Deutschland hamstert wieder

Die Corona-Zahlen steigen rasant, ein zweiter Lockdown steht bevor und in meinem Badezimmer steht schon wieder eine Rolle Küchenpapier. Haben wir denn gar nichts gelernt? Ein Kommentar.



Die Spanische Grippe, die letzte irgendwie vergleichbare Pandemie, ist ziemlich genau 100 Jahre her. So lange, dass es wohl kaum noch einen Menschen unter uns gibt, der schon mal Erfahrungen mit einer Pandemie machen durfte. Es ist also grundsätzlich verständlich, dass einige beim ersten Lockdown im Frühjahr ihren gesunden Verstand auf Standby schalteten und massenweise Klopapier, Mehl und sonst was nachhause karrten. Zwar gab es nie einen nie einen ernstzunehmenden Anlass für Hamsterkäufe – die Klopapierindustrie zeigte keine Anzeichen, ihre Produktion herunterzufahren – aber man wusste eben schlichtweg nicht, was einen noch erwartet und in einer solchen Situation denkt man eben erstmal an das eigene Wohlergehen.

„Hamsterkäufe sind nicht nur unsinnig, sondern auch unsolidarisch“ titelten beim letzten Mal diverse Zeitungen und klärten umfassend über die irrationalen Mechanismen hinter den Hamsterkäufen auf. Am Montag geht es in den zweiten Lockdown und es scheint, als wären die zahlreichen Appelle ins Leere gelaufen. Die Regale sind wieder leer und wir haben anscheinend gar nichts gelernt.

Natürlich werden jetzt einige sagen „ich kaufe auf Vorrat ein, weil ich wegen der Ansteckungsgefahr so selten wie möglich einen Supermarkt betreten möchte“. Das ist zwar strenggenommen auch schon egoistisch, denn wer möchte sich schon anstecken, aber dennoch ist es verständlich. 

Fragt sich nur in wie weit es diesmal um die Ansteckungsgefahr geht. Ernähren sich diese Leute in der Zeit, für die ihr Klopapiervorrat reicht, dann eigentlich auch nur von haltbaren Dosenprodukten? Gehen also wirklich nicht mehr in den Supermarkt? Bei den Mengen an Klopapier die Manche aus dem Discounter tragen, dürfte das einen monatelangen Verzicht auf frische Lebensmittel bedeuten. Viel wahrscheinlicher ist es doch, dass diesmal vor allem aus der Angst heraus gehamstert wird, dass eben andere wieder hamstern. Das genau scheint nämlich das Problem der Runde 2 zu sein, ein Teufelskreis. 

Ich habe leider den Startschuss zum Hamstern verpasst, weil ich dachte, wir wären dieses Mal klüger. Nun muss ich erneut auf Küchenpapier und die von der letzten Grippe übriggebliebenen Taschentücher zurückgreifen. Doch auch ich, wütend über den Egoismus derer, die den Vorratsschrank voll Klopapier haben, hatte schon den Gedanken, bei der nächsten Lieferung gleich zwei Pakete mitzunehmen. Eigentlich möchte ich das nicht, ich möchte mich solidarisch verhalten und diesen Teufelskreis nicht weiter befeuern. Daher mein Appell an alle Hamsterer: 

Denkt doch beim nächsten Einkauf auch mal an eure Mitmenschen. Etwas Solidarität kann besonders in der Krise nicht schaden. Und eigentlich müssten eure Vorratsschränke doch noch vom letzten Hamsterwahn ausreichend gefüllt sein, um durch den Winter zu kommen.

Bitte zwingt mich nicht auch zum Hamstern! Ich möchte doch weiterhin von mir behaupten können, besser und solidarischer zu sein, als "die Anderen". Aber auf Klopapier will ich nun wirklich nicht verzichten.


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