Dafür bekommt man keine Quittung

Am Ende des letzten Monats blieben 7,63 Euro in Kleinstgeld. Das ist in der Summe ganz schön wenig, aber im Volumen etwa 0,5 Liter Joghurt. Zu viel für Kartenlesegeräte und jene, die sie bedienen müssen.


Ja, Armut ist schmuddelig und dreckig. Sie gehört in die Ecke, da wo sie keiner sieht. Wer mit Karte zahlt, ist nur arm, wenn die Zahlung nicht funktioniert. Was, wie ich feststelle immer häufiger der Fall zu sein scheint, nicht nur  bei mir. Dabei sieht es doch besser aus, wenn einem noch drei Cent Kleingeld fehlen, als wenn 2,87 Euro, nicht abgebucht werden können.

Und achten sie mal auf die wenig reicheren Kassierer, wie angewidert sie einen abschauen, wenn man vor ihnen wie ein Häufchen Elend im zu Sand verkommenen Leichtsäuberungsgranit versinkt. Diese süffisante Arroganz, weil es einem endlich mal besser geht als anderen „geh arbeiten du Sau“ schießt es da dem Kassierer an der Tanke durch den Kopf, der im selben Moment vergisst, dass er selbst kaum mehr verdient.

Als Quintessenz glorifiziert man das Unausweichliche: Die Kameras sind gut, weil eh alle klauen. Aus „in dubio pro reo“ wurde "im Zweifel gegen den Angeklagten", weil man es selbst täte, wenn die fehlende Überwachung es erlauben würde. Mein schlechter Charakter ist für die Missgunst anderen gegenüber verantwortlich.

Wie ein Verbrecher wird man vorgeführt, weil der Eimer vom TEDI beim Lidl noch nicht „entmagnetisiert scheint“. Vor Hartz IV Empfängern und geizigen Bonzen muss sich die Mutter von drei Kindern bis auf die Seele nackig machen, damit der Sicherheitsmann seiner Daseinsberechtigung nachgehen kann.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber das ganze Wachpersonal und düster gekleidete Aufsichtspersonal vom Kiosk bis zum Flughafen, macht mich eher mürbe, statt mir ein Gefühl von Sicherheit zu verleihen. Wenn ich Bundespolizeibeamte mit Maschinengewehr im Anschlag in Münster/Osnabrück sehe, schießt mir eher durch den Kopf, dass mindestens einer abdrückt und nicht vielleicht einer.

Was das mit Armut zu tun hat? Für mich ist das die w/Wa(h)re Armut. Gesellschaften, in denen Arbeitslosen 60 Euro für Schwarzfahren abgenommen wird, als wenn sie das gerne täten oder Mädchen, die fürs Sammeln von  Lebensmitteln aus Containern in Bayern zu 1000 Euro Strafe verurteilt werden.

Armut ist, wenn eine Gesellschaft sich das gefallen lässt und dafür die Gestalten in den Gossen verantwortlich macht. Die ihr einziges Glück im seltenen Moment der Überheblichkeit nähren können. Deren Frust in Netzwerken Worte und in immer seltenerer direkter sozialer Interaktion Taten folgen.

Wir sind so gnadenlos ignorant in unserer kleinen Toleranz, dass wir es gar nicht mehr bemerken, wie hoch der Preis ist, den wir still und heimlich dabei bezahlen. Jedes Lächeln spendet mehr Glück auf dieser Welt als ein Blanko Scheck an Ärzte ohne Grenzen. Aber dafür bekommt man leider keine Quittung.

Bild und Text: adolf.muenstermann@gmail.com



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