, der Abstand Ausdruck des Respekts vor der Gesundheit anderer und die fehlende Darstellung der Emotion zur größten Bewährungsprobe.



Da sind wir wieder mitten drin im Log down. „Rien ne vas plus“, nichts geht mehr, obwohl, einkaufen und so funktioniert ja immer noch. Was aber fehlt so sehr, unter welchem Defizit mangelt unsere moderne Gesellschaft aktuell?

Ich glaube, dass es wachsendes Misstrauen ist. Wir können kaum noch erkennen, ob sich hinter der Maske uns gegenüber ein Lächeln oder ein hämisches Grinsen befindet. Alle Worte und Interaktionen sind auf ein Minimalmaß reduziert, und als Quintessenz droht einem jeder andere als potentieller Überträger, als Virenschleuder, als derjenige, der andere allein durch seine bloße Anwesenheit töten kann. Was da nur hilft ist Abstand und, weil man nicht weiß, wer bereits infiziert ist oder war, hält man sich besser von allen fern. Konsumiert die notwendigen Informationen aus seiner Blase und ist insgeheim froh, dass man endlich nicht mehr im billigen Anzug in ein Bürogebäude stiefeln muss, wo man die Menschen nicht mag, die Verkleidung die man zur Anpassung tragen muss und neben der eigentlichen Aufgabe oft den Weg dorthin am meisten hasst: den Weg dorthin oder wieder nach Hause.  

Allein die Argumentationsweise der Bundesregierung lässt schon alle Alarmglocken aufheulen: Die Schulen müssen geöffnet bleiben um potentiell drohendem Kindesmissbrauch aufgrund der Enge zu Hause entgegen zu wirken. Wir schicken den Nachwuchs also nicht zur Schule, damit er was lernt (denn dann hätten wir Luftreiniger in den Klassen und nicht Fensteröffnungspflicht), sondern damit er nicht von seinen überforderten Eltern gelyncht wird.  

Wenn Mama, Papa und Nachwuchs gemeinsam in der Wohnung hängen, gibt es Krach. Komisch, früher ging das doch auch weitestgehend ohne, und jetzt kommen sie mir nicht, da wurden die Kinder gesetzeslegitim verprügelt. Es geht darum, dass wir über die sozialen Netzwerke zum einen unsere Kompetenzen zum sozialen Interagieren verlernen, weil wir sie kaum noch „face to face“ anwenden. Wir verlernen sukzessive, auf den Habitus des anderen zu schauen, Ihn in unsere Art zu integrieren, Kompromisse zu machen. Wer nicht im Gesicht des Gegenübers sieht, was seine Worte anrichten, wird langfristig immer grobschlächtiger in dessen Anwendung.  HDGDL wird zum Synonym für eine Umarmung mit den herzlichen Worten: Ich habe dich ganz doll lieb und ein Smiley zu „du weißt schon, wie ich das meine“, aber vielleicht weiß ich das eben nicht. Vielleicht kann ich das gar nicht wissen, weil deine Mutter oder Großmutter just erst verstorben sein könnte.

Wenn wir uns sähen, wüsste ich zumindest, dass was nicht stimmt, weil es in deinem Gesicht stünde, dass etwas faul“ ist, seh` ich mein gegenüber nicht, haue ich ein „Deine Mudder ist so fett, die hat `ne eigene Postleitzahl“ als witziges Entree raus und trete voll ins Fettnäpfen. Wenn dann  ein "das war jetzt echt scheiße, denn meine Mutter ist soeben verstoben“ als Antwort winkt, hat man es dann noch gut, denn oft stehen Kurzschlussreaktionen an, Kontaktabbruch, Hasstiraden oder dererlei. Es ist ja sooo schön, einfach loszulegen, wenn man nicht sieht, was man anrichtet.

Ich nenne das den Bombereffekt: es war leicht Bomben abzuwerfen, wenn einem die zukünftigen Opfer nicht ins Auge sehen. Tote werden zu Kollateralschäden, Zahlen in der Statistik, die nur noch von der Titulierung mit meiner Spezies verwandt sind.

Wollen wir das zu unserem "Täglich Brot" machen? Wollen wir wirklich im Anderen nur noch eine Bedrohung sehen und uns abschotten? Oder wollen wir mit Augenmaß das Notwendige tragen und vielleicht aus der Not heraus besonders nette Worte finden, wo doch der Gesichtsausdruck die Kommunikation nicht mehr positiv beflügeln kann?

Wenn wir auf Goethe hören, der mal inhaltlich postuliert hat, wirklich immer nur eines zu machen, also auch beim Gehen nicht an die Tätigkeit danach zu denken, wird uns ganz schnell auffallen, wo wir mit freundlichen Worten die Welt in Krisenzeiten ein bisschen mit Freude bereichern können.

Ich glaube, das ist besser und wichtiger als jede Prophylaxe, denn wer will schon in einer Welt leben, in der alle gesund aber einsam sind?

Bis morgen,

 

Text und Bild: adolf.muenstermann@gmail.com

   


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