Als Verantwortung noch ein Fremdwort war

Familie sind Freunde, die man sich nicht aussuchen kann, und wenn man mich vor einigen Jahren gefragt hätte, als Freunde hätte ich meine nicht bezeichnet. Und bei den meisten, würde ich diese Wortwahl auch heute noch vermeiden. Warum eigentlich?

Da gab es die arrogante, mittlerweile alternde Tante, die im Leben nichts anderes geleistet hat als hübsches Beiwerk zu sein, Nachwuchs zu gebären und alles anzupöbeln, was den engen Konventionen nicht entspricht, den Zigarillo rauchenden Bruder des Opas, Onkel Alfred, der in seinem schicken Mercedes aus dem Ruhrgebiet kam und beim Abschied mit den grobschlächtigen Pranken eines Zechengurus dem kleinen Adi fünf Mark in die Wurstfinger drückte. Und natürlich seine Frau, die mir nur als großgewachsene Dame in Erinnerung blieb, deren sympathisches Lächeln oft hinter einem Henkel Trocken verschwand.

Aber natürlich ist das nur die halbe Wahrheit, denn von der Sonderpädagogin Maria aus Paderborn, der Schwester meiner Mutter, habe ich noch gar nicht gesprochen. Ich liebte sie dafür, dass sie mich, ich will nicht sagen hasste, aber doch mehr oder weniger negierte und somit ihre gaaaanze Liebe in Rüschenblusen für meine damals 16-jährige und heute immer noch zimzickige Schwester zum Ausdruck brachte. Ihr Mann hingegen war stets irgendwie ein sympathisches Vorbild. Computerprogrammierer bei Nixdorf und HiFi-Freak. Seine Stereoanlage mit dem edlen schwarzen Nakamishi Kasettentape habe ich immer ehrfürchtig begutachtet ohne es zu wagen, auch nur anzulangen. Was ich bei anderen Besitztümern nicht unbedingt beherzigte, wie mein Patenonkel festellen musste, als ich seinen Chateau Rotschild aus der Flasche trank. Der geschrottete Audi 100 meines Papas, ein zerstörter Bulli im Inventar einer Lagerhalle des Mannes der besten Freundin meiner Mutter oder das geplünderte Portemonnaie meines Opas waren weitere exemplarische Beispiele.

Kindheit ist schön, weil Verantwortung ein Fremdwort und Neugierde Passion ist.

Ja, ich war schon immer ein Satansbraten, und meine Eltern haben mich, wie ich heute konstatieren muss, trotz allem mit viiiel Hingabe und Verständnis großgezogen, na ja, zumindest ins Erwachsenenalter geführt. Erst gestern schrieb ich meiner Mutter: Danke, dass du das Kind, was wohl nur eine Mutter lieben kann, nie im Stich gelassen hast.

Heute schenkt meine Schwester ihren Kindern Dirndl und Lederhosen und ich meiner Tochter ein Desigual-Kleid. Da ich aber als lebensfroher Junge der erste war, der Nachwuchs zur Welt brachte, ist meine Tochter heute schon so alt, dass ich für den besseren Geschmack leider auch nicht unbedingt mit Liebe überschüttet werde. Der Apfel fällt eben nicht weit vom Birnbaum. Aber das ist ein anderes Thema.

Die Zeit, als man seine Kinder noch ungestraft „Adolf“ nennen konnte, man besoffen mit dem Fahrrad von der Party nach Hause torkelte und sämtliche Gräben näher kennen lernte, hatte noch andere Leckerlies zu bieten. Autofahren im Kofferraum oder mit dem Schlitten an der Abhängekupplung rodeln, waren Fantasien, die ich noch leben konnte und für die man heute wohl umgehend verhaftet würde. Zwischen 1976 und 1985 kommentierte man diese Bagatellen noch mit „lass ihn doch“.

Mein erstes Bier trank ich mit 10 „hier Kleiner, wills ma probiern“ und meine erste Frau küsste ich mit 13. alles hat eben seine Vor und Nachteile. Aber zu Partys trampen, Schülerausweis fälschen und durchs Fenster heimlich ins Bett klettern, wären heute wohl nicht mehr so einfach. Gott bewahre, wenn ich ein Handy gehabt hätte, auf dem man mich ständig hätte erreichen können. Von Verstehen, mal ganz abgesehen.

Meine Kindheit war noch Kindheit. Wir legten uns mit dem Drahtesel noch ohne Helm beim freihändig über die Hauptstraße fahren richtig auf die Fresse, und meinen ersten offiziellen Autounfall hatte ich am Tag meiner bestanden Führerscheinprüfung. Da gabs dann ne (ordentliche) Watschen ein “Ab ins Zimmer“ und das Thema war durch. Wenn man die Kirche schwänzte, weil man lieber bei liberaleren Eltern frühstückte, passierte ähnliches. Meiner Schwester schrieb ich keine Hasssmails sondern warf ihr beim Spülen 'nen Topf an den Kopf und bekam auch selbigen retour. Gut, das hat sich bis heute nicht wesentlich geändert.

Aber im Gegensatz zu heute, habe ich von meinem Vater nicht nur gelernt, wie man im Büro unter seinem strengen Blick mit einem Linial Bruchstriche zieht und was verzeihen heißt, sondern auch, was BEDINGUNGSLOSE Liebe ist, auch wenn man die nicht so sensibel gezeigt bekam wie heute.

Und meine Mama, ja Mama. Mama ist Mama und Mamas, das könnt ihr mir glauben, sind und bleiben die intimste Bezugsperson der Welt, ein ganzes Leben lang und wenn man sie noch so zu hassen glaubt. Mamas haben lieb. Sogar Satansbraten wie mich, mit denen das Spielen teilweise sogar verboten wurde - und dass ich einer sein durfte, hat mich nicht nur nachhaltig geprägt, sondern auch nur meine Mama sein lassen.

Heute kann mich mein Papa nicht mehr aus Hamburg abholen, weil ich nach einer Party da gestrandet bin, denn er ist nicht mehr da, aber meine Mama macht immer wieder die Tür auf wenn ich davor stehe, selbst wenn ich mich vorher ankündige.


Bis morgen,


Bild und Text: adolf.muenstermann@gmail.com









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