Ausbildung im Handwerk - Ein Lagebericht

Die Aufgaben der Handwerkskammer sind so vielfältig, wie das Handwerk selbst. Im Gespräch mit Herrn Carsten Haack, Abteilungsleiter Nachwuchsförderung der HWK, haben wir das Thema Ausbildung im Handwerk näher beleuchtet.

Wenn man die Zahlen betrachtet, wird schnell klar, dass der Begriff Fachkräftemangel auch künftig nichts an Relevanz verlieren wird. Obwohl die Anzahl der Handwerksunternehmen gestiegen ist, hat sich die Zahl der Ausbildungsbetriebe im Kammerbezirk innerhalb von 10 Jahren von 6347 auf 5523 reduziert. Gleichzeitig gibt es aktuell 450 offene Lehrstellen im Lehrstellenportal der Kammer. 


"Wir kämpfen an zwei Fronten" so Haack. "Wir wünschen uns sehr, dass mehr Betriebe den Mehrwert der Ausbildung im eigenen Hause erkennen und sind auf der anderen Seite permanent im Dialog mit Schulen und der Berufsberatung, um junge Menschen von den Vorteilen des dualen Ausbildungssystems zu überzeugen." 


Eine betriebliche Ausbildung sei für viele Schulabsolventen der richtige Berufseinstieg - unabhängig von Schulform und Schulabschluss. Der Anteil der Abiturienten, die sich derzeit für diesen Weg entscheiden, liegt aktuell bei 22,5 Prozent. "Wir freuen uns über jeden Abiturienten. Die allgemein verbreitete Meinung, diese nehmen den Real- und Hauptschülern die Ausbildungsplätze weg, stimmt erfahrungsgemäß nicht. Für viele Betriebe spielt der Abschluss nicht die entscheidende Rolle." Immerhin bilden die Realschüler mit 41,5 Prozent immer noch die größte Gruppe und die ist im Vergleich zu 2010 auf konstantem Niveau.



Das Handwerk bietet nicht nur eine qualifizierte Ausbildung, sondern auch den Weg in unterschiedlichste Branchen. Für einige Ausbildungsbetriebe ist die passende Lehrstellenbesetzung besonders schwer. So hat der Gebäudereiniger, allein schon aufgrund der Berufsbezeichnung, ein Imageproblem. Der Bäcker wiederum schreckt mit augenscheinlich wenig attraktiven Arbeitszeiten. Zudem sind die Jugendlichen wählerischer und anspruchsvoller geworden. "Das Interesse für diese Berufe zu wecken gelingt nur im direkten Dialog mit den potentiellen Lehrlingen. Hier müssen Geschichten erzählt werden" lächelt Haack "zum Beispiel vom ehemaligen Auszubildenden, der heute in leitender Position ein großes Team im Facility Management führt. Oder vom Bäcker, der seinen Traum einer eigenen Pferdezucht nur erfüllen konnte, weil er seine freie Zeit am Tage qualitativ ganz anders füllen kann, als die 'normale' Feierabendzeit es zulässt."


Es wäre nicht das Jahr 2020, wenn wir nicht auch die Corona-Pandemie thematisieren würden. 


Die schlechte Nachricht: Die Krise hat einige Betriebe im Kammerbezirk hart getroffen. Das offensichtlichste und bekannteste Beispiel sind die Friseure. Andere Branchen, wie die Baubranche wurden durch Corona so gut wie nicht gestört. Und es gibt auch die sogenannten Gewinner, wie zum Beispiel den Fahrradhandel - vor allem im Münsterland. Wie sich die Auftragslage insgesamt weiterentwickelt, bleibt abzuwarten. 


Die gute Nachricht: Die Lehrstellensituation ist nicht so dramatisch, wie zu Beginn der Pandemie befürchtet. Zwar gibt es einen Anstieg der offenen Lehrstellen zum Vorjahr von plus 154 und die Zahl der Erstverträge hat sich um 8,6 Prozent verringert, jedoch kann sich diese Zahl im Laufe der nächsten Monate noch reduzieren. Denn ein Einstieg in die Ausbildung ist trotz bereits gestarteter Berufsschule jederzeit möglich. "Unsere Beratung in den Schulen war im entscheidenden Augenblick durch den Lockdown gestört" erklärt Haack "und es scheint, als hätten viele Schüler und auch die Eltern erst einmal abgewartet, wie sich die Situation entwickelt. Wir sind optimistisch, dass der ein oder andere Vertrag noch abgeschlossen werden kann."


Bestehende Ausbildungsverträge sind nicht gekündigt worden. "Hier spielt, bei aller Konkurrenz, der große Zusammenhalt innerhalb der Innungen eine Rolle" freut sich Haack "Die Auszubildenden der wenigen Betriebe, die tatsächlich Insolvenz anmelden mussten, sind  problemlos von anderen Unternehmen übernommen worden."


Fazit: Heutige und künftige Schulabsolventen und deren Eltern sind gut beraten, sich über die Möglichkeiten der Ausbildung im Handwerk zu informieren. Das duale Ausbildungssystem bietet nicht nur hervorragende Karrierechancen in unterschiedlichsten Berufsgruppen, sondern auch Schulabbrechern die Möglichkeit, mit der Lehre einen Schulabschluss zu erreichen. Selbst der Weg zum Studium ist über den Meisterbrief frei.


Informationen zu freien Ausbildungsstellen finden Interessierte im Online-Lehrstellenportal: www.hwk-muenster.de/lehrstellenportal


Fotos/Bildquelle: www.amh-online.de

Grafik Auszubildende im Handwerk: Handwerkskammer Münster


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