Runzeln über dem Humor

Wirklich wichtige Nachrichten findet man auch 2020 noch im analogen und nicht im digitalen Briefkasten. Aber Liebesbriefe sind bei den meisten schon lange nicht mehr dabei. Und das sind doch die wichtigsten Botschaften, die es je gab.


Immer wenn ich sehr verliebt bin, schreibe ich Nachrichten, die von Sehnsucht künden und Verbundenheit in Worte zu pressen gießen. Da werden Arme zu Schwingen und sündige Lippen zum Nabel der Welt. Mit jedem Wort erhoffe ich mir, dass das mit Tinte benetzte Blatt Papier wieder und wieder gelesen wird, Liebkosungen erfährt und an einer pochenden Brust die Tränen trocknet, die beim Lesen meiner Zeilen entstanden sind.

Im Schwung der Buchstaben und Abstand der Worte erkenne ich die Seele der Angebeteten. Die Detailverliebtheit beim „t“-Strich oder der pathetisch anmutende Zirkel unterm „n“. Jede Regung dieses Unikates bist Du.

„Als wärest Du getrennt von einer undurchsichtigen Glaswand, Zuhörer meiner intimsten Geheimnisse, ohne direkt antworten zu können“, schrieb Klopstock seiner Fanny. Gedanken in Worte zu fassen, ist die Trennung von Seele und Körper aufzuheben. Den Geist vergessen lassen was der Körper rational ist und ihn in phantastischen Gedanken immer wieder neue Dasein zu bilden.

Keine E-Mail schmiegt sich so soft unter mein Kopfkissen wie ein Liebesbrief, und kein Knick ist mit sooo viel Geschichte eines persönlichen Gefühls verbunden, wie der in einem Liebesbrief, und wohl kein Blatt Papier wurde so sorgfältig aufbewahrt, angesehen, gestreichelt und sehnsüchtig erwidert, wie das, auf dem Zuneigung ersehnt wird.

In einem meiner ersten Liebesbriefe empfahl mir meine ehemalige Freundin Romina, beim Küssen die Augen zu schließen. Und als ich es las, wurde aus einem dreizehnjährigen Jungen ein verliebter Per Gynt, dessen große Liebe als Italienerin noch weit mehr zu bieten hatte als jene Ratschläge, aber so schön ungezwungen, frei von jeglichen Konventionen und so naiv schön, wie in meiner Phantasie beim Lesen Ihrer Zeilen, war es nie.

Das schriftliche Gespräch bei dem jeder aussprechen darf und begründet hofft, ein geneigtes Ohr zu finden ist wohl die am meisten mit Hoffnungen überladene Entität der Menschheit und vielleicht deshalb in modernen Zeiten so selten geworden. Denn Fehler lassen sich nur verhüllen, indem man alles erneut niederschreibt. Und allein das ist einem schon nicht Jeder wert.

Aber der Griff in den Briefkasten, wenn sich plötzlich ein parfümierter Umschlag mit geschwungener Adresse und einer Briefmarke von Beethoven zwischen Rechnungen befindet, ist mit keinem Betrag ersetzbar, der vielleicht im einen oder anderen flankierenden Couvert verlangt wird. Und wenn man ehrlich ist, egal wie dringend und intensiv-farbig alle anderen Nachrichten gestaltet sind, ein jeder mit Seele wird unweigerlich zuerst mit zittrigen Händen geflüsterte Geheimnisse auf Briefbögen verschlingen wollen, und wenn es nur deshalb so ist, weil sich mit kochendem Blut und liebesgetränktem Blick jede schlechte Nachricht viel besser verdauen lässt.

Warum also bei nächster Gelegenheit nicht mal wieder zum Füller statt zur Tastatur greifen, wenn es unumgänglich ist, jemandem zu danken oder einfach nur zu sagen: Ich liebe dich

Mag sein, dass ein Rechtschreibprogramm bei der Mail kleine Schwächen korrigiert, aber es könnte doch auch sein, dass genau jene an ihnen so geliebt werden.

Denn, selbst dass man nicht (mehr) gut schreiben kann, klingt in die richtigen Worte gefasst wunderschön, so zum Beispiel:  

Pour bien écrire encor jái trop long terms écrit,

Et les rides du front passent jusquá lésprit,*

(Christian Fürchtegott Gellert 1751 – der hat aber auch viel Quatsch geschrieben)

 

*um noch gut zu schreiben, habe ich zu lange geschrieben, und die Runzeln meiner Stirne erstrecken sich bis auf meinen Witz.


Bild und Text: adolf.muenstermann@gmail.com

       


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